Burnouts - Die Mackenburg

... doch Vorsicht - dieser Roman kann das Bewußtsein verändern !

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Burnouts - Die Mackenburg Kapitelübersicht 80. Kapitel GEFÄHRLICHE BEZIEHUNGEN

80. Kapitel GEFÄHRLICHE BEZIEHUNGEN

   Sonntag. Frühstück, Mittagessen. Im Speisesaal werden Verabredungen für den Sonntagnachmittag getroffen: Spaziergänge, Fahrten. Noch nichts für mich.

   Wolfgang bittet mich, das ihm ebenfalls ausgeliehene Buch über Burn-Out-Symptome noch länger behalten zu dürfen: "Es ist zwar für Frauen geschrieben, aber Vieles trifft auch auf mich zu. Ich muss das noch einmal in aller Ruhe lesen."

   Wir sprechen über den Inhalt des Buches, das beschriebene letzte Stadium Todessehnsucht, und ich erfahre von ihm, dass er zweimal versucht hat, sich umzubringen.

   "Du kannst das aber nur halbherzig versucht haben - als Polizist hast du eine Schusswaffe. Die erledigt das doch schnell und zuverlässig."

   "Ich hatte Angst vor dem Knall und dem grässlichen Loch."

   Ich erzähle ihm, dass ich in den letzten Jahren häufig über die Ausführung meines eigenen Selbstmordes nachdachte: "Ich hatte nicht vor, mich zu töten - aber von den Gedanken bis zur Verwirklichung ist es vielleicht kein großer Schritt mehr... Ich sehe die Situation, in der ich sterben wollte, heute noch genau vor mir: Ein verborgener Platz, ein Schlafsack, Schlaftabletten und Mineralwasser. Es wäre ganz einfach gewesen."

   Bei meinen Worten schießt ihm Blutröte ins Gesicht, und ich vermute, dass seine Selbstmordversuche ähnlich abliefen. Er hat sich aber schnell wieder in der Gewalt: "Nachdem ich zweimal vor meinem Tod gefunden wurde, habe ich mir gewünscht, eine unheilbare Krankheit zu bekommen und vielleicht an Krebs zu sterben."

   "Und ich habe gedacht, dass ich mich nicht behandeln lassen würde, wenn ich eine unheilbare Krankheit bekäme... Und dann dachte ich eine Zeitlang darüber nach, wie es wäre, eine Straftat zu begehen und hinter Gittern zu sitzen. Einfach, um jemanden für mich sorgen zu lassen... Ich bin mir noch nicht völlig sicher, ob ich diese Phase für immer hinter mir gelassen habe..."

   Wir sehen uns verständnisvoll und bedauernd an, ahnen die Qualen des anderen.

 

   Dann wirkt Wolfgang lebhaft und unternehmungslustig, fragt mehrmals, ob ich Lust hätte, noch etwas zu unternehmen.

   "Nein, nimm es bitte nicht persönlich. Ich bin sehr müde und freue mich bereits auf mein gemütliches Zimmer. Ein andermal vielleicht."

   Wir verabreden lose einen gemeinsamen Ausflug am nächsten Wochenende.

   Er versucht es noch einmal: "Wir gehen später schwimmen. Komm doch einfach mit!" "Schwimmen...? Nein... Viel Spaß!"

   Ich bin jetzt seit sieben Wochen in der Klinik und fühle mich matt wie noch nie zuvor. Mein Gehirn will ruhen, ist nach kurzen Unterhaltungen bereits erschöpft, beschäftigt sich aber von früh bis spät mit für mich wichtigen Themen.

   Joachim hat es vor einigen Tagen genauso beschrieben: "Man handelt aus Routine, tut irgendwelche Dinge, während das Unterbewusstsein sich ständig mit Problemen zu beschäftigen scheint. Fast, als ob man zwei oder mehr Menschen gleichzeitig wäre."

   "Guten Morgen! Wie geht es Ihnen heute?"

   Montag. Gruppengespräch der Stationsgruppe. Ich während des ruhigen Wochenendes eine neutralere Einstellung zu meinem Stationsarzt gewonnen, bin völlig entspannt und vertraue wieder in seine Fähigkeiten. Die Gruppenstunde wird zu einem wirklichen Erlebnis, in dem Lachen und Weinen wieder sehr nahe beieinanderliegen. Der Stationsarzt läuft zu hoher Form auf, zieht viele Register seiner Ausbildung und lockt jeden einzelnen von uns hinter selbstgewählten Barrikaden hervor.

