Mein Ziel, meinen Aufenthalt hier so lange zu verlängern, bis ich einen aus meiner Sicht akzeptablen Erfolg an mir feststelle, hat sich mittlerweile offensichtlich im Haus verbreitet, wird im Schwimmbad, in der Sauna und an anderen Stellen des Hauses diskutiert, wie ich von einigen bekannten Patienten höre. Ich fühle viele neugierige, aber auch aufmunternde Blicke, wenn ich durch die Flure oder die allgemein zugänglichen Räume gehe. Mein Zimmernachbar Rainer sagt im Vorbeigehen an meinem Tisch im Speisesaal: "Ich wette, du kannst bleiben!"
Ich versuche abends, mich auf die Gespräche am morgigen Montag vorzubereiten. Mir ist sehr unbehaglich bei dem Gedanken, allein drei Therapeuten gegenüberzusitzen, aber ich möchte durch eine Absage nicht das Gespräch mit dem Chefarzt zu meinen Ungunsten belasten.
Soll ich weitere Kräfte verbrauchen und versuchen, ihnen meine Gefühlsschwankungen und Vergesslichkeiten begreiflich zu machen, von denen ich jetzt nahezu sicher weiß, dass sie mit Klärung meiner Lebenssituation automatisch verschwinden werden?
Oder werden sie sich nicht über eine Diskussion der Teilnahme oder Nichtteilnahme an Verordnungen erheben können?
Soll ich schweigen? Mich ganz auf das Gespräch mit dem Chefarzt konzentrieren?
Seine Gesprächsgrundlage wird jedoch die Rückmeldung der drei Therapeuten sein... Es ist verzwickt! Noch vor kurzem wäre mir diese Anstrengung zu viel geworden. Ich wäre wütend abgereist, nur halb erholt und mit Groll gegen die Therapeuten und mich selbst im Herzen.
Im abendlichen Telefonat will ich Richards Meinung erfragen: "Richard! Ich bitte um deinen Rat: Soll ich morgen allein mit drei Therapeuten sprechen?"
"Ja natürlich! Warum denn nicht?"
"Du hast aber noch nie mit einem Psychologen zu tun gehabt - und von einem weiß ich genau, dass er mir das Wort im Mund umdreht!"
"Ich würde in aller Ruhe mit ihnen sprechen."
"Ja du! Du bist auch beherrscht und nicht klinikreif! - Aber wenn mein Stationsarzt mich wieder provoziert, knallt bei mir sofort die Sicherung durch!"
"Hast du mich nach meiner Meinung gefragt oder nicht?"
"Ja natürlich... entschuldige bitte..."
"Du brauchst dich doch nicht zu entschuldigen!"
Meine Hochstimmung ist längst wieder verflogen. Hätte ich mich nicht besser ohne Widerstand nach Hause schicken lassen sollen? Nein ! ! !
Abschlussuntersuchung heute 10.45 Uhr - Gruß Schwester Renate!"
Diesen unter der Tür durchgeschobenen Zettel finde ich am Montagmorgen, meines möglicherweise letzten vollen Klinik-Tages, beim Verlassen meines Zimmers auf dem Weg in den Speisesaal.
Alle Vorbereitungen werden also getroffen.
Mein Tagesplan würde damit aus vier anstrengenden Terminen bestehen und wäre so voll wie an keinem anderen Tag der vergangenen acht Wochen: Große Gesprächsgruppe von 9.15 bis 10.45 Uhr, Abschlussuntersuchung mit Computer-Psychotest ab 10.45 Uhr, Gespräch mit drei Therapeuten von 12 bis 12.30 Uhr und Gespräch mit dem Chefarzt um 15 Uhr - danach möglicherweise Packen, Bezahlung der Telefonkosten und des Eigenbeitrages, der Stress der Verabschiedung von mittlerweile zu Freunden gewordenen Leidensgenossen - und mit all diesen Dingen in meinem ohnehin nur unzureichend funktionierenden Kopf fahre ich dann vielleicht morgen früh hunderte von Kilometern bis nach Hause und soll theoretisch übermorgen wieder frisch am Arbeitsplatz erscheinen...
