Ellen ruft anschließend an. Sie plant, sich von ihrem Lebensgefährten zu trennen, und träumt davon, meinen Arbeitskollegen im Sommer in Hessen zu besuchen. "Er hat sich aber noch nicht wieder bei mir gemeldet..."
"Wenn du wirklich kommen solltest, kannst du gerne bei Richard und mir wohnen. Ich weiß doch, dass du eine Dame bist und alles seine Ordnung haben muss..."
"Du kennst mich schon sehr gut, meine Liebe!"
Ich mag sie so sehr - eine warmherzige, unverstellte Frau.
Sie bedauert mich, dass ich bereits am Dienstag abreisen soll, kann sich nur noch zu gut daran erinnern, dass sie selbst auch gerne noch geblieben wäre, sieht es jetzt aber so: "Es wäre nur ein Aufschub gewesen - unangenehme und belastende Situationen müssen einfach irgendwann geklärt werden!"
Dann versucht sie, wieder von ihrer vermeintlichen Klinikfreundin zu sprechen, will in deren Wohnort reisen, um Näheres über ihren Verbleib zu erfragen. "Ellen, bitte hör auf! Sie hat dir doch mehr als deutlich gezeigt, dass sie deine Anteilnahme nicht will!"
"Entschuldige bitte - aber ich kann einfach nicht aufhören, an sie zu denken. Bestimmt braucht sie mich!"
"Ich möchte dir bei diesem Thema nicht weiter zuhören! Mein Kopf ist voll von fremden Schicksalen! Ich will wieder klar denken können!"
Das Gespräch endet mit einem Missklang.
"Guten Morgen! Ich begrüße zuerst die Neuen!" Eröffnung der Gesprächsgruppe durch meinen Stationsarzt.
Der Patient im Sessel neben mir stellt sich mit Vornamen, Alter, Familienstand und Wohnort vor. Auch er fühlt sich nach langen Jahren höchster beruflicher Leistung innerlich leer, ohne Energie. Er erzählt, dass er diese Höchstleistungen mit Hilfe von vom Hausarzt verordneten Medikamenten erreicht hat. Zwar bedauert er, jetzt ausgepumpt zu sein, allerdings ist er auch stolz, so viel erreicht zu haben: "In Zukunft werde ich jedoch etwas kürzertreten und mich nicht mehr überanstrengen!"
Endlich eine Sprache, die auch meine Sprache ist! Heute, vier Tage vor meiner möglichen Abreise! Frage meines Stationsarztes an den Neuen, Roland: "Sie würden also sagen, dass die letzten zehn Jahre verlorene Jahre waren?"
Roland blickt ihn irritiert an, schüttelt leise den Kopf. Ich gebe ihm Rückmeldung, dass seine Worte bei mir in dem Sinn angekommen sind, in dem er sie aussprach: "Du sagtest doch gerade, dass du die Zeit nicht bereust? Daß du besondere Leistungen vollbracht hast, die dir Befriedigung gaben? Dass du über dich selbst hinausgewachsen bist? Es waren doch keine verlorenen Jahre?"
Er bestätigt durch Nicken.
In mir wächst in diesem Moment ein fester Entschluss: Ich will noch nicht abfahren. Ich will Erfahrungsaustausch mit Betroffenen und Hilfe zur Erholung... und sage an die Adresse des Oberarztes: "Ich bitte um die Einrichtung einer speziellen Burn-Out-Gruppe unter Leitung eines kompetenten und engagierten Therapeuten und Verlängerung meiner Anwesenheit hier, um noch davon profitieren zu können!"
Ein langer, ausdrucksloser Blick des Stationsarztes, seine sanfte, gedehnte Sprechweise: "So etwas Ähnliches hatten Sie ja auch im Brief an den Chefarzt erwähnt... Wir haben Ihnen ein Gespräch mit drei Therapeuten am Montag angeboten!"
