"Guten Morgen! Wie geht es Ihnen heute?" Einleitung der nächsten Gruppentherapie. Einige Patienten bitten den Stationsarzt um Terminvergabe für Einzelgespräche. Ich warte schweigend darauf, daß er mir einen Ersatztermin für das am vergangenen Freitag entfallene Gespräch nennt.
Er macht lange keinen Ansatz dazu, und in meinem Kopf spult sich währenddessen der verhasste Ablauf im Beruf bei Terminverschiebungen ab. In mir steigt allmählich Ärger hoch, dann Wut, als der Stationsarzt mich nach Vergabe aller anderen Termine immer noch nicht anspricht.
Es ist still im Raum. Ich sehe lange an die gegenüberliegende Wand, versuche, meine Gefühle zu kontrollieren, spüre seinen Blick auf mir und sehe in seine Richtung. Er sitzt zurückgelehnt im Sessel, lächelt mich an und fragt gedehnt: "Ach - Frau König? War da nicht noch etwas? Wollten wir nicht auch einen Termin vereinbaren? Weshalb melden Sie sich nicht?"
Ich hasse diese von meiner Vorgesetzten oft gehörten Worte. Der Tonfall des Stationsarztes ist nahezu identisch, und ich reagiere, wie ich seit langem reagiere: mit einem Gefühlsausbruch: "Ja! Es war etwas! Wir hatten am vergangenen Freitag eine Gesprächsvereinbarung, die Sie abgesagt haben. Jetzt sind Sie auch an der Reihe, mir einen Ersatz anzubieten!"
"Höre ich Ärger in Ihrer Stimme? Sind Sie erregt? Es ist doch in Ihrem Interesse, mit mir zu sprechen..."
Es ist eine Wiederholung der bereits früher von ihm inszenierten Situation. Er provoziert mich mit seinem ironischen Tonfall. Ich spüre, wie mein Brustkorb eng wird: "Weshalb reizen Sie mich derart, statt mir zu helfen, mit meinen Gefühlen umzugehen?"
"Ich verstehe nicht... Wie meinen Sie das?"
"Ich weiß selbst, dass mein Ärger in dieser in dieser Stärke nicht angebracht ist! Ich brauche Ihre Hilfe! Anleitung! Ich weiß nicht, was ich dagegen tun soll!"
Meine Stimme gerät ins Wanken, Tränen laufen mir übers Gesicht. Der Stationsarzt doziert lächelnd:
"Abhängigkeit! Abhängigkeit von einem Therapeuten hilft Ihnen nicht weiter. Wollen Sie sich ein Leben lang von einem Therapeuten abhängig machen?"
"Nicht mein Leben lang! Und vor allen Dingen brauche ich keine zusätzliche Provokation! Ich bin stark angeschlagen, und ich muss, MUSS mich erholen! Jeder überflüssige Ärger wirft mich wieder zurück!"
Er spricht weiter von Therapeutenabhängigkeit, die unbedingt zu vermeiden sei. Ich protestiere: "Meine Ärztin arbeitet anders! Wenn Sie mir nicht helfen wollen oder können, werde ich sie um Fortsetzung der ambulanten Therapie bitten!"
"Diese Gespräche werden Sie von ihr abhängig machen. Und Sie gelten als gesund, wenn Sie diese Klinik verlassen. Was tun Sie, wenn die Kasse die Kosten nicht mehr übernimmt?"
"Wenn ich Rat brauche, werde ich die Rechnung privat bezahlen."
"Wie schön für Ihre Ärztin. Sie hat dann eine Privat-Dauerpatientin!"
Der Dialog geht unerträglich lange hin und her. Er weicht allen meinen Fragen aus, antwortet mit Gegenfragen oder ironischen Bemerkungen. Dann spricht er die übrige Gruppe an, fragt, ob die anderen etwas dazu sagen möchten. Niemand. Mir ist die unfruchtbare Diskussion peinlich, und ich fühle mich mit meinen Problemen alleingelassen.
Der Stationsarzt bietet mir dann einen Gesprächstermin am nächsten Spätnachmittag an.