Eine groteske Zumutung. Eine Zumutung, von der ich mich teilweise entlasten werde. Im Gegensatz zu meinem bisherigen Ohnmachtsgefühl, nach dem Belieben von Menschen, die andere Ziele verfolgen, überhört und gelenkt zu werden, werde ich nach meinen eigenen Vorstellungen handeln.
Ich gehe zum Schwesternzimmer und bitte Schwester Renate, mich später in der großen Gruppe zu entschuldigen. Mein Stationsarzt ist ebenfalls im Raum anwesend, sucht etwas in einem Medikamentenschrank. Er sieht mich mit sehr ernstem Blick an. Ich lasse meinen Blick sofort weiterwandern, ohne ihn zu grüßen.
Wieder in meinem Zimmer, fühle ich mich sehr unruhig, nehme dies und jenes in die Hand, ohne wirklich packen zu wollen. Ich werde abwarten, wie sich die Dinge entwickeln. Telefon. Schwester Renate fragt, ob die Verlegung des Computertests auf 15 Uhr nachmittags in Ordnung sei. "Um 15 Uhr habe ich einen Termin mit dem Chefarzt - ist er gestrichen?"
"Einen Moment bitte." Leises Gemurmel im Hintergrund. "Geht es um 14.30 Uhr?"
"Nein. Der Test ist sehr anstrengend und hat bei meiner Ankunft fast eine Stunde gedauert. Ich hätte erstens nicht genügend Zeit und wäre außerdem völlig erledigt, wenn ich zum wichtigsten Termin des Tages gehe. Es würde mir aber nichts ausmachen, den Test morgen früh durchzuführen. Ich bin an keinen Fahrplan gebunden."
Sie kündigt an, den Termin noch genau zu klären und mir Bescheid zu geben.
Ich brauche unbedingt Bewegung, mache mich auf den Weg zu einem Spaziergang. Ich will nicht in meinem Zimmer sein, sollte ich doch noch in die Gruppenstunde gerufen werden. Im Hinausgehen höre ich das Telefon klingeln.
Nach meiner Rückkehr frage ich bei der Schwester nach, wo genau das Gespräch mit den drei Therapeuten stattfinden soll. Sie ist etwas ratlos, fragt dann meinen gerade zur Tür hereinkommenden Stationsarzt. Er kritisiert zuerst mein unentschuldigtes Fehlen in der Gruppe am Morgen. „Weshalb sind Sie nicht erschienen?"
"Der für mich vorgesehene Tagesplan war mir zu anstrengend. Ich hatte mich von der Schwester entschuldigen lassen. Sie waren selbst mit im Raum, als ich mit ihr sprach!"
Er nennt mir dann eine Raumnummer, die mir die Schwester auf meine Bitte auf einen Zettel notiert, und beschreibt ein Besprechungszimmer im neuen Gebäudetrakt. Noch 20 Minuten Zeit bis dahin.
Alles in mir widerstrebt diesem Gespräch. Soll ich auf Instinkt oder Verstand hören? Mein Instinkt rät mir deutlich, mich dieser Situation nicht auszusetzen. Mein Verstand sagt mir, dass ich es tun muss, um dem Chefarzt meinen guten Willen zu zeigen.
Rainer spricht mich an, während ich den Flur entlang zurück zu meinem Zimmer gehe: "Bitte erzähle niemandem, dass ich mit dir gesprochen habe: Es war gut, dass du heute Morgen nicht in der Gruppe warst. Wir haben lange über dich gesprochen. Erst waren einige der Meinung, du beanspruchst zu viel Raum für dein Problem, aber dann haben sich sehr viele für dich eingesetzt und gesagt, dass du wirklich die ganze Zeit hier sehr zurückgezogen gelebt hast und überhaupt erst jetzt beginnst, wieder lebendig zu werden.
Der Stationsarzt sagte dann, dass er über eine Verlängerung nachdenkt. Du darfst bestimmt bleiben! Bleibe also nachher gelassen und rege dich nicht wieder so auf!"
