Die Klinik liegt in der wochenendüblichen Stille. Einige Spaziergänger treffen sich nach dem Mittagessen am Brünnchen in der Halle und machen sich gemeinsam auf den Weg. Ich möchte zeichnen und gehe hinüber zu den Kreativräumen.
Eine der beiden Türen steht etwas offen - Zeichen dafür, dass sich bereits jemand im Raum befindet und sich über Gesellschaft freuen würde. Zwei junge Frauen malen an verschiedenen Tischen mit Wasserfarben auf großformatigem Papier. Eine lässt die Farben bahnenweise ineinander verlaufen, die andere, deren linke Wange von einer großen Narbe gezeichnet ist, malt ein Bild: Zu erkennen ist bereits eine Frau mit kraftvoll seitwärts erhobenen Armen. Ihre Füße sind als starke Wurzeln in brauner Erde dargestellt. Ich bitte um Erklärung des Bildes. "Ich male mich selbst und die vier Elemente."
Ich frage, wie sie das Element Luft darstellen wird.
"Meine Arme werden zu Flügeln werden. Leider kann ich nicht abheben... meine Wurzeln halten mich fest."
Eine weitere Patientin kommt herein: "Ich fühle mich heute nicht gut. Vielleicht hilft mir das Malen, eine Weile auf andere Gedanken zu kommen."
Sie aquarelliert ein Stilleben mit Früchten, sehr präzise, in sehr blassen Farben. Ich zeichne ein kleines Haus aus Natursteinen an einem Berghang, mich selbst mit dem PC an einem kleinen Tisch auf der von blühenden Büschen beschatteten Veranda, am Fuß des Berges Wasser, Boote - meine Zukunftsvision.
Ein junger Mann tritt ein, lächelt zaghaft, sagt, dass er selbst nicht zeichnen kann, mit sich jetzt nichts anzufangen weiß und Gesellschaft sucht. Wir ermuntern ihn, sich einfach mit Material zu bedienen und es zu versuchen. Er wehrt ab: "Ich wüsste überhaupt nicht, was ich malen soll..."
"Einfach loslegen!"
Er nimmt sich ein halbformatiges Blatt und Wachsmalkreiden, setzt sich an einen der freien Tische. Die Stimmung ist sehr entspannt. Gelegentlich fallen einige Worte, oder ein Lied wird leise angesummt, mitgesummt.
Dann betreten Corinna und Elvira den Raum, suchen sich ebenfalls freie Plätze. Elvira hat ihr Strickzeug mitgebracht. Corinna sägt mit einem Fuchsschwanz eine dicke Scheibe von einem großen Speckstein ab, macht dabei sehr viel Lärm. Der Stein staubt beim Sägen; leichte Schwaden durchziehen den Raum. Ich spüre Ärger über Corinnas Rücksichtslosigkeit, empfinde aber gleichzeitig eine Veränderung in ihr: Aus der „Schüchternen" ist eine selbstbewusstere Frau geworden.
Nach einer Weile ist sie dann endlich fertig und arbeitet mit einer Feinraspel weiter. Es ist wieder ruhiger im Raum.
Der junge Mann tritt neben mich und erklärt mir sein inzwischen entstandenes Bild, das er vor uns beiden auf den Tisch legt: sein Elternhaus auf einer ehemaligen, jetzt abgeholzten Apfelplantage, umgeben von Feld und Wald, mit eigenem Schwimmbad. Er zeigt mir "sein" Fenster, erklärt, in welchem Winkel die Sonne tagsüber auf das Haus fällt, und wo sie abends untergeht.
Ich meine fast, das Haus und seine Lage vor meinem inneren Auge zu sehen.
Er nimmt sich einen zweiten Bogen Papier, zeichnet weiter.
Später gehe ich mit der Video-Kamera durch das Haus, um einige der von Patienten gemalten und gerahmten Bilder an den Wänden der Flure und die ebenfalls von Patienten geschaffenen Steinobjekte aufzunehmen, sehe den jungen Mann noch einmal am Treppenabsatz seiner Etage. Er hat eine beachtliche Rolle Papier unter dem Arm. Ich frage ihn: "Zeigst du mir auch deine anderen Bilder?"
Er legt sie bereitwillig auf dem Teppich des Flurs aus, zieht damit weitere Vorbeikommende als Zuschauer an.
Ich bin sehr überrascht. Nach drei einfachen, eher kindlich gemalten Landschaftsbildern in Naturfarben malte er ein großformatiges, sehr ungewöhnliches Bild ausschließlich aus ungleichen Dreiecken in verschiedenen, sehr kräftigen Farben. Das Bild wird auch von den übrigen Betrachtern, die im Vorübergehen aufmerksam wurden und jetzt einen Halbkreis bilden, bestaunt und bewundert.
