Auf dem Weg zum Abendessen treffe ich Alexandra. "Alexandra - hast du dir einen neuen Gruppenraum ausgesucht, um deine Abende zu verbringen?" Ich hatte sie seit ihrem unvermittelten Tränenausbruch über ihre Scheidung vor einigen Tagen nicht mehr gesehen.
"Ich habe jeden Abend für das heutige Federballturnier geübt. Ich spiele seit Jahren regelmäßig, habe aber seit einigen Monaten ausgesetzt und musste deshalb meinen Trainingsrückstand aufholen. Das Turnier war nicht ganz einfach - ich fühle schon beginnenden Muskelkater."
"Und wer hat gewonnen? Du?"
Sie nickt mit dem Kopf, versucht, ein Lächeln zu unterdrücken.
"Herzlichen Glückwunsch! Und bei den Männern?"
Ihr Lächeln wird breiter: "Meine Gegnerin im Endkampf ist hingefallen und konnte nicht weiterspielen. Eigentlich hatte ich das Frauenturnier dadurch gewonnen. Aber einer der Männer wollte unbedingt als Gegner einspringen - und dann habe ich auch gegen ihn gewonnen. Dieser Sieg freut mich am meisten!"
Ich gratuliere ihr noch einmal und sehe unverhohlenen Stolz in ihrem Gesicht.
"... Und heute Abend ist Sportlerball. Da soll ich auch noch mit ihm tanzen. Er ist erst 25 Jahre alt! Und ich, mit meinen Fünfzig!"
"Du kannst stolz auf dich sein! ...Aber der junge Mann könnte gelitten haben. Vielleicht kannst du ihn ja heute Abend wieder aufbauen. Sei nett zu ihm!"
Eine Patientin in unserer Nähe wirft ein: "Wenn er Probleme damit haben sollte, gegen eine Frau zu verlieren, kann er das ja am Montag mit seinem Therapeuten besprechen..."
Während dieses letzten Satzes erreichen wir die kleine Menschenmenge am Eingang des Speisesaales. Einige Frauen kichern.
Alexandra erhält noch viele Glückwünsche während des Abendessens. Mich amüsiert ihre Ausstrahlung und Körperhaltung, die Stolz und Zufriedenheit mit sich ausdrückt. Sie verschleiert dies nur unzureichend durch ihren betont gleichgültigen Gesichtsausdruck, während ihre Augen nach weiteren Äußerungen des Beifalls forschen.
Nachdem meine Tischgenossen Platz genommen haben, will ich ihre Reaktion auf Alexandras Sieg testen, frage scheinheilig: "Wer hat eigentlich das Turnier heute gewonnen?"
Schulterzucken.
Ich frage weiter: "Alexandra - stimmts? Gegen einen Mann, der sie unbedingt besiegen wollte?"
Erich antwortet in abfälligem Tonfall: "Der hatte doch schon in der Vorrunde gegen irgendjemand verloren."
"Weshalb er dann wohl gegen eine Frau angetreten ist? Noch dazu eine, die doppelt so alt ist wie er?"
"Weiß ich doch nicht. Keine Ahnung."




