Burnouts - Die Mackenburg

... doch Vorsicht - dieser Roman kann das Bewußtsein verändern !

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72. Kapitel WUTENERGIE

   Im abendlichen Telefonat mit Richard erfahre ich dann vom Ergebnis seines Gespräches mit dem Anwalt für Arbeitsrecht: Bisher sei ihm noch kein Fall bekannt, In dem Abfindungen wegen Überlastung gezahlt wurden: "Er empfiehlt dir, deine Gewerkschaft um Unterstützung zu bitten, für die ein solcher Fall möglicherweise ein gefundenes Fressen wäre."

   "Ich überlege mir das in Ruhe. Wahrscheinlich werde ich mich nicht an die Gewerkschaft wenden. Ich kann selbst besser für mich argumentieren und brauche keine Rücksichten zu nehmen - und meine Wut wird mir helfen, mein Ziel zu erreichen! Mit Wut bin ich immer am erfolgreichsten, weil ich dann wirklich ernstgenommen werde - sie hat auch ihre positiven Seiten!"

   Dann berichte ich ihm über das Gespräch mit dem Stationsarzt vom Nachmittag, meine Empörung, die wieder erst nach Stunden abklang. Richard will mich beruhigen: "Vielleicht gehört das alles zur Heilung, und du musst es ganz einfachen durchmachen wie ein Fieber."

   Ein neuer Gedanke. Vielleicht hat er recht...

   Ich erzähle Richard von den Abenden, als Ellen noch in der Klinik und oft in völlig aufgewühlter Stimmung war, unsere Spaziergänge über die nachtdunklen Pfade außerhalb des Ortes, ihre Rufe: "Ich habe so eine Wut! Ich könnte schreien! SCHEISSE!"

   Auch mein Vater schreit, wenn er sich über ein Thema erregt. Als ich ihn einmal bat, sich wegen der Nachbarn (wieso eigentlich nicht wegen mir?) etwas zu mäßigen, rief er: "Ich muss schreien! Das ist mein Temperament - ich reagiere mich ab, und dann bin ich wieder ruhig!"

   "… Aber Richard - wo könnte ich schreien? Wenn ich allein draußen rumbrülle und es hört mich jemand, halten die mich für geisteskrank! Dann gibt es vielleicht eine Anfrage der Ortseinwohner, welche Art Kranke hier wirklich untergebracht sind. Es wäre schön, wenn es hier in der Klinik einen Wut-Raum gäbe, in dem man schreien und Sachen an die Wand werfen könnte - oder einen Kraftsportraum, um sich müde zu trainieren... Steine bearbeiten darf ich auch nicht. Der Therapeut sagte, es wären vorher noch mehrere Schritte erforderlich - ich bin wirklich sehr gespannt, wann ich damit anfangen darf. Vielleicht am letzten Tag! Vielleicht sollte ich unten auf der Straße Pflastersteine werfen - auf der Wiese natürlich und nicht gegen die Fenster! Oder ich schieße die Außenlampen aus!"

   "Hast du die Pistole mit?"

   "Ja, sie liegt im Handschuhfach im Wagen - ich habe mit niemandem darüber gesprochen. Ich bin nicht die Einzige hier mit einer Schusswaffe. Ein Patient aus der Suchtgruppe hat mir erzählt, dass er auch unter wahnsinnigen Aggressionen leidet. Seine Tochter ist von einem Unbekannten ermordet worden. Er fährt manchmal hunderte von Kilometern mit dem Auto, um sich abzureagieren. Und er hat eine Waffe, mit der er gelegentlich in den Wäldern Schießübungen macht.

   Den Therapeuten hier scheint nicht klar zu sein, welche Energien in manchen Patienten wirken, sonst wären sie aufmerksamer! Es gibt hier nicht die geringste Möglichkeit, starke Spannungen auf vernünftige Weise loszuwerden - aber die Anweisung, Suchtmittel zu meiden und zu warten, was dann mit einem geschieht. Ich glaube, wenn sich jeder Patient danach richten würde, gäbe es hier jeden Tag einen Aufruhr! Gedämpftes Licht, eine schöne Einrichtung und gutes Essen beruhigen nicht jeden hier ausreichend!"

   "Hast du manchmal Angst, dass dir etwas passieren könnte?"

