Donnerstag. Auf dem Plan stehen Massage und Fango-Paraffinpackung zur Muskelentkrampfung. Anschließend autogenes Training unter der Leitung des Stationsarztes - das erste nach mehreren Ausfällen tatsächlich stattfindende Training während meines Aufenthaltes.
Ich fühle mich etwas unwohl beim Gedanken an die nächste Begegnung mit dem Arzt. Meine Aufregung von gestern ist verflogen. Ich schäme mich etwas und weiß nicht genau, wie ich mich verhalten soll. Ich freue mich wie immer auf die Massage, das Gespräch mit der patenten jungen Masseurin, die anschließende wohlig-warme Ruhe, eingeschlagen in einer Wolldecke.
Als wir während des letzten Termins über unsere Kinder sprachen, erwähnte ich meine familiäre Katastrophe, die Drogensucht meines Sohnes, seine enormen Anstrengungen, sich von seiner Umgebung zu lösen, ein neues Leben an einem anderen Ort zu beginnen: "Ich war so verzweifelt, dass ich ein Buch darüber geschrieben habe, um andere aufzurütteln, darauf zu achten, ob in ihrer Familie eine ähnliche Entwicklung stattfindet."
Die Masseurin zeigt großes Interesse am Titel des Buches: "Damit ich es dann kaufen kann, wenn es erscheint!"
Ich sage ihr, dass meine Manuskriptkopie gerade von einer Mitpatientin gelesen wird. "Ich hatte die Blätter im Ort binden und den Umschlag mit Titel und Namen versehen lassen - die Putzfrauen haben das Buch dann in meinem Zimmer gesehen und anderen Patienten erzählt, ich sei Schriftstellerin. Dann wollten es alle lesen - es ist ein gutes Gefühl für mich, zu spüren, dass großes Interesse an diesem Thema besteht! Ich bringe Ihnen das Buch gerne zum nächsten Termin mit."
Heute habe ich es also dabei, schamhaft in das große Badelaken eingewickelt, das ich für die Dauer meines Aufenthaltes erhielt und zu jeder Anwendung mitbringe.
Sie freut sich, als ich das Buch auspacke und auf die Liege lege. Heute ist Massage des oberen Rückens vorgesehen. Ich sitze vor ihr auf einem niedrigen Dreibeinhocker, sie hinter mir auf der höheren Liege. Ich spüre, dass sie nur die rechte Hand zur Massage einsetzt, höre Papierrascheln. Dann sagt sie bewundernd: "Das Gutachten der Literatur-Agentur ist sehr beeindruckend. Ich würde mich am liebsten sofort an ein ruhiges Plätzchen verziehen und zu lesen anfangen! Darf ich es dann auch an meine Kolleginnen weitergeben? Sie haben auch alle Kinder und möchten es bestimmt lesen!"
"Natürlich! Ich freue mich über jeden einzelnen Menschen, der vielleicht dadurch eigene Fehler vermeiden kann!"
Ihr Interesse tut mir gut. Ich bin überzeugt, dass das Manuskript einen auch für andere wertvollen Inhalt hat. Meine ganze Seele liegt darin. Während des Schreibens über drei Monate hinweg habe ich alle Gefühle durchlitten: Wut, Tränen, Erleichterung. Erleichterung darüber, dass die unkontrollierbare Situation und die Aufregungen mit dem Abflug meines Sohnes zum Vater ein Ende gefunden haben und so ein neuer Anfang möglich ist. Aus der anfänglichen Anklage gegen meinen Sohn wurde Reue über meine eigenen Fehler. Ich schrieb an dem Manuskript wie eine Besessene, in jeder freien Minute, und oft bis spät in die Nacht. Ich war getrieben von dem Bedürfnis, Abläufe und Gefühle festzuhalten, wollte keinesfalls versuchen, sie zu verdrängen und damit möglicherweise zu vergessen, entgegen dem überzeugten Rat meines Vaters; "Verdrängen! Du musst verdrängen können!"
"...?? Frau König? Ich habe Ihnen die Termine für nächste Woche notiert und lege Ihnen den Zettel draußen auf den Tisch. Sie haben noch eine weitere Viertelstunde Zeit, zu ruhen. Schönes Wochenende dann und vielen Dank für das Buch!"
Später schlendere ich zurück in den Wohntrakt, trage mich im Erdgeschoß für einen Termin zur Nutzung des Waschautomaten ein, gehe in aller Ruhe nach oben. Die Tür zum Gruppenraum ist geschlossen - eine Gruppenstunde also. Aber welche? Das autogene Training! Ich hatte nicht mehr daran gedacht. Es hat bereits vor einer Viertelstunde begonnen. Die Gruppe jetzt zu stören, wäre sehr grobes Verhalten.
Ich schreibe in meinem Zimmer eine Notiz für den Stationsarzt und entschuldige mein Fehlen, hefte sie an den Türrahmen des Wohnzimmers. Wir mein Gehirn jemals wieder logisch arbeiten? Ich hatte mir den Termin nicht merken können, obwohl ich ihn vor weniger als einer Stunde auf dem Plan las. Während des Mittagessens kommt meine Klinikpatin herüber zu mir, sagt, dass mich die Gruppe vermisst hat: "Wir haben alle an Sie gedacht!"
Ich erkläre auch ihr, dass es keine Absicht war. „Mein Kopf ist so voll, dass ich mir oft einen Schalter wünsche, mit dem ich meine Gedanken stundenweise abstellen könnte. Es tauchen so viele Dinge aus der Vergangenheit wieder auf, dass ich mir die einfachsten Alltagsdinge nicht merken kann..." Sie sagt aufmunternd: "Das wird schon wieder!"