Ich rege mich bereits auf, empfinde es als eine Unverschämtheit, der Gruppe zur Diskussion gestellt worden zu sein, bin aber auch froh über Rainers Information und fühle mich etwas sicherer, mache mich dann auf den Weg zu dem vom Stationsarzt bezeichneten Besprechungszimmer. Es ist leer.
Es gibt noch einen zweiten Besprechungsraum, wie ich bei einem meiner Gänge durch die Flure und Betrachtung der zahlreichen Kunstdrucke an den Wänden vor einigen Tagen registriert hatte. Ich gehe hinunter in die entsprechende Etage, sehe dann meinen Stationsarzt aus dem Aufzug treten und den Flur entlanggehen. Ich laufe schneller, hole ihn ein: "So geht es mir hier!"
Ich zeige ihm den Zettel mit der von Schwester Renate nach seinen Angaben notierten falschen Raumnummer: "Der Raum war leer!"
Er gibt sich verwundert: "Das ist aber merkwürdig. Dann wird es wohl ein anderer sein."
Ist es möglich, dass er mich in einer endlosen Kette auch jetzt noch provoziert, mir durch bewusste Angabe einer falschen Raumnummer den Nachteil einer Überreaktion, des Zuspätkommens oder gar Nichterscheinens verschaffen und seine unrichtigen Vorwürfe damit in Tatsachen verwandeln wollte?
Das Gespräch entwickelt sich dann so, wie ich es befürchtet hatte. Wir sitzen in einem großen, unbehaglichen Raum, Sessel entlang der Wände. Kein Tisch in der Mitte. Große Abstände zwischen uns Vieren.
Der Stationsarzt schaut mich lange wortlos an. Ich nehme mich sehr zusammen, um gelassen zu erscheinen, kenne die Situation aus den Einleitungen der Stationsgruppengespräche und schweige ebenfalls.
Die Körpertherapeutin beginnt in vorwurfsvollem Ton das Gespräch: "Ich spüre eine unangenehme Spannung, die von Ihnen ausgeht."
"Ich bin sehr angespannt! Weshalb sind wir hier?"
Mein Stationsarzt antwortet: "Ziel dieser Besprechung soll eine Zusammenfassung der bisherigen Erfahrungen sein."
Der Kunsttherapeut beginnt mit Kritik: "Sie haben einmal gefehlt und nur zweimal an meinem Kurs teilgenommen. Ich konnte mir deshalb kein Bild von Ihnen machen. Mir schien jedoch, dass Sie die Sonderveranstaltungen über Weihnachten sehr entspannt genossen haben."
"Die Sonderveranstaltungen haben mir tatsächlich auch sehr viel gegeben! Meine Stimmung war danach sehr viel besser, und ich fühlte mich sehr munter und gleichzeitig ausgeglichen! Ich hätte gern mehr davon gehabt!"
Die Körpertherapeutin mit ihrem blassen, unbewegten Gesicht äußert sich sehr bestimmt: "Von meiner Seite aus ist ihre Betreuung abgeschlossen. Mir fiel jedoch auf, dass Sie in der ersten Stunde, die Sie zu Beginn Ihres Aufenthaltes an meinem Kurs teilnahmen, Leistung erwarteten."
"Das verstehe ich nicht. Mir war der Sinn einiger Übungen nicht klar. Anderen Patienten ging es genauso, wie ich aus Gesprächen weiß."
Der Kunsttherapeut braust aus seiner Ecke auf: "Jetzt reden Sie wieder von anderen! Hier geht es um Sie!"
In diesem Stil geht es weiter: Ständig unterbricht einer der gerade nicht am Gespräch beteiligten Therapeuten meine Dialoge mit einem der anderen beiden, oder ich höre ein widerwilliges Schnauben, sehe aus den Augenwinkeln ein ablehnendes Kopfschütteln.
Ich werde ärgerlich, fahre nach wiederholten Zwischenbemerkungen des Kunsttherapeuten auf: "Bitte geben Sie mir die Möglichkeit, mich auf das Gespräch mit einer Person zu konzentrieren, anstatt ständig mit Zwischenrufen meine Worte zu kommentieren !
Sie drei wechseln sich der Reihe nach im Gespräch ab und können zwischendurch Ihre Gedanken ordnen. Ich nicht! Ich bin hier Patientin, keine Angeklagte im Kreuzverhör!"