   Irgendwann im Gesprächsverlauf bittet Konrad den Stationsarzt, reihum abzufragen, wie die einzelnen die Therapiestunden der vergangenen Woche erlebt haben: "Hier sprechen immer nur wenige, die anderen sind still. Man weiß nichts von ihnen, aber sie wissen alles von den Mitteilsamen und geben ihre Meinung dazu bekannt. Ich empfinde diese Schweigsamkeit als mangelndes Vertrauen den anderen Gruppenmitgliedern gegenüber."

 

   Der Stationsarzt fragt in die Runde, welche Meinung zu diesem Vorschlag herrscht. Längeres Schweigen. Dann äußern sich die ersten sonst Schweigsamen zaghaft. Sie würden lieber nicht in einer festen Reihe reden müssen.

   Corinna sagt: "Ich bekomme beim bloßen Gedanken daran schon Herzklopfen - wenn ich genau ausrechnen kann, wann ich dran bin, würde ich vor Angst den anderen überhaupt nicht zuhören können, sondern mir bereits meine Worte zurechtlegen."

   Rainer möchte ebenfalls, dass jeder spricht: "Letzte Woche hat Regine fast pausenlos geredet. Es ging nur um ein Thema."

   Meine Klinikpatin steht mir bei: "Es war aber für viele interessant!"

   Ich stelle richtig: "Ich habe keinen Monolog gehalten, sondern auf die Fragen des Arztes geantwortet, der die Gesprächsleitung führt. Ich bin sicher, dass er wollte, dass ich spreche, sonst hätte er nicht erst gegen Ende der Stunde um anderen Meinungen gebeten."

   Der Arzt verfolgt unser Geplänkel, spricht mich an: "Sie sind jetzt offensichtlich ärgerlich?"

   "Rainer hat mich schon nach der Gruppenstunde gemahnt, beim nächsten Mal nicht wieder so viel zu reden. Ich habe zurückgefragt, ob er der neue Ko-Therapeut ist."

   Der Arzt fragt Corinna, die bei jeder von Rainers Bemerkungen seit Beginn der Stunde den Kopf zur Decke wirft und die Augen verdreht, dabei den Atem heftig ausstößt: "Sie wollten schon die ganze Zeit etwas sagen?"

   Sie reagiert heftig: "Der Mann regt mich mit seinen Bemerkungen auf! Er gibt überall seinen Senf dazu, statt über sich selbst zu sprechen!"

   Zwischen Rainer und Corinna entfacht sich eine hitzige Unterhaltung, bei der sich herausschält, dass sie sich stellvertretend für ihre Ehepartner zu Hause ansprechen, sich gegenseitig die am anderen empfundenen Fehler vorwerfen. Als dies beiden bewusst wird, lachen sie. Rainer: "Wir sollten uns näher unterhalten."

   Corinna: "Ich bin ja noch 14 Tage hier."

 

   Rainer spricht dann zum ersten Mal von etwas anderem als seinen früheren nervenaufreibenden Beruf - von seiner Ehe, dem Verhalten seiner Frau: "Ein Eisblock - 'ne Junge wäre mir lieber!" Der Arzt fragt nach: "Weshalb wäre Ihnen eine Junge lieber?"

   Rainer kämpft sichtlich mit sich, bringt es nicht über sich, völlig offen zu sein: "Na, wenn Sie den Unterschied zwischen einem Eisblock und einer jungen Frau nicht verstehen..."

   Helga, die sich mir bei ihrer Ankunft als Begleitung beim Töpfereieinkauf anschloss und mir damals überhastig von ihren Eheproblemen berichtete, bekommt einen Lachanfall, kann sich kaum beruhigen.

Wir anderen lachen mit, amüsiert über ihre plötzliche und an ihr so ungewohnte Heiterkeit. Der Arzt sieht sie aufmerksam an. Dann ruft sie: "Eine junge Frau hat Feuer, und ein Eisblock ist kalt! Das ist doch klar!"