"Ich sagte Ihnen bereits gestern, dass ich einer solchen Besetzung nicht zustimme, weil ich mich davon überfordert fühle! Wenn überhaupt, nehme ich nur in Anwesenheit einer Person meines Vertrauens teil."
"Bei diesem Gespräch geht es um Sie persönlich, und wir werden sehen, was wir Ihnen mit auf den Weg geben können. Sie haben in den vergangenen Wochen alles, was wir Ihnen an therapeutischen Maßnahmen angeboten haben, so gut wie nicht genutzt."
"Das ist in dieser Formulierung nicht richtig! Sie selbst haben zu dieser Situation beigetragen! Es kam zu Missverständnissen, weil Sie Ihre Zusage nicht einhielten, mit Ihren beiden Kollegen meinen Wechsel zur Kunsttherapie zu besprechen.
Dann kam es zu einem Konflikt mit dem Kunsttherapeuten, weil Sie mir offensichtlich eine falsche Raumnummer für das erste Gespräch nannten und er deshalb vergeblich auf mich wartete, während ich ihn überall suchte.
Als dies dann endlich geregelt war, begannen die Weihnachtsfeiertage.
Danach sollte am 9. Januar wieder eine Kunsttherapie stattfinden. Der Kunsttherapeut war jedoch krank, und der Termin sollte mit einer Vertretung zwei Stunden später stattfinden. Als ich dort zusammen mit meiner Klinikpatin pünktlich antrat, war er mittlerweile wieder auf die normale Uhrzeit zurückverlegt und die Mitteilung nicht am Informationsbrett wie üblich, sondern an der Pinnwand im Wohnzimmer ausgehängt worden. Frau Fröhlich und ich waren gleichermaßen enttäuscht, deshalb die Veranstaltung versäumt zu haben!
Ich habe an dieser Therapie also nur zweimal in acht Wochen teilnehmen können!
Das von Ihnen geleitete autogene Training fand nur zweimal statt. An den anderen Tagen waren Sie nicht im Haus und wurden erst nach Beginn des Termins von einer Schwester entschuldigt.
Bedauerlicherweise habe ich den Termin tatsächlich einmal vergessen, obwohl ich ihn sehr gerne genutzt hätte - aber gerade diese Gedächtnisschwäche ist mit mein Problem! Der überwiegende Teil des Ausfalls ist auf Ihre Abwesenheit zurückzuführen!"
Er stellt mich infrage: "Sie leiden an verzerrter Wahrnehmung!"
Ich bin empört. "Das ist eine infame Unterstellung! Meine Wahrnehmung ist glasklar - ich hatte während meiner gesamten Berufsjahre Besprechungsprotokolle zu führen. Aufmerksames Zuhören ist mir in Fleisch und Blut übergegangen, und trotz meiner sonstigen Schwierigkeiten funktioniert dieser Teil meines Gehirns noch! Ich führe hier Tagebuch über jedes Gespräch und über jeden Termin! An der Suchtgruppe habe ich mit zwei Ausnahmen regelmäßig teilgenommen. Ich höre dort meist die gleichen Geschichten von Frauen mit Essstörungen oder Süchten. Scheidungskinder, die sich von ihren Eltern vernachlässigt fühlten. Ich bin auch ein Scheidungskind. Ich weiß, dass darunter meine Gefühlsentwicklung gelitten hat!"
Sein erfreuter Einsatz: "Scheidungskind. Sie sind ein Scheidungskind. Sie fühlten sich vernachlässigt. Sie wissen, was Ihnen fehlt?"
"FEHLTE! Vergangenheit! Mir fehlte als Kind die ausreichende Zuwendung. Und Zuwendung fehlte mir auch in meiner Ehe. Mein Mann sagte mir immer, dass er mich liebt und dass er mich braucht, was wahrscheinlich in seinen Augen das dasselbe war - aber wir verstehen uns jetzt und können gemeinsam an einer Verbesserung arbeiten, die auch meine Bedürfnisse erfüllt.