Auf dem Weg zurück zu meinem Zimmer spüre ich, wie meine Frustration sich weiter steigert, weiß, dass sie zu unerträglichen Spannungen führen wird. Gefühle, die mich unter Arbeitsbedingungen nach Feierabend an den Stammtisch treiben, große Mengen von Alkohol trinken und Kette rauchen oder zu Hause große Mengen Essen und Süßigkeiten verzehren lassen würden. Wohin aber jetzt mit meinen angestauten Gefühlen?
Ich breche vor meiner Zimmertür in Tränen ohnmächtiger Wut aus. Corinna bleibt ebenfalls stehen, sieht mich mitleidig an: "Ich würde dir gerne helfen, aber ich bin kein Therapeut. Komm, ich bleibe bei dir, bis du ruhiger bist!"
Wir gehen ins Zimmer. Meine Empörung lässt nicht nach: "Er kann mich doch nach seinen therapeutischen Spielen jetzt nicht einfach mir selbst überlassen! Mein Herz springt mir gleich aus der Brust, und ich habe das Gefühl, als ob meine Adern gleich platzen! Ich möchte am liebsten in seinen verdammten Schädel klopfen, dass er für meine Gesundheit verantwortlich ist, solange ich hier in der Klinik bin! Wenn ich nicht bald diesen Druck loswerde, weiß ich nicht, was ich noch tue! Ich würde am liebsten die Möbel kurz und klein schlagen!"
Ich werfe mich in einen Sessel, und Corinna tritt nah an mich heran, umfängt meine Schultern mit beiden Armen: "Lass dich trösten! Lach doch mal! Du, die Große, Starke, und ich, die Kleine, Schwache - wie ich dich im Arm habe!"
Ich lache wirklich unter Tränen, beruhige mich etwas. Corinna verabschiedet sich, sagt, dass sie später noch einmal hereinschauen wolle. Auch ich habe die menschliche Wärme gespürt, die von ihr ausgeht, bin ihr dankbar, dass sie trotz ihrer eigenen Erschöpfung Anteil nimmt.
Wieder mit mir allein, steigt meine Erregung wieder rapide an. Ich bin äußerlich völlig ruhig, bewege mich normal, aber in meinem Inneren herrscht ungeheurer Druck, Wut auf den Arzt, der mich meinen fast unbeherrschbaren Gefühlen überlässt.
Neben der Wut spüre ich tiefe Enttäuschung: Provokation statt Hilfe von einem Arzt, dem ich vertraut hatte, von dem ich nach den ersten Gesprächen den deutlichen Eindruck hatte, dass er meine Krankheit und meine Schwierigkeiten genau kennt. In Gedanken male ich mir aus, meinen Wagen mit Vollgas durch die Glaswände des Verbindungsganges zu fahren und für einen Skandal zu sorgen.
Um den Stationsarzt aufzurütteln und seine Aufmerksamkeit zu erreichen, schreibe ich einen Brief: "Ich bin in einer gefährlichen Gefühlssituation und weiß nicht, ob ich die Kontrolle behalten kann. Ich bin aggressiv und fühle mich wie kurz vor einem Amoklauf!" Blatt falten, Umschlag adressieren: Stationsarzt - EILT! Abgabe im Schwesternzimmer mit tränenüberströmtem Gesicht.
Zwei Schwestern sind anwesend, führen gerade ihr Übergabegespräch. Sie blicken mich bestürzt an. Bevor sie etwas sagen können, verlasse ich den Raum wieder, gehe zurück in mein Zimmer.
Der Brief scheint ein Ventil gewesen zu sein. Ich werde ruhiger, rechne damit, dass der Stationsarzt gerade sein Mittagessen einnimmt, den Brief bei seiner Rückkehr liest und reagiert, herkommt oder anruft. Es geht dem Ende der Essenzeit entgegen; ich klebe einen Zettel außen an meine Zimmertür "Bin in 10 Minuten zurück" und gehe in den Speisesaal.
Der Stationsarzt sitzt an keinem der Tische, und ich habe während des Essens das Gefühl, dass gerade eine Beratung über mich stattfindet, die Ärzte vielleicht erwägen, mich wie vor kurzem eine andere Patientin, die auf ihren Therapeuten einprügelte, in das psychiatrische Krankenhaus in der Nähe einweisen zu lassen, um mögliches Aufsehen in der Klinik zu verhindern.