   "Nein - ich glaube nicht, dass sich diese Wut gegen Mitpatienten richten würde... Aber genau weiß ich es natürlich auch nicht. Eine der Frauen hier holt jeden Abend ein Bügelbrett aus dem Wäscheraum und verbarrikadiert ihre Tür von innen. Die Türen sind auch von außen zu schließen, wenn innen der Schlüssel steckt - für Notfälle. Und manche haben Angst, dass der Generalschlüssel in falsche Hände fallen könnte."

   Richard wechselt das Thema: "Hast du dir inzwischen überlegt, ob du mit mir und meinen Freunden im Frühjahr zum Segeln fahren möchtest?"

   "Ich glaube nicht."

   "Ein Mitsegler bringt seine Freundin mit. Ich möchte dich in Zukunft nicht mehr alleinlassen..."

   "Ich möchte keine Pläne machen. Ich muss abwarten, wie es mir gesundheitlich geht und was das Jahr sonst noch bringt."

   "Willst du, dass ich bei dir bleibe?"

   "Du kannst gerne fahren - nur bitte ich dich, deinen Freunden notfalls auch kurzfristig abzusagen, wenn etwas Besonderes sein sollte."

   "Ich glaube, ich habe verstanden..."

   Kurz vor 22 Uhr klingelt noch einmal das Telefon. Ellen ! Meine frühere Tischkameradin und Klinikfreundin ruft von zuhause an! Als ich ihre Stimme erkenne, löst sich meine immer noch anhaltende Anspannung, und ich breche in erleichtertes Schluchzen aus. Ich sage ihr, dass es mir leid tut, mich nicht wie vereinbart am vergangenen Sonntag telefonisch bei ihr gemeldet zu haben: "In den letzten Tagen gab es wieder Konflikte mit meinem Stationsarzt. Ich wollte dich nicht mit meinen Problemen belasten..."

   "Erzähle mir alles! Dann wird es dir besser gehen!"

   Ellen! Die Warmherzige! Ihre Zuwendung tut mir unglaublich gut.

   Ich berichte ihr von meinen Gefühlen und frage dann: "Ellen - konntest du schon Dinge umsetzen, die du dir vorgenommen hattest?"

   "Ja, in ganz kleinen Schritten. Es ist sehr, sehr schwer! Meine Familie und mein Partner wollen einfach nicht verstehen, dass ich nicht mehr das Dienstmädchen für alle sein will..."

   Dann erzählt sie wieder von ihren Bemühungen, ihre vermeintliche Klinikfreundin telefonisch in deren Wohnung zu erreichen: "Sie braucht mich! Ich muss herausfinden, wo sie ist!"

   "Du steigerst dich in etwas hinein, Ellen. Vielleicht wollte sie dich schützen, als sie den Kontakt abbrach!"

   "Entschuldige, Regine ... Meinst du wirklich, sie hätte es wegen mir getan?"

   "Bestimmt!"

   Wir reden lange, bedauern immer wieder, nicht mehr gemeinsam in der Klinik zu sein, verabschieden uns dann mehrmals, zögern immer wieder, den Hörer aufzulegen. Immer noch ein letztes Tschüs - dann schlage ich vor, gemeinsam bis drei zu zählen und dann aufzulegen. "Eins, zwei, drei... Tschüs!"

   "Tschüs - ich rufe dich bald wieder an!"

   In dieser Nacht liege ich wieder einmal lange wach. Das Telefonat mit Richard, sein deutliches Angebot, wieder mehr Gemeinsamkeit zu entwickeln, und Ellens liebevolle Stimme haben mich etwas beruhigt, aber trotzdem kreisen meine Gedanken noch um meine Zweifel an den Maßnahmen des Stationsarztes.

   Ist er so geschickt, wie ich ihn von Beginn an einschätzte? Oder ist er bloß ein Arzt, der hartnäckig auf eine schmerzende Stelle drückt und fragt, ob es dort wehtut, ohne Heilmaßnahmen zu ergreifen?

   Ist er mit mir vielleicht überfordert und rät mir deshalb, mein alleiniges Heil in der Suchtgruppe zu suchen? - Wie ein Fußballspieler, der keine Torschusschancen sieht, einen Ball abgibt...?

   Weshalb muss ich wertvolle Zeit verschwenden, tagelang über die Absichten des Arztes nachdenken und die sich anstauende Wut unter seelischen und körperlichen Schmerzen ertragen, anstatt Geist und Körper zu erholen, in Ruhe über meine Zukunft nachzudenken?