Und im den letzten Jahren meines Berufes fehlte mir Anerkennung meiner Leistungen, bewusst vorenthalten vom Vorgesetzten - ein bewährtes Führungsinstrument, wie Sie in der einer der letzten Gruppenstunden selbst sagten. Es treibt Menschen zu Höchstleistungen.
Mir sind alle diese Fakten bekannt! Ich brauche mehr Zeit zur Erholung! Und ich möchte wissen, wie es für mich gesundheitlich weitergeht! Ich möchte, dass auf meine Probleme eingegangen wird!"
"Es gibt aber keine spezielle Gruppe für Burn-Outs in der Klinik, und ich hätte sowieso keine Zeit dafür."
"Diese Klinik bietet ideale Voraussetzungen, um eine solche Gruppe einzurichten - wenn ich vor acht Wochen gewusst hätte, dass von Ihnen nichts nachkommt, hätte ich mich sofort darum bemüht. Ich werde eine Nachricht an die Litfaßsäule vor dem Speisesaal hängen. Vermutlich hat eine gemeinsame Aktion Betroffener mehr Gewicht bei der Planung der Gruppenzusammensetzung!"
Ullrich sah während unseres Wortwechsels irritiert von einem zum anderen, fragt: "Was ist denn jetzt los...?"
Neben mir höre ich Konrad leise murmeln: "Das ist Regines Abrechnung für die letzten Wochen..."
Der Stationsarzt sagt freundlich: "Ich schlage vor, Sie gründen einen Gesprächskreis!"
Ich bin kurz verblüfft über diese unerwartete Änderung der Gesprächsführung, indem er sich meine Idee zuschreibt, und sage anerkennend: "Sie sind ein echter Könner Ihres Faches!"
Er verbirgt mühsam ein Lächeln. Dann blickt er in die Runde: "Was sagen denn die anderen zu dem, was Frau König vorschlägt?"
Konrad, Roland und ein weiterer Patient, Arthur, kündigen Teilnahme an. Die Übrigen schweigen. Der Stationsarzt fragt: "Wissen die anderen überhaupt, was ein Burn-Out ist?"
Kopfschütteln der Schweigenden. Er erklärt diesen Zustand in kurzen Worten mit dem Gefühl des Ausgebranntseins und innerer Leere. Unbeteiligter Ausdruck in den Gesichtern der Nichtbetroffenen.
Ich spreche weiter: "Sie sehen doch selbst, dass die überwiegende Mehrheit hier überhaupt keine Vorstellung davon hat, wovon ich rede - Überlastung! Die meisten Patienten hier sind Menschen, die aus gesundheitlichen Gründen arbeitsunfähig sind, Eheprobleme haben, oder den Tod eines Angehörigen nicht verkraften können!"
Jetzt ist Beate brüskiert, hat nicht genau verstanden, was ich sagen wollte: "Du kannst doch nicht sagen, dass der Tod eines Angehörigen eine normale Sache ist! Und es gibt noch mehr Dinge, mit denen ich nicht fertigwerde - dass meine Töchter beide im Westen leben!"
Ich sage ihr, dass sie mich falsch verstanden hat, dass ich sie auf keinen Fall kränken wollte. Aber ihre Worte zeigten mir wieder deutlich, dass zwischen ihren und meinen Sorgen Welten liegen.
Mein Nachbar zur Rechten, den ich nach Wochen zum ersten Mal in der Runde sprechen höre, kritisiert, dass die Zeit um und sinnlos vertan worden sei: "Es sind schließlich noch mehr Patienten da. Das Thema von Frau König interessiert mich nicht. Ein paar kurze Worte hätten gereicht. Wenn sie die Angebote der Klinik nicht annimmt, ist sie selbst schuld!" - Er, der ewige Schweiger, der kaugummikauend zuhört, ohne jemals über sich selbst gesprochen zu haben, nur einmal andeutete, dass er auf Wunsch seiner Frau in der Klinik sei, und fast ausnahmslos in Gesellschaft einer Mitpatientin zu sehen ist . . .