Dann versuche ich, mir klarzumachen, dass ich meine Bedeutung für die Klinik völlig überbewerte. Trotzdem... "Joachim...? Ich habe eine Bitte: Du kennst dich doch in Psychiatrien aus. Wenn ich heute Abend nicht zum Essen komme, bin ich vermutlich zwangseingewiesen... Sorgst du dafür, dass mein Mann informiert wird und ich schnellstmöglich wieder herauskomme? Auch wenn ich jetzt lache - ich meine es ernst."
Er antwortet in seiner unnachahmlichen Art: "Ich besuche dich dann dort!"
Ich bin wieder locker: "Da wäre ich aber sehr vorsichtig - vielleicht behalten sie dich..."
"Ich hab' doch einen Dienstausweis!"
Der Arzt meldet sich während der nächsten Stunde nicht. Ich überlege: Hat er den Brief eventuell noch nicht gelesen - ist er vielleicht am Nachmittag überhaupt nicht im Haus? Anruf bei der Schwester. "Der Arzt hat Ihren Brief sofort bekommen und gelesen!" Auch während der nächsten beiden Stunden höre ich nichts von ihm.
Es wäre Zeit, zum Offenen Atelier zu gehen: Nach sechs Wochen Anwesenheit und nach dem Ausfall des ersten vorgesehenen Termines wegen Krankheit des Therapeuten letzte Woche wäre heute endlich mein erster Termin.
Ich will nicht hinübergehen, fühle mich noch nicht ruhig genug, um Zeichnen oder Gestalten zu können. Für eine Weile überlege ich, einen Klebezettel mit meiner Abmeldung an die Tür des Kreativraumes zu hängen, suche mir dann selbst einen absurden Vorwand: Letzte Woche war er nicht da - also habe ich heute ein unentschuldigtes Fehlen "frei".
Am liebsten würde ich eine Autofahrt machen, rauchen. Gleichzeitig bin ich unsicher, ob meinem Brief vom Nachmittag nicht doch noch irgendeine Reaktion folgt. Es erscheint mir kaum möglich, dass meine extreme Gefühlsäußerung komplett ignoriert würde.
Jetzt stört es mich, dass mein Auto noch nicht repariert wurde. Ich möchte uneingeschränkt mobil sein. Anruf bei der Werkstatt: "Könnten Sie meinen Wagen eventuell abholen? Ich befürchte unterwegs eine zweite Panne."
"Heute und morgen geht nichts - zwei Krankmeldungen im Werkstattbetrieb. Aber gegen Ende der Woche gerne. Geben Sie mir bitte ihre Nummer, ich rufe Sie an, wenn wir kommen."
Dann klingelt mein Telefon. Der Kunsttherapeut fragt, weshalb ich nicht erschienen bin. "Ich fühle mich zu aufgewühlt..."
"Gerade dann sollten Sie die Kunsttherapie nutzen. Kommen Sie einfach jetzt noch herüber."
Im Arbeitsraum gibt er mir wieder einen der großen Tonquader: "Machen Sie einfach damit, was Ihnen in den Sinn kommt."
Einige Zeit sitze ich unschlüssig davor. Dann stehe ich auf, verstelle die Tischhöhe nach oben und drücke und knete den Materialklotz lange mit aller Kraft und ohne Ziel, wozu die Anstrengung führen soll. Ergebnis ist ein unförmiger Klumpen mit tiefen Dellen. Der Therapeut tritt neben mich: "Haben Sie eine Vorstellung, was Sie ausdrücken wollen?"
"Ja... Ich glaube, ja: Die tiefen Dellen sind Gefühlseindrücke..."
"Sie haben sich selbst in diesem Material dargestellt."
Ein unförmiger Klumpen mit tiefen Dellen...
Ich ritze hinein: Selbstporträt.
Das Objekt wird abgedeckt und zum Trocken in ein Regal gestellt.
"Mir ist jetzt viel besser... Ich bin sehr froh, dass Sie mich zum Kommen aufgefordert haben."
Meine letzten Worte verändern sein vorher sehr freundliches Verhalten abrupt: "Ich habe Sie nicht zum Kommen aufgefordert."




