"Guten Morgen! Wie geht es Ihnen heute?" Frage des Oberarztes in der "Großen Gruppe". Die Anzahl der Patienten beider Gruppen nahm nach der Jahreswende zu; zusätzlich zu den vorhandenen Sofas und Sesseln musste der Tisch in eine Ecke gerückt und die Stühle mit in den zu bildenden Kreis einbezogen werden.
Oberarzt und Stationsarzt standen abwartend an der Tür, während die Stationsärztin der Nachbargruppe sich mühte, den Tisch zu verschieben. Ich stand ihr am nächsten und half ihr dabei, murmelte spöttisch: "Das haben wir Frauen jetzt von unserer Emanzipation - die Herren schauen zu, während wir Möbel bewegen..." Sie sah mich nichtverstehend an.
Der Oberarzt schaut jetzt interessiert die Reihe entlang, äußert seine Verwunderung über den großen Personenkreis, von meinem Stationsarzt verhalten vorwurfsvoll kommentiert: "Es werden ständig mehr Patienten, die zu betreuen sind - das geht im allgemeinen Betrieb scheinbar unter..."
Dann geht der Oberarzt nacheinander zu Neuankömmlingen und begrüßt sie mit Handschlag. Sie stellen sich kurz mit Namen und Wohnort vor, sind wie alle Neulinge unsicher, ob diese Auskünfte für den Anfang genügen.
Der Oberarzt sagt freundlich an die Adresse der Neuen: "Es bleibt natürlich Ihnen überlassen, welche Themen Sie in dieser Runde ansprechen möchten!"
Eine junge Frau sitzt mit blassem Gesicht sehr verkrampft in ihrem Sessel: "Ich sage überhaupt nichts. Ich bleibe nicht hier! Meine Familie und mein Arzt haben mich getäuscht und mir nicht gesagt, welche Art von Klinik dies ist. Ich bleibe nicht hier!"
"Geben Sie sich doch wenigstens eine Woche. Vielleicht erkennen Sie doch noch die Vorteile, die Ihnen der Aufenthalt hier bieten kann!"
"Ich will schnellstmöglich nach Hause. Ich rufe nachher meinen Mann an. Er soll mich heute noch abholen!"
"Sie werden nicht gezwungen, gegen Ihren Willen hierzubleiben. Vielleicht haben Sie zu einem späteren Zeitpunkt den Wunsch, wiederzukommen."
"Bestimmt nicht!"
„Haben Sie eine Vorstellung, wie sie ihre häusliche Situation bewältigen werden? Wollen Sie darüber sprechen?"
Sie bricht in Schluchzen aus und wischt sich mit bebenden Händen Tränen von den Wangen. „Nein... Ich werde schon damit fertigwerden... Man darf mir meine Kinder nicht wegnehmen - ich bin doch ihre Mutter!"
„Sechs Kinder sind eine große nervliche Belastung! Sie brauchen Erholung und Anleitung, wie Sie mit Alltagssituationen beherrscht umgehen können!"
„Ich werde die Kinder nicht mehr schlagen - ich werde eine gute Mutter sein!"
„Reisen Sie nicht vorschnell ab. Hier kann man Ihnen helfen!"
„Ich will nach Hause!"
„Sie können die Klinik jederzeit verlassen. Ich telefoniere später mit Ihrem Mann. Er wird sie abholen."
Dann wieder die gewohnte Frage an alle nach dem heutigen Befinden. Es folgt die von den länger Anwesenden bereits gewohnte sehr lange Stille. Konrad ist sehr unruhig, ergreift das Wort: "Ich bin nun schon seit fast drei Wochen hier und empfinde die lange Stille zu Beginn der Gruppe als ungenutzte Zeit. Ich habe eine Verlängerung abgelehnt; mein Aufenthalt hier dauert also nur sechs Wochen, und ich möchte so viel als möglich lernen und mitnehmen.
Die gemeinsame große Runde, dazu die Neulinge und die ungewohnte Anwesenheit des Oberarztes hemmen meiner Meinung nach die meisten Patienten! Ich empfinde diesen Moment jetzt als vergeudete Zeit!"
"Sie wollen damit sagen, dass manche Themen Sie nicht interessieren?"