Eisiges Schweigen. Sie sind beleidigt. Ich schweige ebenfalls.
Mein Stationsarzt fragt: "Ist Ihnen bewusst, was Sie mit der Therapiegruppe machen?"
In der beruhigenden Gewissheit von Rainers Information über die am Morgen stattgefundene Diskussion und der Sympathie vieler Patienten antworte ich: "Nein."
"Ist Ihnen bewusst, was Sie mit der Gruppe machen? Sie nehmen zu viel Raum ein!"
"Die Länge der Unterhalten bestimmen Sie."
Mein Stationsarzt fragt: "Und wie stellen Sie sich eine weitere Therapie in unserem Haus vor?"
„Ich stelle mir eine positive Lenkung vor, einen Aufbau, eine Ermunterung zu positiven Gedanken. Die Sonderveranstaltungen waren ein ausgezeichnetes Beispiel dafür. Und Ruhe zur Erholung - keine Provokation!"
Ich versuche, ihnen meine Gefühle beim Erleben des Flugtraumes zu vermitteln: "Ich hatte auf einmal das Gefühl, als ob sich Verkrustungen im Gehirn lösen. Dieses wunderbare Gefühl wurde durch eine entspannte Stimmung eingeleitet und haben mir das langvermisste Gefühl der Unbeschwertheit für einen kurzen Moment zurückgegeben. Diese Stimmung möchte ich wiedergewinnen! Ich will nicht melancholisch oder verärgert, sondern in einer helleren Gemütslage heimfahren..."
Ich erreiche sie nicht. Sie schütteln die Köpfe. Ich spüre ihre Ablehnung körperlich.
Der Stationsarzt fragt mich ungewohnt scharf: "Sie haben meine Frage nicht beantwortet! Wie stellen Sie sich eine weitere Therapie vor?!"
"Ich habe Ihre Frage gerade beantwortet, aber offensichtlich spreche ich eine Sprache, die hier niemand versteht - was mich sehr überrascht. Gerade in Therapeuten hätte ich Sensibilität für meine Schilderung erwartet... Ich möchte gern mit dem Kunsttherapeuten weiterarbeiten. Er hat mir bis jetzt durch die freiwilligen Veranstaltungen und die beiden Stunden im Offenen Atelier gute Anregungen gegeben."
Nach längerem Schweigen wird die Runde aufgelöst.
Nach dem Essen fahre ich mit dem Wagen die umliegenden Landstraßen entlang, will mich beschäftigen, meine Gedanken auf das Fahren konzentrieren, bis es Zeit für das nächste Gespräch ist. Plötzlich erschrecke ich beim Blick auf die Uhr: 20 Minuten vor 15 Uhr! Ich hätte den Termin mit dem Chefarzt beinahe vergessen! VERGESSEN! Nur noch 20 Minuten, und ich bin weit entfernt von der Klinik! Mich überläuft ein unangenehmer Schauer: Welch eine Blamage, zu diesem wichtigen Termin zu spät zu kommen! Und mit Sicherheit das Ende meines Aufenthaltes...
Mittlerweile kenne ich mich jedoch gut in der Gegend aus und kann Hauptverkehrsstraßen mit Ampelanlagen und Verkehrsstaus meiden. Eine Minute vor der vereinbarten Zeit treffe ich in der Klinik ein, eile auf dem kürzesten Weg die Treppen hinauf in die dritte Etage, komme völlig außer Atem im Büro der Sekretärin an. Sie bittet um etwas Geduld: "Er telefoniert gerade noch. Einen Augenblick noch, bitte!"
In diesem Fall ist mir das Warten sehr recht. Ich setze mich in einen der Sessel im Flur, nehme eine bequeme Haltung ein und entspanne mich mit geschlossenen Augen wie in einem autogenen Training erlebt: "Ich bin ganz ruhig... Ich bin ganz ruhig..."
Es gelingt mir, alle Gedanken für einen Moment zu verdrängen. "Frau König!?"
Ich öffne die Augen, sehe den Chefarzt vor mir stehen.
