Burnouts - Die Mackenburg

... doch Vorsicht - dieser Roman kann das Bewußtsein verändern !

  • Schrift vergrößern
  • Standard-Schriftgröße
  • Schriftgröße verkleinern
Fehler
  • Fehler beim Laden des Feeds!
Burnouts - Die Mackenburg Kapitelübersicht 78. Kapitel GEHEIMNISVOLLE WESEN

78. Kapitel GEHEIMNISVOLLE WESEN

   Samstag - Tag ohne Termine. Während des Frühstücks verabrede ich mich mit der Oberhessin zu einem Spaziergang zu einer Lebkuchenfabrik etwas außerhalb des Ortes, die ihre Produkte besonders preiswert anbietet. Der Schnee glitzert in der Sonne. Es ist etwas wärmer geworden. Es macht Spaß, auf der einsamen Straße zu gehen. Nur sehr wenige Fahrzeuge passieren uns. Wir haben viel Gesprächsstoff: Familie und Beruf. Sie hat hier draußen keine Probleme, mich zu verstehen, und unser Gespräch läuft flüssig ohne die im Speisesaal häufigen Missverständnisse und Rückfragen.

   Die Tür des Verkaufsladens der Fabrik ist dann zu unserer Enttäuschung verschlossen, und wir nutzen den strahlenden Sonnenschein und den weichen Schneebelag der Straße für einen weiten Spaziergang hinaus aus dem Ort und über Feldwege in einem weiten Kreis zurück. Wieder im Ort, machen wir einige Besorgungen, werden in jedem Laden sehr freundlich bedient und gefragt, aus welcher Ecke Deutschlands wir kommen, wenn wir für Waren die in unserer Gegend üblichen Bezeichnungen gebrauchen und diese hier nicht bekannt oder üblich sind.

   Ein Einkauf im "Schreibwarengeschäft an der Ecke" wird wieder zum besonderen Erlebnis. Der Laden ist wie immer voller Menschen; die Chefin kümmert sich wie meist allein abwechselnd um Kundenwünsche und Verkaufskasse. Es ist Selbstbedienung vorgesehen; findet man einen Artikel in den mehr als vollen Regalen nicht, stellt man sich vor die Verkaufstheke im hinteren Teil des Raumes.

   Die Chefin steht von ihrem Kassenplatz auf, sobald sie den Eindruck hat, dass der betreffende Kunde an der Reihe ist, lässt die kleine Menschenschlange an der Kasse warten, und bedient sehr sorgfältig, verschwindet gelegentlich in die angrenzenden Räume und kommt erst wieder hervor, wenn sie den gewünschten Artikel in der Hand hat. Die anderen Kunden warten geduldig.

   Heute suche ich eine Kartonmappe zum Aufbewahren von Zeichnungen. Sie zeigt mir erst den Regalplatz für das übliche Format, ich möchte jedoch eine andere Größe. Sie sagt, dass auch dieses vorrätig sei: "Gerade frisch angekommen und noch nicht ausgepackt. Ich sehe nach, wo die Mappen sind."

   Sie geht trotz meines Protestes in den hinteren Teil des Ladens. Ich möchte sie nicht mit dem Suchen eines Artikels beschäftigen, den ich nicht unbedingt heute brauche, und rufe in den Raum, dass ich an einem ruhigen Tag wiederkommen will. Sie sucht unbeirrt noch einige Augenblicke weiter und tritt mit der gewünschten Mappe aus der Tür. Ich stelle mich hinten an die Kassenschlange an. Sie nimmt wieder Platz und kassiert weiter.

   Als ich an der Reihe bin, erzählt sie mir ausführlich von ihren Belastungen: "Meinen Mann nimmt das irgendwie nicht so sehr mit, obwohl er auch noch die Buchbinderei betreibt - aber ich könnte etwas Ruhe gebrauchen. Es ist oft sehr anstrengend für mich, in Laden und Haushalt zu arbeiten und außerdem noch gelegentlich meinem Mann zu helfen."

   Die Oberhessin und ich nicken mitfühlend: "Wir können Sie gut verstehen. Auch wir sind überarbeitet. Deshalb sind wir hier."

   Mittlerweile treffen uns interessierte Blicke anderer Kunden und Kundinnen. Irgendwie habe ich das Gefühl, dass wir in ihren Augen als Patientinnen der Klinik geheimnisvolle Wesen sind, über die man gerne mehr erfahren würde. Ich spüre aus dem weiteren Verlauf der jetzt allgemeinen Unterhaltung, dass wir den "Test" bestanden haben, die Frage, ob Gäste einer psychosomatischen Klinik sich "normal" benehmen, zu unseren Gunsten entschieden wird.

   Überall auf den Straßen treffen wir andere Patienten. Man kennt sich, grüßt freundlich, wechselt gelegentlich einige Worte. Der Ort wird sich in den nächsten Jahren verändern, sich modernisieren, neue Straßenbeläge und eine Umgehungsstraße erhalten, den Gemeinden im Westen gleichen wie ein Ei dem anderen.

   Wieder bin ich froh, diesen jetzigen Zustand noch zu erleben, mich über die Mitteilsamkeit des Verkaufspersonals zu freuen, die mir Gelegenheit gibt, mehr über den Osten Deutschlands zu erfahren, ihn gefühlsmäßig auch zu "meinem" Land zu machen und es als Fremde von "drüben" nicht zu kritisieren, sondern kennenzulernen.

 

Abhängigkeiten  Aggressionsstörung  Arbeitslosigkeit  Depression  depressive Verstimmung  Erschöpfung  Gedankenkarussell geistige Prostitution  Helfersyndrom  Leistungsdruck  Konzentrationsstörung  psychosomatische Erkrankung  Essstörung  Rückzug  Schlafstörungen  Selbstmord  Angst  Selbstmordgefährdung  Selbstverletzung  sexueller Mißbrauch  Suchtgefährdung  Trauer  Überforderung  Überlastung  Verhaltensstörung  Verlust  Zwänge

Frühere Veröffentlichung:

Goodbye, Robin

ENGLISCHE ÜBERSETZUNG
als KAPITEL-SERIE



Referenzen und Lesungen siehe Autorenhomepage www.ilse-koempel.de


Aktuelle Presse zum Thema

Vorschau

 

       I L S E   K Ö M P E L

 
 

Interaktiv