Erich nervt mich am Mittagstisch mit seinen ständigen Beteuerungen, selbst keinerlei Probleme zu haben, aber die der anderen angeblich zu tolerieren. Er erzählt in ironischem Tonfall: "Heute in der G Gruppe gingen sie mir wieder tüchtig auf den Geist! Bis die nur mal soweit sind, dass es losgeht: Der Therapeut fragte heute beim autogenen Training: 'Sitzen Sie alle bequem?' Eine hat sich gemeldet und gesagt: 'Ich nicht." Weil kein anderer Platz mehr frei war, fragte der Therapeut dann die Runde, ob jemand tauschen würde. Einer hat dann mit ihr getauscht. Als nächstes hat Einer das Fenster gekippt, weil so schlechte Luft im Raum wäre. Dann hat der, der gerade vorher den Platz getauscht hatte, gesagt: 'Mir ziehts!' Also ist erst gelüftet und dann das Fenster wieder geschlossen worden, bis es dann endlich losging - ich weiß nicht, weshalb die solch einen Aufwand mit den Vorbereitungen machen. Aus meiner Sicht ist das reine Zeitvergeudung!"
„Hast du schon irgendwelche Fortschritte bei dir bemerkt?"
„Ich kann jetzt schon 12 Minuten auf dem Ergometer Rad fahren, und mein Puls bleibt bei ungefähr 105. Als ich kam, habe ich noch nicht mal den Test bestanden..."
Die Oberhessin kommt als Letzte an den Tisch, ist erst schweigsam wie üblich. Dann, ganz abrupt: "Mein Knie tut mir weh. Ich sage aber niemandem was, sonst hängen die mir wieder was Symptomatisches an!"
Wieder versucht Joachim, ihr mit der ihm eigenen ruhigen Art klarzumachen, dass ihr niemand etwas "anhängen" will: "Mach doch einfach mit und warte ab, was passiert. Wenn du dich immer sträubst, hast du doch nichts von deinem Aufenthalt hier!"
Sie wehrt sich noch: "Gestern in der Tinitus-Gruppe war eine ganz alte Dame, die sollte sich auch nur erholen!"
Joachims Humor bricht wieder durch, obwohl er selbst nach seinen Hörstürzen von Ohrgeräuschen gequält wird: "Na klar - die soll sich nur erholen... und ganz nebenbei hat sie auch noch 'nen Tinitus..."
Wir brechen in Gelächter aus. Die Oberhessin lacht diesmal herzlich mit.
Nach dem Essen gehe ich in ein Café im Ort, um bei einer Tasse Kaffee zu rauchen und nachzudenken. Ein neuer Patient meiner Stationsgruppe sitzt allein an einem Tisch und winkt mich einladend heran. Ich habe kein Bedürfnis nach Unterhaltung, möchte aber nicht unfreundlich sein, und frage ihn, ob ich mich setzen dürfe.
"Gerne! Ich hätte gern schon die ganze Zeit einmal mit Ihnen gesprochen, aber Sie wirkten so unnahbar, so als wenn Sie keinen Kontakt wollten..."
"Ihr Gefühl hat Sie nicht getäuscht. Ich konnte wochenlang anderen nicht zuhören, habe Menschen reden hören, ohne wirklich mitzudenken. Scheinbar war ich völlig in meiner eigenen Gedankenwelt gefangen. Jetzt fühle ich mich etwas besser, und ich freue mich auf eine gemütliche Stunde hier im Café."
Auch hier, außerhalb der Klinik, spüre ich sofort das Gefühl des Vertrauens im Gespräch mit Mitpatienten. Jeder äußert unbefangen und ehrlich seine Gefühle. Es entspinnt sich ein Gespräch, das wie unter Patienten üblich schnell um den Grund unseres Klinikaufenthaltes kreist. Wir verstehen, wovon der andere spricht, kennen ähnliche berufliche Situationen.
Konrad, mein Gegenüber, war Planungsmanager einer Ladenkette, ist nach einem schweren Autounfall Invalide und bezieht Rente. Er berichtet, dass in ihm vermutlich der gleiche Film abläuft, wenn ich "Termine" als mein Reizwort bezeichne. Auch wir nach den ersten Sätzen bereits wie selbstverständlich beim Du: "Du darfst dem Stationsarzt nicht übelnehmen, dass er dich nicht völlig versteht. Er kennt die Situation eben nicht. Für ihn bedeutet 'Termin' eine Zeitspanne, in der er einem Patienten zuhört.
Ihm ist es wohl gleichgültig, ob er die Geschichte heute oder nächste Woche hört - ein Patient ist für eine bestimmte Zeit im Haus und verlässt es dann wieder, und je nach Beurteilung deiner Verhaltensveränderung fällt der Klinikbericht für den Hausarzt aus, der dann an dieser Stelle anknüpft."
„Ich verstehe das ja - aber er versteht mich nicht..."
Er redet wie alle Neuankömmlinge viel und schnell. Jetzt wird der Unterschied in der Aufenthaltsdauer spürbar: Er sieht noch alles negativ, glaubt, seine Familie und insbesondere seine Frau sei gegen ihn: "Wir schreiben uns seit drei Monaten nur noch Zettel, um nicht dauernd in Streit zu geraten... Stell dir vor: Sie hat mir gestern am Telefon gesagt, dass sie seit zwei Monaten zu Hause ebenfalls die Eheberatung besucht und sogar mit dem gleichen Psychologen spricht! Das ist doch eine bodenlose Unverschämtheit! Betrug! Und dann sagt sie noch am Telefon, dass die Kinder mich vermissen."