Konrad lässt sich in eine neue Gesprächsrichtung drängen, obwohl er gerade das Gegenteil sagte: dass er wünscht, dass alle Patienten an den Gesprächen teilnehmen sollten. "Ich kann aus manchen
Gesprächen gewisse Parallelen zu meinem Problem erkennen, aber andere betreffen wieder völlig andere Themen. Vielleicht wäre es sinnvoll, die Gruppen nach Interessen zusammenzusetzen."
Der Oberarzt sieht Konrad ruhig an und stellt mit gelassener Stimme fest: "Sie sind jetzt wieder sehr erregt, und das ist wohl auch ihr Problem?"
"Ja, ich fühle mich wie ein Dampfkocher. Ich brauche ein Ventil!"
Kein Eingehen auf Konrads deutliche Äußerung der Unzufriedenheit: "Eine sehr interessante Betrachtungsweise - ein Dampfkocher!"
In mir beginnt es zu brodeln. Der Oberarzt sah mich während des Gespräches auf dem Flur in der letzten Woche genauso interessiert an, wollte vorerst ohne mich mit meinem Stationsarzt sprechen. Tagelang und bis heute erfolgte keinerlei Reaktion weder des Oberarztes noch des Stationsarztes.
Der Oberarzt überlässt Konrad seiner verblüfften Nachdenklichkeit über den von ihm nicht erwarteten Gesprächsverlauf, wendet sich einem blassen jungen Mann zu, erst seit einigen Tagen Mitglied der Gruppe, der sich als Mitarbeiter der Hauptverwaltung einer Krankenkasse vorstellte und sich dort als Mobbing-Opfer fühlt: "Wie geht es Ihnen? Sie sind recht still?"
Der junge Mann, Thomas, beginnt mit leiser, stockender Stimme zu sprechen. Seine Schultern hängen, der Rücken ist gebeugt, die Hände liegen schlaff auf seinem Schoß. "Ich fühle mich sehr einsam... vor dem Abgrund. Ich war seit Montag nicht mehr essen. Keiner hat es bemerkt..."
Der Oberarzt scheint alarmiert: "Ihre Stationsärztin ist doch sicher informiert und kümmert sich um Sie?"
"Nein. Ich habe mich der Körpertherapeutin einer anderen Station anvertraut, zu der ich großes Vertrauen habe, und ihr versprochen, zur Stationsschwester zu gehen, wenn ich nicht mehr weiterweiß..."
Der Oberarzt demonstriert jetzt Autorität: "Es ist unbedingt erforderlich, dass die Stationsärztin genau über Ihren Zustand informiert ist. Das gehört zu den unabdingbaren Vereinbarungen unserer Klinik!"
Er wendet sich jetzt Ärztin zu, der tiefe Röte ins Gesicht gestiegen ist: "Ich erwarte, dass sofort im Anschluss an diese Runde ein Gespräch stattfindet!"
Jetzt fragt er die Ärztin und meinen Stationsarzt, welche Patienten vor der nächsten gemeinsamen Runde abreisen. Sie nennen einige Namen. Eine Frau spricht leise in sehr positiven Worten über ihre in der Klinik gewonnenen Einsichten und Fortschritte in ihrer körperlichen Genesung. Eine andere sagt, dass sie sich in der geschützten, anforderungsfreien Umgebung innerhalb der Klinik sehr wohl gefühlt hat, ihre Schmerzen jedoch geblieben sind.
Dann bricht sie in Tränen aus: "Ich weiß nicht, wie ich das Leben daheim bewältigen soll. Ich habe keine besonderen Pflichten, meine Familie erwartet mich - aber ich habe Angst, ich schaffe es nicht!"
Ein weiterer erwartungsvoller Blick des Oberarztes in die Runde: "Fährt sonst noch jemand?"
"Frau König fährt am Dienstag." - Die Stimme meines Stationsarztes reißt mich aus meinen mitfühlenden Gedanken für die abreisende Patientin.
Ich bin schockiert. DAS soll alles gewesen sein? Er will mich ohne das erbetene Gespräch, ohne die Chance einer Erklärung meines Bedürfnisses nach weiterer Erholung entlassen?
Mein Hals wird eng.