"Entschuldigen Sie bitte, daß es etwas länger gedauert hat! Bitte kommen Sie herein und nehmen Sie Platz!"
Wir setzen uns im rechten Winkel zueinander; er in einem Sessel, ich auf dem Sofa, sehen uns gegenseitig erwartungsvoll an. Meine beiden Briefe liegen vor ihm auf einem kleinen Tisch. Er ermuntert mich freundlich zum Sprechen: "Bitte fangen SIE an!"
"Ich wüsste gerne, welchen Eindruck Sie von dieser verfahrenen Situation haben?"
Er lächelt und sagt mit ruhiger Stimme: "Darüber spreche ich gerne mit Ihnen. Ich habe jedoch zuerst noch einige Fragen zu den Gründen Ihres Hierseins..."
Ich sprudele die Antworten heraus.
"Was halten Sie davon, wenn Sie jetzt einmal tief durchatmen, sich bequem zurücklehnen, und mir dann in aller Ruhe noch einige Auskünfte geben?"
"Ich fühle mich sehr unter Zeitdruck - Sie haben mir nur eine halbe Stunde Gesprächszeit nennen lassen, und mein nächster Termin beginnt bereits in einer Viertelstunde!"
"Wir werden uns die nötige Zeit nehmen."
Er öffnet die Tür zum Sekretariat: "Bitte sagen Sie Bescheid, dass Frau König eine halbe Stunde später zum Abschlusstest kommt."
Eine erste Erleichterung. Er zeigt wirkliches Interesse, wird mich nicht sofort wieder abwimmeln. Mit einsetzender Entspannung habe ich Mühe, die Fassung zu wahren, nehme mich krampfhaft zusammen, um das Zittern meiner Lippen und einen Tränenausbruch zu unterdrücken.
"Ich komme mit dem Verhalten meines Stationsarztes nicht zurecht... Ich hatte die ganze Zeit das deutliche Gefühl, als ob er irgendein Ziel verfolgt, das er mir nicht erklärt. Er geht so weit, mir verzerrte Wahrnehmung zu unterstellen - und heute hat er mich in meiner Abwesenheit von der gesamten Stationsgruppe diskutieren lassen!"
"Das war mit Sicherheit nicht in Ordnung!"
Als ich meine zahlreichen Versuche schildere, eine Auskunft über die Dauer bis zu meiner völligen Wiederherstellung zu erhalten, fragt er nach meinem Beruf.
"Ich bin Leiterin einer Hausverwaltung. Die Arbeit hat mir erst großen Spaß gemacht, bis mir im Lauf der Jahre immer mehr Aufgaben aufgeladen wurden und es einfach zu viel wurde."
"Dann hatten Sie vermutlich viel um die Ohren? - viele Telefonanrufe, Verträge mit Servicefirmen und Lieferanten, ständig etwas Unvorhergesehenes? Ich kenne das alles selbst auch."
"Ja, und Personalverantwortung. Es war einfach nicht mehr zu schaffen - ich bin dann vermutlich wegen der zusätzlichen privaten Belastungen zusammengebrochen... Ich habe mich entschlossen, eine Berufspause einzulegen."
Er erhebt sich, öffnet die Tür zu seinem Sekretariat: "Bitte sagen Sie Bescheid, dass sich der Termin für den Computertest von Frau König um eine weitere halbe Stunde verschiebt!"
Ob ihm klar ist, unter welchen Gefühlsdruck er mich mit der halbstündlichen Verschiebung dieses Termins und damit der Hinauszögerung seiner Entscheidung über meine Aufenthaltsdauer setzt?
Ich darf jetzt keinen Fehler machen... Ein Vorwurf würde ihn womöglich ebenfalls so kränken, dass er seine Autorität beweisen und mich nach Hause schicken würde...
"Ich habe mich hier sehr wohl gefühlt, und mir geht es wesentlich besser als zu Beginn meines Aufenthaltes... Aber ich spüre, dass ich noch Zeit brauche, um mich weiter zu erholen und meine berufliche Situation nicht im Zorn, sondern in Ruhe klären zu können...
