Ich bereite mich innerlich auf das gestern während der Gruppenstunde für heute vereinbarte Gespräch mit dem Stationsarzt vor, lege mir eine Strategie zurecht und will auf sachliche Weise versuchen, eine gemeinsame Grundlage zu finden, bei der ich mich nicht wie am Vortag verausgabe.
Wie ich es aus dem Beruf gewohnt bin und um mich von ihm nicht wieder mit der ersten Gegenfrage außer Fassung bringen zu lassen, notiere ich mir Stichpunkte, schreibe dann mit dem PC aus dem Ratgeber-Buch die verschiedenen Stadien des Burn-Out-Zyklus heraus, erkenne mich in wieder in nahezu jedem einzelnen Satz und bin wieder sehr deprimiert darüber, dass ich schon mehrmals den Hauch der erschreckenden Symptome der völligen Teilnahmslosigkeit gespürt habe, um dann wieder wie eine zurückschwappende Woge in vorhergehende Stadien zurückzufallen.
Ich möchte dem Arzt ohne die Gefahr eines weiteren Wutausbruchs erklären, dass mein extremes Verhalten nicht zu meinem Wesen gehört, meine Empfindlichkeit und Reizbarkeit lediglich Folgen der jahrelangen Überforderung und keine meiner Eigenschaften aus glücklichen Zeiten sind.
Das Buch führt neben den Symptomen auch Verhaltensvorschläge zur Selbsthilfe auf. Das Lesen hellt meine Stimmung wieder auf: Ich habe schon viel erreicht und bin auf dem richtigen Weg!
Das Gespräch mit dem Arzt verläuft dann sehr unbefriedigend. Er beginnt mit der gedehnten Frage:
"Was war denn gestern? Sie hatten mir einen Brief geschrieben..."
"Ja, und ich bin schockiert, dass Sie es nicht für nötig fanden, darauf zu reagieren! Es fällt mir im Augenblick bereits wieder schwer, mich zu beherrschen!"
Er lehnt sich lächelnd zurück: "Was wollen Sie tun? Wollen Sie mir eine Ohrfeige geben?"
"Ich werde nicht handgreiflich - aber ich warne Sie: Wenn ich mich provoziert fühle, kann ich nicht
dafür garantieren, dass Ihnen keine Nachteile daraus erwachsen! Machen Sie mir später keine Vorwürfe!"
Ich will ihm die beschriebenen Blätter reichen. Er verschränkt seine Arme vor seiner Brust, lehnt sich noch weiter zurück: "Ich kenne die Symptome. Eine Bekannte hat eine Arbeit darüber verfasst."
"Vielleicht gibt es noch einen anderen Grund für meine Ausbrüche - mein Vater wird manchmal sehr laut - vielleicht hat er es mir vererbt, und es prägt sich erst jetzt mit zunehmendem Alter aus..."
"Sie meinen, ihr Verhalten könnte genetisch bedingt sein?"
Unter normalen Umständen hätte ich über seine sinnlose Wiederholung meiner Frage gelacht. Aber jetzt... Wieder diese Wut...
"Anstatt mir zu helfen, diesen wahnsinnigen Druck loszuwerden, kratzen Sie in jedem Gespräch an meinen blankliegenden Nerven!"
Er lächelt.
Ich sehe ihn an und schweige.
Er fragt: "Nehmen Sie regelmäßig an der Suchtgruppe teil? Ihr Problem heißt Abhängigkeit!"
"Ja - ich habe einige interessante Dinge gehört. Weshalb weichen Sie schon wieder meinen Fragen aus?"
"Ich weiche Ihren Fragen aus? Ich empfehle Ihnen Teilnahme an der Suchtgruppe! Ihr Problem heißt Abhängigkeit!"
Ich nehme meine Notizblätter vom Tisch auf, erhebe mich: "Ich nehme nichts, aber auch gar nichts aus diesem Gespräch mit. Ich verstehe Sie einfach nicht! Und Sie scheinen mich nicht verstehen zu wollen oder zu können! Weshalb helfen Sie mir nicht?"
„Wollen Sie wirklich therapeutenabhängig werden?"
Beim Verlassen seines Zimmers spüre ich ein quälendes Wutgefühl, Schmerzen im Brustkorb, ein Gefühl der Ohnmacht, trotz all meiner Bemühungen nicht verstanden zu werden. Es wird Stunden dauern, bis ich mich allmählich wieder ausgeglichener fühlen werde.
Heiterkeitsausbrüche während des Abendessens. Die Oberhessin klagt lachend: "Ich bin hier in der Klinik falsch - ich wollte mich eigentlich nur erholen..."
Erich lacht auf: "Nur erholen! Das würde selbst ich nicht mehr wagen, hier von Erholung zu reden!"
Ich: "Hier braucht man eiserne Nerven!"
Joachim: "Meine Kollegen haben mir beim Abschied gesagt 'Pass bloß auf, dass du nicht krank wirst'!" Jetzt lässt die Oberhessin den Kopf hängen, hat unsere spaßhaften Reaktionen wegen des ungewohnt hohen Geräuschpegels im vollbesetzten Kuppelsaal nicht verstanden und glaubt, wir lachen über sie.
Joachim spricht lange mit ihr, redet ihr freundlich zu, ihren Widerstand aufzugeben, die Therapie einfach anzunehmen, um noch schwereren Gesundheitsproblemen vorzubeugen. Fragt sie dann scherzhaft, längst beim vertrauten Du: "Wie lange bleibst du noch hier? Fährst du vor mir ab? Dann kann ich ja deine Heilung vielleicht noch miterleben!"
Wieder stelle ich mir vor, wie mitfühlend er mit seinen Patienten umgeht, ihnen bei ihren Problemen und Kümmernissen hilft. Als er nach dem Ende seines Gespräches mit der Oberhessin vom Tisch aufsteht, frage ich ihn: "Willst DU nicht für den Rest meines Aufenthaltes mein Therapeut sein? Etwas Zuwendung würde mir guttun!"
Sein langer Blick, etwas unsicher. Ich imitiere seinen häufigen Spruch: "Ich muss mal mit dem Oberarzt darüber reden!"
Er lacht amüsiert.




