Wolfgang ist während des Mittagessens sehr still, nennt dann einen Therapeutennamen und fragt, ob ich ihn kenne. Ich verneine: „Ich habe den Namen hier noch nicht gehört. Wechselst du in eine andere Gruppe?"
Er schaut mich überrascht an: "Weißt du schon davon?"
"Nein, aber als sich herausstellte, dass du und Joachim euch kennt und aus derselben Gegend stammt, habe ich damit gerechnet. Bist du ärgerlich über den Wechsel?"
"Ärgerlich ist nicht das richtige Wort... Ich muss diese Nachricht erst einmal verdauen."
Joachim hat also wirklich 'mit seinem Oberarzt geredet'. Wolfgang ist deprimiert, spürt das Misstrauen in seine Verschwiegenheit. Am Abendbrottisch feixen die beiden wieder gemeinsam. Wolfgang ist jetzt ebenfalls der einzige Mann in seiner neuen Therapiegruppe: "Ich bin jetzt Hahn im Korb... Sie hacken alle auf mir herum. Das ist vielleicht ein Mist!"
Er ist sehr aufgekratzt, hat in der Gruppe so viel gesprochen, dass die Ärztin ihm das Wort abnehmen musste mit der humorvollen Bemerkung: "Das Schlusswort übernehme ich selbst!"
Er möchte später mit mir Kaffeetrinken gehen.
Ich lehne ab: "Müde, leider. Die Gruppe heute Morgen war sehr anstrengend."
"Schwimmen?"
"Zu müde. Du hättest meine Tonform im Offenen Atelier sehen sollen, mein "Selbstporträt": ein schlapper Haufen mit vielen Dellen, Symbole für die zahlreichen Empfindungen, die in den letzten Jahren auf mich eingeprasselt sind und auch hier in der Klinik auf mich einstürzen ...
Dann sollte ich "Kraft von innen nach außen" darstellen. Der Therapeut zeigte mir das Objekt eines anderen Patienten, das eine kraftvolle Aufwärtsbewegung ausdrückte. Aber ich bin innerlich einfach zu matt - irgendwie ging es mir an Weihnachten bereits besser als heute. Und jetzt hatte ich nicht die geringste Idee, wie ich Energie darstellen könnte...
Nur wenn mein Stationsarzt mich nervt und ich sehr wütend werde, spüre ich, dass ich doch sehr viel Kraft in mir haben muss...
Ich habe dann aus dem Material kleine Kanonenkugeln gerollt und sie aufgeschichtet... Der Kunsttherapeut riet mir, die Möglichkeiten der Klinik mehr zu nutzen... Aber hier werde ich andauernd durch andere Schicksale erschüttert! Ich erhole mich, aber zu langsam! Ich brauche Zeit! Zeit!"
Ein Vorfall des gestrigen Tages empört mich immer noch: Meine Klinikpatin war schon seit Tagen durch die Therapie sehr aufgewühlt, zitterte stark. Sie bat mich in ihr Zimmer: "Ich muss mit jemandem über meine Gefühle sprechen. Unser Stationsarzt hat keine Zeit für mich. Sehen Sie sich dieses Bild an - die Frau auf dem Tisch bin ich!"
Ich erschrak tief, als ich das Bild sah: Auf einem Operationstisch lag eine nackte Frau mit aufgeschlitztem Körper, aus dem Herz und andere Organe hervorquollen. Ein langes Messer steckte in ihrem Leib, und Blut tropfte an den Seiten des Tisches herunter. Neben dem Tisch saß ein Mann mit weißem Kittel auf einem Stuhl, beugte sich vor und sah den Frauenkörper interessiert an. "Das ist der Stationsarzt. Er zerfleischt mich mit seiner Therapie und sieht einfach zu, wie ich leide. Er sieht einfach zu!"
"Sie müssen unbedingt ein Gespräch mit ihm führen!"
"Ich habe ihn schon mehrmals angefleht. Er hat keine Zeit."
"Dann nehmen Sie das Bild bitte jetzt mit zum Offenen Atelier und zeigen es dem Therapeuten dort. Man muss Ihnen helfen!"
Sie nahm das Bild in einer Mappe mit, erwähnte es aber gegenüber dem Therapeuten nicht, und ich sprach ihn an: "Bitte schauen Sie sich Bild dieser Patientin an!"
Er bat sie, das Blatt hervorzuholen, wirkte sichtlich erschrocken, als er die Zeichnung sah: "Ihr Arzt muss heute noch mit ihnen sprechen! Ich telefoniere jetzt mit ihm!"
Ich sagte ärgerlich: "Es würde mich sehr wundern, wenn ein Gespräch zustande käme..."
Der Kunsttherapeut ermahnte mich streng, mich zurückzuhalten. Ich widersprach: „Wenn diese Patientin mit mir über ihren Zustand spricht, weil sie keine Hilfe von ihm bekommt, betrifft mich das ebenfalls!"
Er ging hinaus, kam einige Minuten später zurück und sagte beruhigend zu meiner Nachbarin: "Ihr Termin ist um 16 Uhr! Bleiben Sie bitte bis dahin nicht allein, seien Sie mit anderen Patienten zusammen, oder halten Sie sich im Schwesternzimmer auf!"
Ich treffe sie abends im Flur vor unseren Zimmern. Sie lächelt, sagt undeutlich: "Mir geht es wieder gut."
Ich bin entsetzt. Sie bewegt mühsam ihre Lippen, ihr Gesicht ist fast starr. Ich habe große Mühe, sie zu verstehen. „Was ist mit Ihnen?"
"Ich habe ein starkes Beruhigungsmittel bekommen, aber ich vertrage das Medikament nicht; es löst bei mir Krampfanfälle aus. Ich war so froh, dass sie während der letzten Wochen fast verschwunden waren..."
Gegen Neun ruft wie jeden Dienstagabend mein vertrauter Mitarbeiter Frank an, fragt nach meinem Ergehen.
"Ich kann nicht genug klagen. Mir geht es schlecht. Hast du schon einmal eine Gehirnerschütterung gehabt?"
"Mehrere. Nach Motorradstürzen."
"Dann kennst du ja das Gefühl, du könntest Gedanken greifen, aber es gelingt dir nicht. So geht es mir jetzt im Moment. Mein Kopf dröhnt. Ich glaube, ich habe seit meiner Ankunft hier noch mehr abgebaut. Mir wird langsam sehr mulmig. Niemand sagt etwas von weiterer Verlängerung. Noch sieben Tage bis zur Abreise, und ich fühle mich derart mies..."
"Du musst jetzt aber langsam raus aus dem Laden! Fahr nach Hause, lege die Beine hoch und tue nur, was dir Spaß macht. Dann erholst du dich am allerschnellsten!"
"Ich bin noch nicht soweit... Außerdem sagte mein Arzt, nach den Regeln der Krankenkasse sei ich gesund, wenn ich entlassen werde - Ich brauche die Klinik noch..."