Falls ich nicht länger in der Klinik bleiben kann, werde ich mir für einige Wochen ein Zimmer in irgendeiner Pension mieten und so vor meiner Heimreise die nötige Ausgeglichenheit für Verhandlungen mit meinem Arbeitgeber gewinnen.
. . . Ich möchte das nächste Jahr ausschließlich meiner Erholung widmen."
"Es wäre sehr günstig, wenn Sie dies ermöglichen könnten. Sie können gerne Ihren Aufenthalt hier unterbrechen und Ihre Angelegenheiten im Betrieb regeln, um sich dann unbelastet auf Ihre Erholung zu konzentrieren."
Den Aufenthalt unterbrechen... Er wird also verlängern! Meine Stimme hatte während des Sprechens eine hohe Tonlage erreicht, und mein Mund zittert. Ich bin den Tränen nahe und beherrsche mich nur mühsam. Er ermuntert mich, mich in den Sessel neben ihn zu setzen, und weist dann auf ein Kissen auf der Couch: „Stellen Sie sich vor, Sie seien dieses Kissen, und neben mir sitzt meine Ko-Therapeutin und erklärt mir ihre Einschätzung der Bedürfnisse dieser Patientin!"
Plötzlich kann ich sehr beherrscht meinen Zustand erklären: "Dort sitzt eine Frau, die nur mühsam ihre Fassung behält - aber sie hat bereits Fortschritte gemacht. Sie hat gelernt, konsequenter zu sein und sich nicht mehr so stark beeinflussen zu lassen."
Ich erzähle ihm von Robins Abreise: "Er war krank - sehr krank! Sein Arzt hat ihm vier Tage vor Abreise verschiedene Medikamente gegeben, um seine Suchtfixierung auf Codeinlösung als Ersatz für Drogen zu mildern... Robin war am Morgen seines Abflugs leichenblass... Er war schweißgebadet, hatte Schüttelfrost... Und ich sollte für ihn entscheiden, ob er abends den langen Flug nach Australien antritt...
Es hat mir fast das Herz zerrissen - aber ich habe ihn zum Arzt gefahren, der ihm Medikamente verschrieben hat... Dann ging es ihm wieder besser... Und ich habe ihn abends zum Flughafen gefahren...
Ich wollte unbedingt, dass er an diesem Tag fliegt - ich konnte die Angst und die Aufregungen einfach nicht mehr länger ertragen... Aber ich glaube, ich war damit zum ersten Mal ihm gegenüber konsequent..."
"Wir wissen beide, was Drogenabhängigkeit bedeutet... Sie haben aber nicht aus Konsequenz, sondern aus Selbstschutz gehandelt. Wie fühlten Sie sich dann?"
"Er rief nach seiner Ankunft in Australien an und sagte, dass er den Flug gut überstanden hätte. Ich war unglaublich erleichtert. Zum ersten Mal war ich nicht mehr direkt für ihn verantwortlich...
Aber plötzlich wurde mir meine berufliche Situation klar - dass ich mir oft mehr Gedanken gemacht hatte, ob im Betrieb alles funktioniert...
Und dann meine Depression während einer Schiffsreise... aus dem blauen Himmel heraus, wegen einer Kleinigkeit …"
"Ihre Depression war die Folge eines traumatischen Erlebnisses - etwas Derartiges tritt oft in den ersten Tagen eines Urlaubs bei einsetzender Entspannung auf."
"Und dann der Tod meiner Tante... Ich fühlte mich wie ein Stein... Und ständig die Angst um die Gesundheit meines Sohnes und meiner Mutter... Plötzlich hatte ich keine Gefühle mehr... für niemanden - ich hatte einfach keine Kraft mehr... Meine Anstrengungen schienen so sinnlos...
Und dann schien es wie eine Erlösung, als meine Ärztin mich für lange Zeit in eine Klinik überwies."
Er hört mir aufmerksam zu, und mit einem Mal ist aller Druck, alle Anspannung aus mir gewichen. Ich kann mit ruhigen Worten erklären und schildere ihm einige Dialoge mit meinem Stationsarzt.