Der Oberarzt fragt mich: "Frau König! Was nehmen Sie aus dieser Klinik mit? Haben Sie eine Brücke von hier nach zu Hause gebaut?"
Meine Stimme vibriert vor unterdrückter Wut. "Ich bin sehr verärgert über diese für mich unerwartete Verabschiedung!"
"Das tut mir aber leid für Sie und die Patientin, die gerade weinen musste! Es ist sehr schade, daß Sie mit einem negativen Selbstbild nach Hause fahren!"
Mir ist jetzt innerlich eiskalt: "Sie irren sich. Ich habe kein negatives Selbstbild!"
"Wo ist dann Ihr Problem?"
"Ich möchte darüber nicht vor der Gruppe sprechen, sondern unter vier Augen."
"Wie kommen Sie darauf, dass Sie Ihren Stationsarzt übergehen und sich an mich wenden können?"
Er gibt sich so, als hätte er mir nicht vor einer Woche versprochen, sich über den von mir empfundenen Konflikt zu informieren.
"Ich übergehe ihn nicht. Ich habe mehrmals um ein klärendes Gespräch über die Therapiegrundlage gebeten. Ich würde darüber lieber im kleinen Kreis sprechen, um die anderen Patienten nicht zu belasten."
"Wir sollten aber hier darüber sprechen." Er lässt nicht locker. "Sie scheinen sehr unzufrieden?"
"ICH BIN SEHR UNZUFRIEDEN! Ich habe in der vergangenen Woche regelrecht um einen Gesprächstermin gebettelt, um mit meinen durch die Termintrödelei und das Verhalten meines Stationsarztes hervorgerufenen Wut umgehen zu können! Ich hatte ihm einen Brief übergeben lassen, in dem ich meine Befürchtung ausdrückte, mich zu einer aggressiven Handlung hinreißen zu lassen - der Stationsarzt hat nicht reagiert und erst am nächsten Tag auf seine hohe Auslastung hingewiesen.
In diesem Gespräch kam es aber wieder nicht zu einer vernünftigen Unterhaltung! Ich fühle mich von ihm wie ein Idiot behandelt, der sich mit dummen Sprüchen abspeisen lässt!"
Ich fühle mich ohnmächtig, in eines der unzähligen unfruchtbaren Gespräche mit meinem Vorgesetzten zurückversetzt, in denen all meine Erklärungen regungslos zur Kenntnis genommen wurden. Ich spüre hilflose Wut, wieder das Gefühl, wie eine Comic-Figur leere Sprechblasen von mir zu geben. Gespräche dieser Art werfen mich unweigerlich voll in einen verkrampften Zustand zurück, behindern mich in der Formung meines neuen Verhaltens.
Der Oberarzt sagt distanziert: "Ich verstehe immer noch nicht, weshalb Sie glaubten, ich würde mich einschalten?"
"Wenn Sie der Meinung sind, dass ausschließlich mein Stationsarzt mein Gesprächspartner ist, hätten Sie mir das vor einer Woche sagen müssen! Ich hätte dann einen anderen Weg gefunden, um eine eindeutige Aussage zur Therapie zu erhalten! Ich hatte erwartet, dass man mir hilft!"
Dann verblüfft mich mein Stationsarzt, stachelt meinen Ärger noch weiter an: "Aber wir hatten doch im Anschluss an ihren Brief ein Gespräch."
"Am NÄCHSTEN Tag! Und Sie fragten mich beiläufig, was denn losgewesen sei! Und seit meiner Bitte an den Oberarzt, sich einzuschalten, hat überhaupt kein Gespräch mehr stattgefunden!"
"Nein...?"
"NEIN! Sie werden keine Notiz in Ihrem Terminkalender finden, weder über ein stattgefundenes noch über ein geplantes Gespräch! ICH BIN SAUER!"
Der Oberarzt beendet die Gruppenstunde: "Wir machen Schluß für heute. Auf Wiedersehen!"
Ich gehe mit den anderen hinaus, werde auf dem Flur von der Mitpatientin, die vorhin beim Gedanken an die Welt "draußen" geweint hatte, fürsorglich in den Arm genommen: "Ich habe schon in der letzten Woche gesehen, dass Sie sehr unruhig sind... Ich war ebenfalls unzufrieden mit den Gesprächen mit meiner Stationsärztin und habe um ein klärendes Gespräch gebeten - ohne Erfolg..."