Der junge Mann nimmt unsere Bemerkungen gelassen auf, findet nichts Besonderes an seinem letzten Werk.
"Joachims Stimme gefällt mir. Sie ist so beruhigend" sagt die Oberhessin später, als ihr Platznachbar sich vom Tisch entfernt, um am kalten Büffet noch ein Stück Obst auszuwählen. Als er kurz darauf zurückkommt, frotzelt Erich: "Joachim, unsere Kollegin macht dir merkwürdige Komplimente: Sie findet deine Stimme beruhigend."
Joachim steigt sofort in den flapsigen Ton ein, sieht die Oberhessin intensiv an: "Machst du mir etwa einen unsittlichen Antrag? Du findest meine Stimme erotisch?"
Die Oberhessin lacht herzlich und etwas verschämt, korrigiert mehrmals: "Beruhigend. Ich finde deine Stimme beruhigend."
Das Geplänkel am Tisch spinnt sich weiter, unbeschwert, ohne irgendeine Erwähnung des Klinikbetriebes oder eines Therapeutengespräches. Jedem fallen immer neue witzige Bemerkungen ein, wir lachen minutenlang. Die Männer verabreden untereinander einen Besuch im Ratskeller:
"Samstags ist Biertag!"
Ich verabschiede mich schnell, bevor ich meinem inneren Wunsch nachgebe, mich anzuschließen.
Wolfgang blickt mich überrascht an, hat wohl die Abruptheit meines Abschieds bemerkt: "Hast du eben Gute Nacht gesagt? Weshalb kommst du nicht mit?"
„Ich will nachdenken. Gute Nacht!"
Das Telefonat mit Richard fällt dürftig aus. Meine Frage nach dem Verlauf des Seglertreffs am Vorabend beantwortet er mit "Es war recht lustig." Anschließend habe er noch einmal kurz unser Stammlokal besucht: "Auch immer dasselbe", und sei dann nach Hause gegangen. Jetzt liege er auf der Couch, der Hund davor. Ich spüre noch keine Sehnsucht nach zu Hause, fühle mich wohl und geborgen hier im Klinikbetrieb, meiner Gefühlswelt, der Möglichkeit, zu sein wie ich bin. Richard ist "draußen", Teil einer fernen Welt.
"Richard - wollen wir unsere Wohnungseinrichtung etwas aufpeppen? Kannst du dich an die grünen Ledermöbel erinnern, die uns vor einiger Zeit so gut gefallen haben?"
"Ja - aber sie sind blauviolett!"
Ich habe sie eindeutig grün in Erinnerung...
"Bitte kaufe sie. Ich will Farbe in der Wohnung!"
Er kann sich nicht spontan entschließen: "Ich messe erst einmal genau den Platz aus."
"Der Platz reicht - ich habe das auf den ersten Blick gesehen!"
"Ja - und grünes Leder..."
"Du hast ja recht... Überlege es dir in Ruhe!"
Ich sehne mich anschließend nach Gesellschaft, gehe ins Wohnzimmer meiner Station. Die Westfälin, Beate und Ullrich spielen im gedämpftem Licht der Stehlampe und leiser Country-Musik aus dem Musikturm "Mensch ärgere dich nicht". Ich setze mich zu ihnen an den runden Tisch auf den freien vierten Platz, höre ihren spaßigen Kommentaren während des Würfelns zu.
Ullrich wirkt locker, und fast scheint es mir, als ob er seinen Kopf im heiteren Gespräch auch zur anderen Seite drehen kann.
Während des Spiels wird viel gelacht. Ich fühle mich wohl in dieser Runde, lache mit, werde gefragt, ob ich mitspielen möchte.
"Ich würde sehr gerne, aber selbst das Auszählen der Felder schreckt mich ab - es würde mir Kopfschmerzen machen."
Diese Bemerkung wird wie selbstverständlich akzeptiert.
Nach einer Weile gehe ich zurück in mein Zimmer, lege mich aufs Bett, male mir meine Zukunft in den schönsten Farben aus, um mich in eine angenehme Stimmung zu träumen - kein Zeitdruck, Nachdenken, Schreiben, Ausruhen. Etwas Leckeres für Richard und mich kochen. Lange Spaziergänge mit dem Hund durch Felder und Wälder, meine Kleidung dem Wetter angepasst, während der kühleren Jahreszeit einen Schal um den Kopf geschlungen ohne Rücksicht auf meine Frisur. Der Haushalt von unserer "Hausfrau" gepflegt. Ich werde sehr ruhig bei diesen Gedanken, weiß genau, dass dies das Umfeld ist, um wieder völlig gesund zu werden.
Das Klingeln des Telefons schreckt mich aus meinen Visionen auf. Schwester Renate bittet mich, meine Essenauswahl für die kommende Woche zu treffen. Ich hatte es beim Verlassen des Speisesaals vergessen und freue mich über die Erinnerung.