   Nach einem unruhigen Schlaf kehren diese Fragen am nächsten Morgen wenige Sekunden nach dem Aufwachen wieder zurück, vertreiben das angenehme Gefühl, in einem bequemen Bett zu erwachen, die Vorfreude darauf, aus einem vielfältigen Frühstücksbuffet die leckersten Sachen auswählen zu können und den Geschmack einer guten Tasse Kaffee in angenehmer Gesellschaft zu genießen.

   Ich vertrödele die Zeit, komme erst kurz vor Ende der Frühstückszeit in den Speisesaal. Die Oberhessin und Erich haben den Tisch bereits wieder verlassen, ihr Geschirr ist abgeräumt. Joachims Gedeck steht noch unberührt. Eine Patientin, die sonst nach Mahlzeiten regelmäßig zu uns an den Tisch kommt und mit Seitenblicken auf Joachim mit der Oberhessin spricht, sitzt noch an ihrem Platz und schaut mehrmals in Richtung meines Tisches, kommt dann herüber und fragt: "Wo ist Joachim heute? Ist er krank?"

   Ich reiße mich mühsam von meinen Gedanken los und frage schroff zurück: "Was bringt Sie auf die Idee, dass ich wissen könnte, wo er ist?"

   Sie dreht sich wortlos um und geht aus dem Saal. Regine - das war nicht fair! Sie kann nichts für deine Stimmung. Ein freundliches "Ich weiß es nicht" wäre die richtige Antwort gewesen...

   Dann kommt Joachim. Er sieht bedauernswert aus, blass, mit rotgeäderten Augen: "Ich habe doch glatt verschlafen! Wenn meine Frau mich nicht telefonisch geweckt hätte, wäre ich bestimmt noch nicht aufgewacht!"

   Er hält sich den Kopf, schaut hinüber zum fast leeren Büffet, von dem gerade die letzten Platten mit einigen Resten von den Saalmädchen abgeräumt werden: "Ich glaube, ich nehme den Kaffee mit aufs Zimmer - das Essen wird ja schon abgetragen..."

   In diesem Moment bringt ihm unsere Bedienung einen gefüllten Teller mit einer schön dekorierten Auswahl. Er lächelt sie dankbar an. Sie strahlt zurück.

   Eine Patientin wählt beim Verlassen des Saales bewusst einen Umweg, spricht Joachim an. Sein Gesicht leuchtet auf, und es folgt ein munterer, belangloser Wortwechsel. Ich erkenne sie wieder: Als ich während einer Mahlzeit vor einigen Tagen Joachim eines meiner Bücher auslieh, begann er ein Geplänkel mit den Worten: "Hast du mir auch eine Widmung reingeschrieben?"

   Als ich dann später nur noch mit Erich am Tisch saß, kam sie herüber, sprach mich mit merkwürdigen Worten an: "Ich habe das genau gesehen! Ich habe Ihr Mienenspiel beobachtet, als Sie dem Herrn das Buch gaben. Es war sehr interessant und aufschlussreich!"

   "Was meinen Sie damit?"

   Sie verließ den Tisch ohne Antwort, ließ mich irritiert zurück. Erich lacht: "Mach dir nichts aus ihren Worten - sie wird halt ein Auge auf Joachim geworfen haben..."

   Zum wiederholten Mal frage ich mich, was Joachims Frau fühlt. Angst, ihn an eine andere zu verlieren? Stolz? Beides? Joachim seufzt jetzt tief, hält sich mit beiden Händen die Schläfen. Ich frozzele: "Warst du bei den Leuten, die gestern Abend unter Absingen von Liedern ziemlich spät durch den Hintereingang zurückkamen?"

   "Ich konnte lange nicht einschlafen. Mein Vorgesetzter hat angerufen und gefragt, ob ich wiederkomme oder nicht. Ich habe zurückgefragt, was von beiden der denn eher hören möchte... Ich gehe nicht zurück! Ich kann nicht mehr. 40 Jahre Arbeit in der Psychiatriepflege sind genug!"

   Er fragt: "Weißt du denn jetzt genau, wie es nach deinem Klinikaufenthalt weitergeht? Das ist meine eigene große Unsicherheit. Ein neuer Patient in meiner Gruppe hat zwei Jahre und zwei Aufenthalte in der Dresdener Psychiatrie gebraucht, um so weit zu kommen, heute hier in dieser Klinik zu sein und wieder Hoffnung aufzubringen, dass er in seinen Beruf als Bauleiter zurückkehren könnte. Er ist erst Mitte Dreißig."

