Ich wurde von meinem Vorgesetzten für sechs Uhr morgens zur wöchentlichen Rücksprache in sein Büro bestellt, sitze ihm jetzt unausgeschlafen am Besprechungstisch gegenüber und weiß, daß bis zu meinem voraussichtlichen Arbeitsende viele anstrengende Stunden vergehen werden.
Zu dieser frühen Stunde habe ich große Mühe, mich auf das Gespräch zu konzentrieren, und schweife ständig gedanklich ab. Er spürt meine mangelnde Aufmerksamkeit, und fragt halb lächelnd, halb mahnend: "Hören Sie mir überhaupt zu? Um diese Zeit kann man ja mit Ihnen wirklich nicht viel anfangen!"
Ich sehe ihn schweigend an, voller innerer Abwehr. Er ist erfüllt von beruflichem Ehrgeiz und erwartet von mir gleiche Leistungen. Auch heute Morgen werde ich wie üblich von ihm mit einer Vielzahl von Sonderaufgaben beauftragt.
Er blickt während des anschließenden Abfragens einer langen Liste mir früher übertragenen Aufträge gewollt verständnislos, wenn ich keinen kompletten Abschluss vermelde, schüttelt jedes Mal missbilligend den Kopf: "Aber wir haben doch schon vor Wochen darüber gesprochen... Sie hatten doch mehr als genug Zeit! Kommen Sie doch wie ich jeden Tag morgens um Sechs, wenn hier alles noch ruhig ist, dann haben Sie genügend Zeit, um die Schreibtischarbeit ohne Störungen vor den täglichen Routinearbeiten zu erledigen! - Und ihre Mitarbeiter brauchen einfach mehr Motivation von Ihnen! Aus meiner Sicht ist ausreichend Zeit für alle Aufgaben! Also: Wann werden die unerledigten Dinge abgeschlossen sein?"
Ich fühle mich bei meinen Erklärungen wie eine Comic-Figur, aus deren Mund leere Sprechblasen hochsteigen, deren Sinn ihn nicht erreichen. Mein Einsatz ist ihm trotz aller Anstrengungen nicht hoch genug, und er überhört all meine Versuche, ihm die Unmöglichkeit seiner Forderungen deutlich zu machen.
Dann wird er von der Sekretärin der Geschäftsleitung telefonisch zum Firmeninhaber gerufen und bestellt mich zur Fortsetzung unseres Gespräches für den nächsten Morgen in sein Büro.
Der Arbeitstag zieht sich unendlich in die Länge, und gegen 18 Uhr räume ich die Akten auf meinem Schreibtisch zu verschiedenen hohen Stapeln zusammen: Vorgänge, die sofort am nächsten Tag zu erledigen sind, Vorgänge, die „in Ruhe erledigt werden können". Und Vorgänge, von denen ich weiß, dass keine Möglichkeit bestehen wird, sie in absehbarer Zeit aufzuarbeiten - bis eine ärgerliche Nachfrage zuerst bei mir und dann bei meinem Vorgesetzten erfolgt und er energisch Erledigung anmahnt.
Auf dem Heimweg halte ich an einem Lokal, an dessen Stammtisch ich Freunde anzutreffen hoffe, die sich nach Laune und Zeit dort werktags nach Arbeitsende treffen. Wie erwartet stoße ich auf Gesellschaft, treffe auch meinen Mann Richard dort an, in ein angeregtes Gespräch mit seinem Nebenmann vertieft.
Alle begrüssen mich herzlich, ich murmele auf Richards forschenden Blick "Scheißtag", bestelle das erste Pils und zünde eine Zigarette an. Für eine Weile beteilige ich mich nicht am allgemeinen Gespräch, trinke, rauche, hänge abgespannt meinen Gedanken nach. Beim zweiten Pils fühlte ich mich bereits belebt. Jemand bestellt eine Runde Hochprozentiges. Prost! Meine Stimmung hebt sich Zusehens. Bald scherze und lache ich mit den anderen und vergesse für eine Weile meine Resignation. Es wird spät, Richard und ich essen im Lokal; zu Hause bleibt alle Arbeit liegen.
Am nächsten Morgen bereiten wir uns schweigend auf den bevorstehenden Arbeitstag vor. Während des Frühstücks schildere ich Richard die Büro-Szene vom Vortag, und er sagt in ruhigem Tonfall: „Jammere nicht - unternehme etwas!"
Im ersten Moment richtet sich mein Ärger gegen ihn: „Ich hatte gehofft, wenigstens bei dir Verständnis zu finden!"
„Ich kann dir nicht helfen. Du mußt selbst etwas tun."
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