   Der Arzt sieht sie weiter abwartend an. Nach einigen Sekunden schlägt Helga die Hände vor ihr Gesicht und weint. Nachdem sie sich lange Zeit später wieder gefasst hat, spricht sie davon, sich selbst ins Innere eines Eisblocks zurückgezogen zu haben: "Jedes Mal, wenn ich Gefühle zeige, kommt wieder eine Enttäuschung. Deshalb habe ich mich hinter eine dicke Eiswand zurückgezogen. Ich will nicht mehr verletzt werden!" Ihre Tränen überwältigen sie wieder.

   Ich ahnte bereits während der ersten Therapiestunde, dass ihr Mann gewalttätig ist, schloss es aus ihrer Bemerkung: "Das ist doch wunderbar, wenn Sie und Ihr Mann so höflich miteinander umgehen, wenn Sie ärgerlich aufeinander sind... statt sich immer weh zu tun."

   Der Arzt lässt ihr jetzt Zeit, bittet sie, Beispiele zu nennen. Immer noch von Weinkrämpfen geschüttelt, spricht sie weiter: "Er weiß, dass ich Blumen liebe, anderen gerne eine Freude damit mache. Er hat die Pflanzen und Büsche in einem Wutanfall mit der Motorsäge abgemäht. Es hat so weh getan...

   Wenn ich manchmal glaube, dass er Ärger gehabt hat, und ihn anspreche, tobt er, wirft mir Holzscheite nach... Ich hatte hier wieder etwas Hoffnung geschöpft, eine Bitte an ihn gerichtet... Er hat mich wieder enttäuscht, sein Versprechen nicht gehalten... Es ist so sinnlos, auf eine Änderung zu hoffen... - Aber ich brauche ihn! Ich brauche die Dinge, die ich für ihn tue, Kochen, Waschen, den Haushalt in Ordnung halten. Ich kann nicht allein sein. Ich würde mich umbringen!"

   "Sie leben sehr gefährlich!" rutscht es mir über die Lippen. "Heute sind es die Blumen, morgen vielleicht Sie."

   Ihre Antwort spiegelt ihre Angst: "Ich habe schon zu allen Verwandten und Freunden gesagt, daß ich mich nicht selbst umbringen würde, solange ich mit ihm verheiratet bin. Wenn ich sterben sollte, und es als Selbstmord hingestellt wird..."

   ... hat er sie umgebracht, ergänze ich ihren unvollendeten Satz in Gedanken.

   Ich glaube zu wissen, was in ihr vorgeht. In mir steigt die Erinnerung an eine ebenfalls gefährliche Beziehung auf, als der Vater meines Sohnes aus hilfloser Enttäuschung über nicht verwirklichte Träume erst Möbel und Auto zertrümmerte, später seine Aggressionen gegen mich richtete, mein Leben bedrohte.

   Unsere Rettung war sein Angebot, allein in seine Heimat Australien zurückzukehren, um uns vor einer Katastrophe zu bewahren. Ich begleitete ihn mit Robin zum Flughafen, war traurig, ihn zu verlieren, und gleichzeitig erlöst, dass diese Beziehung ein erträgliches Ende gefunden hatte. Um meinen damals erst zwei Jahre alten Sohn später nicht wie von den eigenen Eltern erlebt mit negativen Gefühlen zu belasten, sprach ich mit ihm überhaupt nicht über seinen Vater. Robin sagte vor dem Einschlafen Jahre später einmal traurig: "Mein Vater ist bestimmt tot..."

   Meine Erklärung für den nach einigen Anrufen seines Vaters von mir abgebrochenen Kontakt war keine Hilfe für ihn: "Wir waren keine Freunde mehr..."

   Dann Briefe seines Vaters an mich, die Bitte, Kontakt zuzulassen, seine Einladung an Robin, ihn in Australien zu besuchen, die neue Frau des Vaters und die Halbgeschwister kennenzulernen. Robins Reise und seine später oft geäußerten Pläne, irgendwann in Australien zu leben... Ich hänge weiter meinen Gedanken nach, folge den Gesprächen bis zum Ende der Gruppe nicht mehr.

 

 

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Frühere Veröffentlichung:

Goodbye, Robin

ENGLISCHE ÜBERSETZUNG
als KAPITEL-SERIE



Referenzen und Lesungen siehe Autorenhomepage www.ilse-koempel.de


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