Ich höre nur Positives aus seinen Worten. Er liebt seine Frau, und sie ihn offensichtlich ebenfalls. Beide bemühen sich, ihre Ehe zu verbessern. Demnächst werden sie es vielleicht schaffen, gemeinsam zur Eheberatung zu gehen.
"Ich glaube, dass ihre Botschaft an dich, dass du von den Kindern vermisst wirst, ein großes Zeichen der Zuneigung nach Monaten ausschließlich schriftlichen Umgangs miteinander ist - sie wollte dir bestimmt etwas Freundliches sagen."
Konrad ist völlig perplex: "Meinst du wirklich?"
Er sieht lange vor sich hin, sieht mich dann mit einem zaghaften Lächeln an: "Ich danke dir! Deine Worte sind ein Pflaster für meine Wunden."
Abends während des Telefonates mit Richard erzähle ich ihm vom Anruf der Kollegin. "Ich gehe nicht mehr zurück. Für mich steht das jetzt felsenfest. Ich werde leicht zu ersetzen sein - es gibt genügend andere, die sich abstrampeln wollen. Und außerdem lässt man unbequeme Mitarbeiter gerne gehen."
Richard fragt vorsichtig: "... Aber du hast doch hoffentlich nicht mit deiner Kollegin darüber gesprochen? Es wäre nicht gut, wenn deine Absichten wie ein Lauffeuer im Betrieb weitergegeben würden."
"Doch, ich habe mit ihr gesprochen. Ich gehe jetzt einen geraden Weg."
"Wenn du sicher bist..." Er ist nicht überzeugt.
Irgendwie wird sich alles finden... Aber ich muss unbedingt noch ausgeglichener werden...
Nach dem Telefonat gehe ich hinüber ins Wohnzimmer. Konrad und Alexandra, eine ebenfalls neuangekommene Patientin aus einer anderen Gruppe, unterhalten sich und flippen von Thema zu Thema, von Reiseland zu Reiseland. Alexandra ist eine gutaussehende Frau um die Fünfzig und wirkt sehr souverän. Sie strickt hektisch an einem Pullover mit aufwendigem Muster aus exklusivem Material und bestreitet den überwiegenden Teil der Unterhaltung.
Das Gespräch dreht sich jetzt um Anzahl und Alter der Kinder, Partnerprobleme. Sie erzählt, daß sie seit einem halben Jahr geschieden sei. Plötzlich zittern ihre Lippen, sie dreht den Kopf zur Seite und schluchzt auf: "Ich konnte nichts dafür. Wir waren fast 30 Jahre verheiratet. Nach der ersten Trennung habe ich mich noch einmal durch seine gezeigte Reue überreden lassen, es noch einmal zu versuchen. Und so mussten die Kinder und ich den Trennungsschmerz zweimal durchmachen.
Er ist mittlerweile schon wieder verheiratet. Meine jüngste Tochter ist erst 9. Sie hat sehr gelitten. Sie hat monatelang abgelehnt, mit mir oder ihren Brüdern darüber zu sprechen. Ich hätte ihr so gerne geholfen, darüber hinwegzukommen."
Ihre Worte treffen bei mir einen Nerv. Ich bin tief betroffen über ihren Schmerz, gehe zurück in mein Zimmer, will allein sein. Ihre Geschichte erinnert mich wieder an die Scheidung meiner Eltern. Wie bei Alexandra der Auszug aus dem eigenen Haus, die Rückkehr des Vaters zur Familie in die neue, enge Wohnung. Die erneuten Trennung. Die Wiederheirat meines Vaters, seine neue Frau nicht berufstätig und sehr gepflegt, sein Stiefsohn, der in der Geborgenheit einer Familie betreut aufwuchs. Ich, das Schlüsselkind.
Wie anders das Verhalten meiner Mutter mir gegenüber, als ich erfuhr, dass mein Vater wieder ausgezogen war, und traurig schwieg: "Mach jetzt bloß keine Schau!"
Ich hatte niemanden, mit dem ich über meinen Kummer sprechen konnte. Niemand hat mich gefragt, wie es mir bei der Trennung meiner Eltern ging. Für mich gab es keine Familienfeiern mehr. An meiner Hochzeit nahm meine Mutter an der Trauungszeremonie vor dem Standesbeamten nur unter der Voraussetzung teil, dass mein Vater fernblieb. Er erwartete mich vor der Tür, um mir zu gratulieren.
Während der von meinem Vater bezahlten Feier am Abend im engsten Familien- und Freundeskreis waren beide Eltern anwesend, saßen an weit entfernten Plätzen des kleinen Saales. Meine Mutter mit unbewegtem Gesicht. Mein Vater hielt eine Rede. Ich fühlte mich unbehaglich.
Und all die Jahre abwertende Bemerkungen über den geschiedenen Partner bei jeglicher Erwähnung einer familiären Episode dem jeweils anderen Elternteil gegenüber. Meine Mutter konnte nicht vergessen, äußerte später mir gegenüber oft Kritik über das Verhalten meines Vaters. Und ich fühlte mich gleichzeitig kritisiert, schämte mich, Kind eines Elternteiles zu sein, dessen Eigenschaften so herb abgelehnt wurden.
Eine tiefe, nie völlig verheilte Wunde ist nach Alexandras Schilderung ihrer eigenen Situation wieder aufgebrochen, und ich sträube mich nicht gegen meine heißen Tränen bei der Erinnerung an meine seelische Einsamkeit, die ich nach einigen zaghaften und vielleicht deshalb überhörten Versuchen von Gefühlsäußerungen schweigend ertrug. Ein Scheidungskind wie Millionen andere.
Erschöpft drifte ich in einen unruhigen Schlaf. In der Nacht schrecke ich schuldbewusst auf: Ich habe nachmittags einen Termin versäumt - die Suchtgruppe!