   Auch Joachim ist ratlos: "Ich dachte eigentlich, nach dem früheren Telefonat der Klinik mit meinem Hausarzt sei alles klar. Aber anscheinend doch nicht. Meine Stationsärztin hat gesagt, ich soll mir erst darüber klarwerden, was ich unter Umständen aufgebe..."

   "Aber wie kann man sich von etwas trennen, wenn man die Zukunft nicht planen kann, weil man nicht

weiß, was dann möglich ist? Da beißt sich doch die Katze in den Schwanz!"

   "Ich wäre auch ruhiger, wenn ich genau wüsste, wie es nach der Klinik weitergeht."

   Das bekannte Frustrationsgefühl steigt wieder in mir auf, erfüllt mich immer stärker. Auch Angst. Angst, dass ich mich bei der Trennung von meinem Arbeitgeber vielleicht doch nicht in der von mir geplanten Weise durchsetzen könnte. Ich brauche unbedingt noch Zeit, um größere innere Ruhe zu gewinnen, nicht von einer Stimmung in die andere zu fallen.

   Während der anschließenden, vom Oberarzt geleiteten "großen" Gesprächsgruppe wippt einer meiner Füße wie aufgezogen mit angehobener Ferse, lässt das ganze Bein vibrieren. Ich setze den Fuß voll auf den Boden auf, spüre, wie die Unruhe sofort auf meinen Oberkörper umspringt. Während der folgenden Stunde versuche ich mich auf die Farben und Konturen des Wandkalenderbildes zu konzentrieren, um mich zu beruhigen. Die beiden Stationsschwestern lächeln mich aufmunternd an.

   Ich erwarte während der ganzen Stunde, dass der Oberarzt mich nach den Gründen für meine nicht mehr zu unterdrückenden Spannungen fragt. Ich will ihm sagen, dass ich mich vom Stationsarzt nicht ausreichend betreut fühle, möchte aber nicht selbst damit herausplatzen.

   Vergeblich. Entgegen seiner sonstigen Gewohnheit, mit allen Patienten einige Worte zu wechseln, gibt der Oberarzt heute ausschließlich organisatorische Informationen bekannt. Mein Stationsarzt blickt mich nicht ein einziges Mal an.

   Auf dem Weg hinaus suche ich ein Gespräch mit ihm und bitte um einen weiteren Gesprächstermin vor Ablauf der Woche: "Es liegt mir sehr viel daran, eine gemeinsame Basis zu erzielen - ich fühle mich missverstanden und verstehe Ihre Therapieversuche nicht!"

   Er verzieht keine Miene, bedauert: "Ich habe mittlerweile 11 Patienten, um die ich mich zu kümmern habe. Es geht erst in der nächsten Woche."

   Nächste Woche! Heute ist Mittwoch, die neuen Termine werden am Montag früh vergeben - fast eine ganze Woche also, bis überhaupt die geringste Chance für mich besteht, die für mich so dringende Frage der Verlängerung zu klären - und nur noch weniger als zwei Wochen Aufenthalt!

   "Bitte! Es ist mir sehr wichtig!" "Bedaure."

   "Wenn Sie keine Zeit für mich haben, möchte ich mit dem Oberarzt sprechen!"

   "Das ist aus meiner Sicht in Ordnung."

   "Wie vereinbare ich ein Gespräch mit ihm? Ich möchte ihn nicht jetzt auf dem Flur abfangen... Hat er ein Sekretariat? Oder können Sie einen Termin für mich vereinbaren?"

   Er bedauert. Zeitmangel. "Draußen auf dem Flur geht er. Sprechen Sie ihn doch einfach an."

   Der Oberarzt ist schon auf dem Weg zum Treppenhaus, dreht sich aber bereitwillig um, als ich ihm hinterher eile und ihn anspreche.

   "Ich bitte schnellstmöglich um ein Gespräch mit Ihnen. Ich fühle mich nicht in der richtigen Weise betreut und habe große Angst, wegen der Aufregungen hier noch kränker zu werden. Ich habe keine Kontrolle über meine Gefühle und explodiere in immer kürzeren Abständen! Und wenn meine Aufregung nachlässt, bin ich wieder genauso erschöpft wie bei meiner Ankunft - oder sogar noch erschöpfter!"

