Vinzenz ruft an, um mir einen Brief mit den von mir erbetenen Negativen seiner Bilder anzukündigen. Er denke noch oft an die Klinik, die Unbefangenheit und Direktheit der Gefühle. Dann sagt er unvermittelt: „Ich habe ein größeres Auto gekauft."
"Das überrascht mich! Du sagtest doch noch vor kurzem, dass du mit deinem jetzigen Wagen wegen seiner niedrigen Unterhaltungskosten sehr zufrieden bist?"
"Das war ich auch. Aber meine Töchter sind jetzt größer und brauchen mehr Platz! Und wir werden in Zukunft weitere Strecken fahren - wir werden Corinna und ihre Familie besuchen und gemeinsam Urlaub machen. Und nächstes Jahr kommen sie dann zu uns."
„Sind eure Ehepartner damit einverstanden?"
„Meine Frau ja - aber Corinnas Mann sträubt sich etwas... Er wird sich eben daran gewöhnen müssen..."
„Malst du noch?"
"Ja, aber ich habe wenig Zeit dafür. Ich habe das hohe Niveau des Birkenhains doch nicht halten können... Aber die ganze Verwandtschaft hat sich schon angemeldet und möchte Bilder von mir haben."
"Dein Birkenhain ist ja auch herausragend. Vermutlich kann man diese Leistung nicht auf Knopfdruck wiederholen. Wenn nur dann und wann einmal wieder etwas Besonders erscheint, ist das doch ein großer Gewinn!"
"Ja, so sehe ich das auch... Ich mache jetzt Schluss. Auf Wiederhören bis irgendwann einmal."
Er klang etwas deprimiert. Dafür spricht auch das abrupte Beenden des Telefonates. Künstlerischer Ausdruck und Alltag scheinen schwer vereinbar.
Auf dem Weg zum Abendessen begegnen mir einige Mitglieder meiner Therapiegruppe. Ich verhalte mich zurückhaltend, bin nicht sicher, wie meine hitzige Diskussion am Vormittag bei denen angekommen ist, die geschwiegen haben. Beate ruft mich im Vorbeigehen humorvoll an: "Hallo! Guten Abend, gnädige Frau!"
Ich bin erleichtert, nehme ihre Hand und halte sie: "Ich habe heute Morgen wirklich nicht beabsichtigt, dich zu kränken. Ich fühle große Anteilnahme für dich!"
Sie lächelt verhalten und drückt meine Hand im Weitergehen sehr fest.
Meine Klinikpatin spricht mich im Speisesaal an: "Sie haben Mut!"
Nach dem Abendessen gehe ich hinauf in die Cafeteria, wo von allen vorherigen Interessenten an einer Burn-Out-Gruppe nur Arthur aus meiner Station auf mich wartet. Ich sage resigniert: "Das hat ja so wohl keinen Zweck..."
Arthur schlägt vor, noch eine Weile auf der Couch im Vorraum Platz zu nehmen, und erzählt mir seine Geschichte. Er ist frustriert von den Gesprächen mit seiner Stationsärztin: "Ich bin mit einer Thailänderin verheiratet, schon seit fast fünfzehn Jahren. Sie arbeitet als Krankenschwester und kommt aus guter Familie. Ich halte die ständigen sexuellen Anspielungen meiner Kollegen nicht aus... Und hier in der Klinik musste ich bei Aufnahme einen Aids-Test durchführen lassen... Ich fühle mich hier genauso diskriminiert wie draußen. Meine Stationsärztin rät mir, mich scheiden zu lassen, wenn ich damit nicht leben kann... Ich bin so erledigt. Ich habe kaum noch Kraft."
Später treffe ich noch einmal auf meine Klinikpatin auf dem Flur zwischen unseren beiden Zimmern. Sie wiederholt: "Sie haben Mut! Das würde ich mich nicht trauen..."
"Ich verbrauche aber zu viel Kraft, bis ich die erforderliche Unterstützung bekomme... Und dann wird mir meine Empfindlichkeit vorgeworfen!"
Im Speisesaal am nächsten Morgen spricht mich mein sonst so schweigsamer Kritiker aus der Therapiegruppe an und bittet mich um ein anschließendes Gespräch. Wir treffen uns nach dem Frühstück im Wohnzimmer, und ich frage ihn reserviert: "Worüber wollen Sie mit mir sprechen?"
"Sie gehen im Umgang mit dem Arzt unter die Gürtellinie! Ich möchte Sie bitten, sich nicht so zu sperren, wenn er mit Ihnen spricht. Sie blockieren sich selbst! Sie drehen sich schon wochenlang im Kreis mit Ihren Gedanken! Sie finden nicht aus drei Birken heraus!"
"Was meinen Sie damit: nicht aus drei Birken herausfinden?"
"Sie stehen in einem Wald mit drei Bäumen und finden den Ausgang nicht!"
"Wenn das wirklich so ist, muss mir doch gerade der Arzt helfen! Genau das ist doch der Anspruch, den ich an ihn stelle!"
Nach und nach kommen noch andere Gruppenmitglieder herein, setzen sich und blicken uns aufmerksam an.
Er sagt: "Aber überlegen Sie doch einmal, weshalb Sie Termine vergessen. Irgendeinen Grund muß das doch haben!"
"Wie oft soll ich das noch wiederholen? Es ist nicht so, dass die Versäumnisse allein bei mir liegen! Und ich gebe zu, dass ich Termine vergaß! Aber ich erwarte, dass auch zugegeben wird, dass von Klinikseite nicht alles optimal geregelt ist! Wenn ich zu einem Termin gehe und er wird verschoben, bin ich enttäuscht und wütend! Allein das Wort Termin verursacht mir schon fast einen Brechreiz!"
Eine versteht sofort: "Es war alles zu viel für dich."
Auch die anderen anwesenden Frauen und mein Gesprächspartner nicken verständnisvoll mit dem Kopf.
"Seht Ihr! Und dieses Verständnis kann ich doch wohl auch von meinen Therapeuten erwarten! Gerade von ihnen!"
Ich bin aber getröstet, weiß jetzt wieder genau, dass ich mich verständlich machen kann, wenn man mir zuhört und mich nicht durch Provokationen stört. Ich habe mit keinem einzigen meiner Mitpatienten anhaltende Verständigungsproblem, das Personal benimmt sich mir gegenüber herzlich, ich fühle mich wohl und bin friedlich und freundlich - abgesehen von den Kabbeleien mit Erich, die aber immer beim nächsten Treffen wieder vergessen sind.
Aber... täusche ich mich, oder leide ich nicht mehr so sehr unter den Therapeuten-Gesprächen wie zu Beginn? Kann es vielleicht sogar sein, dass sie mein Selbstvertrauen stärken...?




