Das Tischgespräch während des Abendessens verläuft zum ersten Mal seit langer Zeit in normalen Bahnen. Vinzenz erzählt von einer gemeinsamen Wanderung mit Corinna, ist begeistert von den landschaftlichen Schönheiten des Elbsandsteingebirges. Einige Motive will er gleich morgen zeichnen.
Erich war zur einige Tage zuvor diskutierten Veranstaltung in der Nachbarklinik, ist sehr nachdenklich: "Regine, du hattest recht: Es ist schon ein sehr merkwürdiges Gefühl, unter Behinderten zu sein. Ich habe alle Blicke auf mir gespürt, so als ob die Patienten dort sich fragten, weshalb ich ohne Rollstuhl gekommen bin..."
Er und Joachim planen einen Kinobesuch im Nachbarort, unterhalten sich leise über einige Frauen auf der anderen Seite des Saales. Joachim schwirrt aus, spricht mit ihnen, kommt nach längerer Zeit an unseren Tisch zurück. Er und Erich wünschen uns einen schönen Abend und gehen gemeinsam hinaus. Die Oberhessin amüsiert sich königlich: "Die Zwei wollten Frauen einladen, und die kommen nicht mit!"
"Woher willst du das wissen? Sie können doch eine Abfahrtszeit ausgemacht haben."
Sie lacht: "Die Frauen sind doch alle aus Joachims Gruppe - es sind die Frauen, die an ihm kein gutes Haar lassen... Die gehen doch nicht mit den beiden ins Kino!"
"Da wäre ich nicht so sicher!"
Dann fragt Vinzenz, ob ich mir sein Bild noch einmal angesehen habe, bemerkt mein leichtes Zögern, als ich mich zurückhalte, meine Gedanken, dass die Gewitterwolke sehr übermächtig sei und mir die Fröhlichkeit der hinausströmenden Menschen irgendwie unecht und etwas ängstlich erscheine, auszusprechen, ermuntert mich dann: "Bringe es doch nachher mit ins Wohnzimmer. Wir sprechen noch einmal darüber. Deine Sicht interessiert mich!"
Später stellen wir die Zeichnung in einem Sessel auf, und ich erkläre ihm offen meinen Eindruck; er möchte noch andere Meinungen einholen. Nach und nach kommen andere Patientinnen und Patienten vom Essen zurück, hören unsere Stimmen durch die halbgeöffnete Tür, und betreten das Zimmer.
Die Meinungsumfrage ergibt sieben Stimmen für seine eher positive Aussage und eine Stimme für meine Sicht des Bildes. Vinzenz freut sich über die beinahe vollzählige Bestätigung der von ihm beabsichtigten Heiterkeit der genesenen Patienten, will mir aber offensichtlich entgegenkommen:
"Dann muss ich dir wohl noch ein anderes malen?"
"Nein, auf gar keinen Fall! Dies hier ist eine Erinnerung, und es ist Ausdruck deiner Gefühle - vielleicht sehe ich bei meiner Abreise die Gewitterwolken auch nicht mehr so übergroß..."
Vinzenz holt einige andere Bilder aus seinem Zimmer und befestigt sie mit Nadeln an der Pinnwand des Wohnzimmers. Auch zu diesen möchte er die Meinung aller hören.
Die meisten Anwesenden sind erst vor kurzem eingetroffen und haben noch keine Antennen für Gedankenaustausch dieser Art. Die Westfälin, die sich mir vor einigen Tagen auf dem Weg in den Ort angeschlossen hatte und mich mit ihrer Munterkeit leicht nervte, gibt ihren Kommentar mit schneller Zunge und in der für ihre Heimat typischen akzentuierten Sprechweise: "Eine Heidelandschaft! Eine Heidelandschaft! Das andere sind Birken oder sowas - und das dritte ist eine Kopfweide! Eine Kopfweide!"
Vinzenz steht wortlos auf, hängt die Bilder wieder ab und wirkt frustriert. Bereits bei der ersten Teilnahme der Westfälin an der großen Therapiegruppe war schon ein Konflikt zwischen den beiden zu spüren, eine ärgerliche und gegenseitig abwertende Diskussion über Bedarf oder Nichtbedarf des Ausbildungsberufes der arbeitslosen Westfälin, die recht zusammenhanglos mit dem eigentlichen Gesprächsthema hitzig aufflackerte und vom Stationsarzt routiniert unterbrochen wurde.
Die Westfälin beginnt jetzt ein Gespräch mit dem alten Herrn neben Vinzenz: "Sind Sie wirklich 82? Sie machen aber noch einen recht rüstigen Eindruck für Ihr Alter. Mein Vater ist zwei Jahre älter, aber lange nicht mehr so gut beisammen. Er hat in den letzten beiden Jahren stark abgebaut. Waren Sie auch in Russland? Ja? Sind sie verwundet worden? Haben Sie auch Erfrierungen an den Zehen?"