So wird also der nächste Dienstag mein Abreisetag sein.
Ich rufe in der Werkstatt an, frage, ob die Reparatur meines Wagens mittlerweile ausgeführt wurde. Der Werkstattmeister entschuldigt sich, dass er so lange nichts von sich hören ließ: "Leider sind immer noch zwei Leute krank."
"Das ist schon in Ordnung. Ich sagte ja, dass es nicht besonders eilt. Jetzt wird es aber langsam dringend."
"Wenn sie das Auto herbringen können, sehe ich selbst nach, wo der Defekt liegt. Wahrscheinlich ist es die Lichtmaschine. Ich habe mich schon erkundigt. Sie ist als Ersatzteil im Moment nicht lieferbar. Vielleicht kann sie repariert werden - mit einer vollen Batterie kommen Sie aber auf jeden Fall bis nach Hause. Wir holen den Wagen heute Nachmittag."
Noch eine Stunde Zeit bis zum Mittagessen. Ich ziehe Stiefel und Mantel an, laufe an der frischen Luft eine große Runde mit raschem Schritt, um meinen Zorn über das Verhalten der Ärzte abzubauen. Bei meiner Rückkehr liegt ein unter meiner Tür durchgeschobener Zettel auf dem Teppich in meinem Zimmer: "Termin Einzelgespräch um 16.30 Uhr heute Nachmittag" und Grüße des Stationsarztes.
Wird es ein Gespräch werden, das eine Basis für meinen dringend benötigten weiteren Aufbau bietet? Ich fühle mich etwas besser. Es bewegt sich etwas.
Erster Termin am Nachmittags ist die Veranstaltung der Suchtgruppe. Wieder erzählen junge Frauen von ihrem Schicksal als Scheidungskinder. Sie haben Essstörungen, zwei waren alkohol- und drogenabhängig.
Mein Tischkollege Wolfgang nimmt heute ebenfalls teil, stellt sich jedoch nur mit Namen vor und erwähnt nicht den Grund seiner Anwesenheit, sagt beim Hinausgehen, dass er diesen Gesprächskreis ablehnt. Ich frage ihn, ob ihn der Gedanke an seine eigenen Kinder aufwühlt. Er geht mit verschlossenem Gesicht wortlos weiter.
Während des anschließenden Gespräches mit meinem Stationsarztes erkläre ich ihm meine Betroffenheit, ihn trotz des nicht stattgefundenen Gespräches meine Abreise ankündigen zu hören. Er sagt mit unbewegter Miene: "Ihr Wunsch nach Verlängerung war mir nicht deutlich. Der Verlauf Ihrer Erholung ist nicht absehbar. In den nächsten vier Wochen wäre keine Besserung zu erwarten - ich schlage Ihnen vor Ihrer Abreise ein Gespräch mit mir, der Körpertherapeutin und dem Kunsttherapeuten vor, um über Ihr Verhalten während der letzten Wochen zu sprechen."
. . . Keine Verlängerung - aber ein Gespräch mit DREI Therapeuten! Ich bin ihm unbequem, verlange mehr von ihm, als er mir geben will oder kann. Und er ist selbst unsicher, braucht Verstärkung aus dem Kollegenkreis. Der Verlauf meiner Erholung ist auch für ihn nicht absehbar. Weshalb sagte er mir dies nicht schon früher, sondern empfahl mir Rückkehr an meinen Arbeitsplatz und gelasseneren Umgang mit den dort auf mich wartenden Problemen?
"Ich spreche nicht mit drei Therapeuten gleichzeitig. Ich bin gerne zu Einzelgesprächen bereit - wenn anschließend ein gemeinsames Arbeiten an meinem Aufbau hier in der Klinik möglich ist!"
Nach der Gruppe sprechen mich draußen einige Patienten an: "Ein Gespräch mit drei Therapeuten gleichzeitig würden wir ebenfalls ablehnen - wir kämen uns dabei vor wie im Kreuzverhör!"
"So krass sehe ich das nicht. Ich bin hier ja niemandem ausgeliefert... aber eine sehr belastende Situation wäre es bestimmt!"




