Es wird höchste Zeit, nach dem Reparaturstand meines Autos zu fragen, das ich am Vortag zur Werkstatt gebracht hatte. Ich rufe in dort an, höre die erfreuliche Nachricht, dass Reparatur möglich war und bereits ausgeführt wurde: "Es war wegen der erforderlichen Arbeitszeit nicht ganz billig! Aber Sie sparen trotzdem eine Menge Geld! Allein das Ersatzteil hätte das Doppelte gekostet - ohne Werkstattstunden. Jetzt können Sie wieder ganz beruhigt fahren. Das funktioniert!"
Ich sage ihm, dass ich die genannte Summe um einen ordentlichen Betrag erhöhen werde: "Aus Dank, dass Sie am Weihnachtsabend heraus auf die Landstraße gekommen sind. Ich bin Ihnen wirklich sehr dankbar!"
„Ich werde die Spende an meine Leute weitergeben. Das Auto wird gleich zu Ihnen in die Klinik gebracht!"
Es ist ein schönes Gefühl, am Nachmittag mit dem Wagen wieder langsam durch den Ort zu fahren, nicht wie bei Fußmärschen beim Rückweg auf der Steigung schwer atmen zu müssen. Der Regen von heute Morgen hat aufgehört; der Schneematsch ist nahezu getaut. Die Sonne bricht durch die Wolken.
Ich beschließe, den schönen Tag zu genießen und über die Landstraße nach Dresden zu fahren. Mein Ziel ist wieder das Albertinum. Ich möchte den Lastträger wiedersehen. Die Figur scheint in mein Unterbewusstsein eingeprägt, und ich ahmte des Öfteren in meinem Zimmer vor dem Spiegel die kraftvolle und selbstbewusste Haltung nach.
Die Fahrt wird zum Erlebnis. Die Luft ist unbeschreiblich klar; im fahlen Licht der Wintersonne herrscht eine atemberaubende Weitsicht zu sanften Hügeln in der Ferne. Ich fahre langsam, hänge meinen Gedanken nach. Es ist Samstagnachmittag, kaum ein Fahrzeug auf der Straße.
Vor meinem geistigen Auge sehe ich eine hohe Mauer, die ich nicht überwinden kann und an der ich entlanggehe, um einen Durchschlupf zu finden. Dann wird die Mauer niedriger, ganz niedrig, ist nur noch kniehoch, und ich steige mühelos darüber hinweg, sehe Weite vor mir.
Dann strebe ich vorwärts, werde aber dabei von mehreren verschwommenen Menschen an Kleidung und Armen festgehalten. Ich bitte sie, mich loszulassen. Ein Mann steht abseits, sieht zu.
Die anderen versuchen, mich zurückzuziehen. Ich will sie unbedingt abschütteln; eine Serie von aufeinander aufbauenden logischen Erkenntnissen und Zukunftsideen schießt wie ein Feuerwerk durch meinen Kopf. Jetzt erkenne ich, dass Richard der Mann ist, der sich mir anschließen will, zögernd noch, aber bereits interessiert.
Ich will nicht mehr von den anderen festgehalten werden! Ich schlage um mich, trete gegen ihre Schienbeine, so fest ich kann. Im gleichen Moment, in dem sie mich mit verzerrten Gesichtern loslassen und sich die schmerzenden Arme und Beine zu reiben, hebe ich ab. ICH BIN FREI! Ein Gedanke jagt den anderen.
Ich bedaure unsäglich, nicht über einen Computerchip im Kopf zu verfügen, um die gewaltigen Eindrücke festhalten zu können. Es ist wie ein Rausch. Ich bin mir bewusst, in Realität das Auto zu lenken, habe große Angst, die Kontrolle über meine Gedanken verlieren, und bin nicht in der Lage, den Ablauf zu steuern, spüre aber genau, dass ich auf einem "guten" Weg bin.
Dann der Höhepunkt: Mein Kopf, meine Gedanken sind frei, der Druck und der Eindruck der Dunkelheit verschwunden! Die Welt leuchtet in brillanten Farben! Ein unbeschreibliches Glücks- und Wärmegefühl durchströmt mich, völlige Entspannung. Ich spüre, wie mir Erleichterungstränen in die Augen steigen, parke den Wagen am Straßenrand und sträube mich nicht gegen das Weinen.
Lange Zeit bin ich überwältigt von diesem gerade erlebten Gedankensturm, versuche mir mit aller Macht, die einzelnen Stationen in Erinnerung zu rufen und ins Gedächtnis einzuprägen. Es gelingt mir nur bruchstückhaft. Was war das? Auf sensationelle Weise angenehm, auf jeden Fall! Ich bin in heiterer Stimmung. Bin ich gerade vom dämmrigen Keller meiner Verstimmung herauf ins Licht gestiegen? Dieses Erlebnis war so unbeschreiblich schön, dass es nur ein gutes Zeichen sein kann!
Ich brauche unbedingt einen Fixpunkt, um meine Gedanken zur Ruhe kommen zu lassen. Im Albertinum gehe ich ohne nach links oder rechts zu schauen direkt zum Lastträger. Das Betrachten dieser Statue, ihr Ausdruck von Kraft, Stolz, Skepsis und Gelassenheit gibt mir großen inneren Frieden. Nach langem versunkenen Verweilen verlasse ich das Albertinum wieder auf dem schnellsten Weg und vermeide dabei, auf Bilder oder andere Exponate zu schauen. Ich will meine Empfindungen schützen und sie nicht sofort wieder mit neuen Eindrücken überlagern. Die gelöste Stimmung hält im Verlauf des Tages weiter an, obwohl ich mich gleichzeitig sehr erschöpft fühle.
In meinem Zimmer klingelt das Telefon. "Regine - wie geht es dir?" Gerda ruft an, meine vertraute Kollegin aus dem Betrieb. Ich erzähle ihr von meinem Erlebnis. Sie reagiert nachdenklich: "Es kann sicher vorkommen, dass die in einer solchen Klinik freigesetzten Gefühle und Gedanken außer Kontrolle geraten. Es ist wohl nicht ganz ungefährlich..."
"Gerda, es war fantastisch. Fantastisch und wunderbar! Aber bitte erzähle doch jetzt von dir!"
"Es gibt nichts Besonderes zu berichten. Außer das im Büro wie immer sehr viel zu tun ist - das Übliche halt: Du weißt kaum, was du zuerst machen sollst, und trotzdem reicht die Zeit nie, um alle Arbeiten zu erledigen... Ich habe wieder starke Migräneanfälle. Der Erfolg der Spezialbehandlung hat nicht lange angehalten."
"Ändere etwas! Warte nicht, bis du völlig fertig bist - das Leben ist zu kurz, um es zu verschwenden! Gerda - das Leben ist schön!"
„Ich habe wohl nicht deinen Mut... Außerdem bin ich zehn Jahre älter als du, meine Arbeitsjahre werden in absehbarer Zeit ein Ende haben. Aber ich freue mich sehr, dass es dir besser geht!"