   Meine Hände zittern heftig, meine Lippen vibrieren, mein Kopf dröhnt. Ich taumle leicht, stütze mich an der Wand ab: "Ich brauche ein Ventil. Ich fühle mich nach Gesprächen mit meinem Stationsarzt sehr aggressiv. Er weiß das und ignoriert diese Tatsache völlig."

   "Haben Sie Angst, Sie würden sich etwas antun? Dann müssen wir einmal in Ruhe darüber sprechen und sehen, wie das dann therapeutisch weitergehen könnte."

"Ich bin kein Mensch, der sich umbringt! Dafür habe ich zu viele Zukunftspläne! Ich befürchte nur, dass ich die ganze Klinik rebellisch mache, wenn ich mich weiterhin provoziert fühle und dann mir selbst überlassen bleibe..."

   Er hat mir interessiert und gelassen zugehört, fragt jetzt, ob es mir recht sei, wenn er sich zuerst mit meinem Stationsarzt über die Gründe dessen Verhaltens unterhält: "Falls ich dann noch nicht klarsehe, werde ich Sie ebenfalls zu einem Gespräch bitten."

Mir ist etwas wohler. Das Gespräch hat mich entlastet.

   Ich höre, dass nicht alle Mitglieder unserer Gruppe das Wohnzimmer verlassen haben, und gehe ebenfalls zurück, setze mich in den Sessel neben meiner Klinikpatin, die immer noch mit den vom heutigen Hauptthema ausgelösten Tränen kämpft: Können Eltern Hilfeleistungen von erwachsenen Kindern erwarten, und wie erleben die anwesenden Eltern und Großeltern diese Situation in der eigenen Familie?

   Sie lächelt mich trotz ihrer Tränen an, tätschelt mir leicht die Hand: "Sie waren heute sehr aufgeregt, ich habe es Ihnen angesehen."

   Also müssen es auch die beiden Ärzte bemerkt haben. Ist es möglich, dass ihr Verhalten mir gegenüber tatsächlich Bestandteil einer Therapie ist?

   Jemand ruft von draußen meinen Namen: "Regine, dein Telefon klingelt!"

   Die Sekretärin meines Vorgesetzten ist am Apparat: "Endlich erreiche ich Sie! Für heute hatte ich mir vorgenommen, Sie so oft anzurufen, bis es klappt und Sie endlich einmal in Ihrem Zimmer sind. Die Gelegenheit ist gerade günstig - der Chef ist heute nicht im Haus! Ich will Sie ja nicht zusätzlich belasten; Sie haben ja jetzt mit sich zu tun - aber ich werde hier noch verrückt bei diesen Ansprüchen und Launen! Zuhause komme ich zu nichts mehr - meine Familie ist sauer! Und ich habe furchtbare Herzschmerzen!"

   "Ich schicke Ihnen eine Fotokopie der Burn-Out-Beschreibung. Setzen Sie sich unbedingt mit Ihrem Mann zu Hause in Ruhe hin und sprechen Sie mit ihm darüber! Er wird Ihnen bestimmt sagen, daß es auch für Sie höchste Zeit ist, Ihre Kräfte zu schonen!"

   Ich werde eindringlicher: "Ich war sehr krank - ich bin bestürzt darüber, wie krank ich wirklich war! Ich war fix und fertig, und ich weiß nicht, wie lange es dauern wird, bis sich mein Kopf wieder erholt - und ob ich überhaupt noch einmal der Mensch werde, der ich früher einmal war... Nehmen Sie mich als schlechtes Beispiel und passen Sie gut auf sich auf! ... Ich komme nicht in die Firma zurück!"

   Ich höre dem Klang der letzten Worte nach. Ich komme nicht zurück. Es ist plötzlich völlig normal, diesen Satz auszusprechen. ICH KOMME NICHT ZURÜCK. Das Mitgefühl für meine Kollegin hat sich verflüchtigt. Ihre Klagen belasten mich nicht mehr. Es entsteht eine lange Pause. Dann sagt sie zögernd: "Sie haben vermutlich recht..."

 

 

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Frühere Veröffentlichung:

Goodbye, Robin

ENGLISCHE ÜBERSETZUNG
als KAPITEL-SERIE



Referenzen und Lesungen siehe Autorenhomepage www.ilse-koempel.de


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