Vinzenz erhebt sich brüsk mit den Worten: "Ich habe kein Interesse, einer Unterhaltung über Krieg zuzuhören!", und geht hinaus.
Die Westfälin wendet sich an mich: "Weshalb geht der denn jetzt?"
Dann steht der alte Herr auf: "Ich gehe auch. Die Runde gestern hat mir besser gefallen!"
Sie ist wieder irritiert, fragt mich in ihrer schnellen Sprechweise: "Können Sie mir sagen, weshalb alle gehen?"
Eine andere Patientin steht auf. Sie müsse noch Briefe schreiben. Die Westfälin: "Der Briefkasten wird erst morgen Nachmittag geleert... Weshalb gehen die denn alle?"
Sie sieht mich wieder fragend an. Ich sage höflich: "Wenn Sie das so sehr beschäftigt, denken Sie doch darüber nach, weshalb das so ist."
"Liegt das an uns, oder an mir, oder was? Gestern Abend im Kreativraum haben die mich auch alle stillschweigend sitzenlassen und sind hierhergegangen. Als ich rüberkam, war der ganze Raum voller Leute! Und keiner sagt mir was!"
Ihre schnelle Sprache und ihre Worte stören mich.
"Zumindest von Vinzenz weiß ich, weshalb er hinausgegangen ist. Er möchte einer Unterhaltung mit Ihnen aus dem Weg gehen, weil er eine Auseinandersetzung voraussieht."
Sie reagiert sehr empört: "Wenn ich von Arbeitslosigkeit in meinem Beruf erzähle, braucht dieser Fatzke doch nicht das Gegenteil zu behaupten!"
Unter den restlichen Anwesenden kommt eine Unterhaltung in Gang. Ost und West sind gleichstark vertreten, sprechen locker über Altes und Neues vor und nach dem Mauerfall. Eine der Ostdeutschen, Beate, beginnt, eine Anekdote über einen Ministerpräsidenten von Sachsen-Anhalt zu erzählen. Die Westfälin fällt ihr ständig mit abschweifenden Bemerkungen ins Wort.
Ich spüre Ärger in mir aufsteigen: „Lassen Sie doch endlich Beate weitererzählen!"
Sie antwortet mit einem ironischen Wortschwall über Ich- und Du-Botschaften, Thema eines kürzlichen Oberarztvortrages.
Eine Patientin lacht jetzt, sagt, dass sie sich täglich am Mittagstisch amüsiere, wenn die Westfälin und ihre Gegenüber sich unterhalten: "Sie hören beide schwer und reden manchmal von zwei verschiedenen Themen..."
Mein Verhalten tut mir jetzt leid. Ich spreche die Westfälin an: "Entschuldigen Sie bitte! Ich war ärgerlich, weil Sie Beate beim Erzählen unterbrochen haben."
"Ich verstehe manchmal etwas Anderes und möchte mitreden... Beate! Jetzt erzähl doch endlich!"
Dann kommen Vinzenz und Corinna in Trainingsanzügen und mit Badetüchern unter den Armen herein, setzen sich auf freie Plätze an gegenüberliegenden Seiten des Tisches. Die Westfälin steht wortlos auf und geht hinaus. Meine Gegenüber sagt mir leise, dass ich die Bemerkung über Vinzenz' Abneigung besser nicht gemacht hätte. Ich schäme mich jetzt, will es aber nicht offen zugeben, und antworte verschlüsselt, dass es der Westfälin gut tun würde, über den Umgang mit anderen nachzudenken.
Die Zeichnung der "Mackenburg" hängt immer noch an der Pinnwand, und Vinzenz bittet Corinna um ihre Meinung. Sie betrachtet konzentriert das Bild. Die Runde schaut schweigend Corinna an, die sich nach längerer Zeit äußert: "Die Farben sind sehr schön." Pause. "Der blaue Himmel fehlt noch! Sonne! Über der Burg ist ja alles weiß. Du kannst das ja noch ergänzen."
Ich schaue hinüber zu Vinzenz. Er sieht Corinna mit einem warmen Lächeln an.
Sie sagt: "Außerdem fehlen die Bälle. Die roten Bälle aus der Körpertherapie!"
Beginn der Nachtruhe, Zeit, die Runde aufzulösen. Beim Hinausgehen sagt Lorenz leise zu mir: "Findest du nicht, dass Corinnas sächsischer Dialekt wunderschön klingt und große Ähnlichkeit mit dem Schwäbischen hat?"




