Wolfgang wird am nächsten Morgen energisch: "Regine, heute Nachmittag unternehmen wir beide etwas gemeinsam! Wir fahren irgendwohin, wo nicht die halbe Klinik versammelt ist - um 15 Uhr treffen wir uns am Brünnchen! Ich rufe dich eine halbe Stunde vorher an, damit du rechtzeitig von deinem heißgeliebten Bett aufstehen kannst!"
Er erinnert mich wie angekündigt und wir treffen uns pünktlich. Wir besuchen dann ein Café in einem weiter entfernten Ort, sprechen über unsere Heimatorte, Familien, Kinder. Dann unvermittelt wieder ein Satz, der mich erschüttert: "Ich habe absolut keine Erinnerung an meine Kindheit. Meine Erinnerung beginnt langsam mit der Zeit meines Erwachsenwerdens, dem Dienst bei der Bundeswehr."
Ich frage: "Hattest du als Kind einen Unfall?"
"Ich glaube nicht."
„Was ist mit deinen Eltern - was sagen sie?"
„Sie leben nicht mehr."
„Hast du Geschwister?"
"Ja."
"Sind sie älter als du?"
"Ja."
"Aber deine Geschwister sprechen doch bestimmt von früher?"
Er zuckt mit den Achseln: "Sie erzählen nur gelegentlich von unseren Kinderjahren. Wenn sie mich dann fragen, ob ich mich an dieses oder jenes erinnern kann, und ich verneine, sprechen sie von etwas anderem."
"Möchtest du selbst mehr wissen?"
Wieder Schulterzucken: "Vielleicht war meine Jugend gut, vielleicht war sie schlecht. Was ändert das heute... Der Therapeut meiner neuen Gruppe wird vermutlich überhaupt nicht darauf eingehen. Nach seinen Worten war die Unterhaltung mit dem Therapeutin von Joachims Gruppe fürs Erste genug."
"Sie hat deinen Aufnahmebericht erstellt und an ihn weitergegeben. Er wird mit Sicherheit daran arbeiten."
"Ja, die erste Therapeutin hat viel mitgeschrieben. Sehr viel. Ich war eigentlich überrascht."
Es wird Zeit zum Abendessen. Wir zahlen und fahren zurück. Auf dem freien Hang, auf dem die Klinik errichtet ist, heult der Wind. Wir empfinden das Betreten der warmen Räume wie ein Nachhause kommen.
Ich sage: "Es wäre jetzt schön, die Beine an ein offenes Kaminfeuer zu strecken."
Wolfgang gibt sich nach dem vorausgegangenen ernsten Gespräch wieder locker: "Ich glaube nicht, dass die Klinikleitung damit einverstanden wäre, wenn wir in den Zimmern offenes Feuer machen..."
Später wird in unserer Tischrunde im Speisesaal viel gelacht. Thema ist der gesunde Appetit der Oberhessin.
"Mit dem Essen haben Sie wohl keine Probleme? Deshalb sind Sie doch bestimmt nicht hier, oder? Reicht der Platz auf dem Tisch denn für Ihr Geschirr, gnädige Frau? Oder soll ich mein Gedeck mehr auf die Seite stellen?" - Joachim, gespielt förmlich, mit seinem spitzbübischen Gesicht und seinem singenden Tonfall.
Wolfgang: "Kein Wunder, dass die Kasse die Beiträge erhöhen muss, wenn es Patienten gibt, die so viel essen!"
Erich: "Am einfachsten wäre es, wenn du gleich hier einen erhöhten Beitrag bezahlst!"
Die Oberhessin schüttet sich aus vor Lachen, isst dann mit kräftigen Gebärden unbeirrt weiter. Sie hat keine Figurprobleme, vertilgt in ihrem Zimmer zusätzlich Unmengen von Lebkuchen und von zu Hause mitgebrachten Äpfeln.
Joachim wird ernst: "Man legt mir hier sehr nahe, länger zu bleiben - und wenn ich ehrlich bin, muß ich zugeben, dass es mir nach fünf Wochen wirklich nicht wesentlich besser geht..."
Die drei Männer stehen auf, verabschieden sich, streben ihren diversen Vorhaben für den Abend zu: Saunieren, Schwimmen, Lesen, ein kleiner Ausflug in ein Lokal des Ortes. Die Oberhessin rückt näher, auf den Platz mir gegenüber, spricht sehr nachdenklich und leise: "Ich glaube, mein Mann hat auch ein Problem. Die ganze Familie leidet darunter. Kann ich das Buch über Burn-Out auch lesen? Vielleicht verstehe ich ihn dann besser und kann ihn ermuntern, sich helfen zu lassen. Er nimmt Unmengen von Schmerztabletten, die er sich selbst kauft, geht nicht zum Arzt, und er liegt so oft er kann auf der Couch oder im Bett, unternimmt in seiner Freizeit nie etwas."