Er stellt mühelos fest, dass meine Aggression den Therapeuten gegenüber eine Schutzmaßnahme ist: "Sie sind im Inneren sehr verletzlich. Sie haben durch Ihre Ärztin zu Hause große therapeutische Fortschritte gemacht, können sich durchsetzen und leiden nicht unter Selbstzweifeln. Sie haben das Gold in Ihrem Inneren bereits freigelegt und schätzen Ihre Eigenschaften - allerdings setzen Sie Ihre Bedürfnisse mit so großem Einsatz durch, dass es auch zu Abbrüchen von Beziehungen kommen kann. Dies führt zu Isolation und Einsamkeit.
Richten Sie solche Aggressionen nach innen oder nach außen?"
"Nach außen."
"Das ist immer der bessere Weg und auch eine Sache des Temperaments. Sie sollen diese Aggressionen auch nicht unterdrücken. Sie würden sonst Ihrer Gesundheit schaden. Sie sollten allerdings lernen, damit besser umzugehen, auch die Gefühle anderer zu achten und sie möglichst nicht zu verletzen."
"Das wollte ich hier - aber ich bin nach den Angriffen des Stationsarztes mit meinem inneren Aufruhr allein - ich weiß nicht, wie ich mich sonst abreagieren könnte."
"Es wäre zu überlegen, in der Klinik einen geeigneten Raum einzurichten..."
Er steht auf, öffnet die Tür zum Sekretariat und weist an, meinen Computertesttermin abzusagen und meinen Stationsarzt hereinzubitten, der im Vorzimmer wartet.
Nachdem dieser mit ernstem Gesicht Platz genommen hat, sieht der Chefarzt von mir zu ihm: "Ich fasse jetzt noch einmal meine Erkenntnisse zusammen. Frau König wird mich unterbrechen, wenn ich etwas unrichtig darstelle. Wir treffen jetzt eine therapeutische Vereinbarung."
Dann weist er meinen Stationsarzt an, noch an diesem Nachmittag die Kasse über eine vierwöchige Verlängerung zu informieren. Dieser protestiert: "Um diese Zeit ist niemand mehr erreichbar."
"Doch. Bitte rufen Sie noch heute an."
"Frau König wird vielleicht in ein anderes Zimmer ziehen müssen..."
Ich widerspreche sofort: "Ich möchte in meinem bisherigen Zimmer bleiben! Einem neuen Patienten wird es egal sein, wo er einzieht."
Der Chefarzt weist dann meinen Stationsarzt an, alle therapeutischen Maßnahmen darauf abzustellen, mir den Umgang mit meinen Wutgefühlen zu erleichtern. Mein Stationsarzt macht eifrig Notizen auf einem Schreibblock, fragt einmal beim Chefarzt nach: "Sie meinen, man sollte ein Codewort vereinbaren, um anzudeuten, wenn es im Gespräch kritisch wird...?"
"Ja, unbedingt! Frau König muss deutlich erkennen können, dass es kein persönlicher Angriff ist!"
Das Verhalten meines Stationsarztes war also tatsächlich Absicht. Er hat mir die ganze Zeit über bewusst derart zugesetzt.
Der Chefarzt empfiehlt mir, künftige Aufgaben nacheinander und nicht gleichzeitig zu erledigen; außerdem viel Bewegung an der frischen Luft: "Schnelles Gehen und Radfahren, auf keinen Fall Joggen. Das wäre sehr ungünstig für Ihre Gelenke! Ihr Stationsarzt wird die Körpertherapeutin beauftragen, Sie in der Benutzung des Ergometers einzuweisen. Ernähren Sie sich weiterhin regelmäßig!"
Dann erheben wir uns; er wünscht mir Therapieerfolg für den Rest meines Aufenthaltes, und streckt mir seine Hand zur Verabschiedung entgegen. Ich freue mich auf die bevorstehenden Wochen, ziehe innerlich einen Strich unter den alten Konflikt und verabschiede mich auch per Handschlag von meinem Stationsarzt.
Der Druck der letzten Tage ist verschwunden. Die Mitpatienten, die sich mitfühlend für mich interessierten und jetzt neugierig nach dem Ausgang des Gespräches fragen, gratulieren mir, sagen, dass ich ihnen Mut gegeben habe, sich selbst im Leben selbstbewusster durchzusetzen.