Mir liegt auf der Zunge, ihn zu fragen, ob vielleicht seine Wadenbeißerei sein sorgfältig vor den anderen Patienten verborgenes Problem ist, kann mich aber in letzter Sekunde beherrschen.
Die am gleichen Tag wie ich zur Abreise vorgesehene Patientin, wie ich vom Oberarzt wegen ihres "negativen Selbstbildes bei der Heimreise" bedauert, greift in ungewohnt resoluter Weise ein: "Frau König hat doch deutlich die Gründe erläutert. Wenn Ihnen die Unterhaltung zu lange gedauert hat, weshalb haben Sie überhaupt so lange gewartet, bis Sie etwas gesagt haben?"
Der Stationsarzt konstruiert ihre Unterstützung: "Sie sind also auch der Meinung, dass Frau König zu lange gesprochen hat?"
Sie reagiert gelassen: "Nein. Meine Meinung habe ich gerade eben geäußert."
Er sieht auf die Uhr: "Die Zeit ist leider überzogen. Mehr Themen können nicht besprochen werden. Die Gruppe kann aber gerne noch bleiben und noch länger über die Probleme von Frau König diskutieren. Auf Wiedersehen und schönes Wochenende!"
Beim Hinausgehen wartet Roland im Flur auf mich: "Du kannst dich wenigstens behaupten - ich bin im Moment so schlapp und müde, dass mir alles recht ist... Meine Chefin hat mir einen Brief geschrieben. Ich soll mich nach meiner Rückkehr für drei Monate bewähren..."
Auf meinen Informationszettel an der Litfaßsäule hin melden sich einige Patienten telefonisch bei mir, ausnahmslos Männer, und wir vereinbaren ein Treffen im Klinikcafe nach dem Abendessen.
Ich muss jetzt allein sein, mich bewegen und Dampf ablassen. Ich gehe hinunter in den Ort und besuche wie an jedem der letzten Tage die Schützenstube an der Ecke, um bei zwei Tassen koffeinfreiem Kaffee und einigen Zigaretten mein weiteres Vorgehen zu überlegen.
Der Chefarzt hatte auf mein Schreiben nicht reagiert... Ich werde dem Stationsarzt jedoch nicht das letzte Wort überlassen! Ich krame Block und Stift aus meiner Handtasche und schreibe einen zweiten Brief an den Chefarzt, schildere ihm meinen Eindruck, mich wie eine Ware zu fühlen, die auf einem Fließband durch den Klinikbetrieb rauscht, flüchtig auf ihren Inhalt untersucht und mit einer Mängelliste etikettiert wird, und die am Ende des Bandes entweder fliegen können muss oder unsanft auf die Erde fällt. Ich kuvertiere den Brief und adressiere den Umschlag an meinen Stationsarzt zur Kenntnis und Weitergabe an den Chefarzt.
Das Schwesternzimmer ist nachmittags nicht besetzt, ich kann dort den Brief also nicht abgeben. Ich gehe direkt hinüber in den Ärztetrakt, um ihn persönlich dem Stationsarzt zu übergeben. Seine Tür ist verschlossen. Erst stecke ich den Umschlag in Kopfhöhe zwischen Tür und Rahmen, dann halte ich es für möglich, dass er den Erhalt verleugnet und den Brief nicht weitergibt, und schiebe ihn auf dem Rückweg unter der Glastür des Schwesternzimmers hindurch.
Auch auf dem Boden meines Zimmers liegt bei meiner Rückkehr vom Speisesaal eine durchgeschobene Nachricht: Gesprächstermin mit den drei Therapeuten um 12 Uhr am kommenden Montag. Ebenfalls am Montag, um 15 Uhr, Einzelgespräch mit dem Chefarzt. Montag, der Tag meiner voraussichtlichen Abreise.




