Das Telefon klingelt. Richard hatte bereits angerufen. Eine Freundin? Einer der Kollegen? Zu meiner Überraschung ist meine Mutter am Apparat, fragt wie es mir gehe; sie habe in den letzten Tagen mehrmals erfolglos versucht, mich zu erreichen. Ich erzähle eine Weile, versuche auch Ihr, meinen Zustand zu erklären, meine Unsicherheit bezüglich der benötigten Zeit zur Erholung. Sie vergleicht mit eigener Erfahrung: "Die Unsicherheit, wie lange es dauert, bis man wieder gesund ist, kenne ich seit meinen Unfällen nur zu gut."
Dann kommt sie zum eigentlichen Grund ihres Anrufs: "Hast du schon mit Richard über den Schrank gesprochen, den du deiner Schwester überlassen willst?"
"Ja, er weiß Bescheid. Er sagte zwar, dass der Schrank an seiner jetzigen Stelle im Gästezimmer recht gut aussehe, aber wenn meine Schwester ihn braucht, kann sie ihn haben."
"Das ist prima. Sie hatte nämlich Hemmungen, deinen Mann anzurufen. Deshalb habe ich dich angerufen."
Ich bin gekränkt. Als ich nach der weggeworfenen Karte an Weihnachten bei ihr anrief, weil ich das Gefühl hatte, mich als ihre Tochter melden zu müssen, war meine Schwester bei ihr, und sie wollten "gerade selbst anrufen". Nach Wochen jetzt endlich Interesse für mich, und der Grund ist ein Problem meiner Schwester.
Sie fragt noch, was ich den ganzen Tag täte, ob es nicht langweilig sei, wochenlang in einer Klinik zu sein. Ich erkläre ihr die Atmosphäre im Haus, die Aufzeichnung meiner Eindrücke für ein späteres Buchmanuskript. Sie sieht Leserinteresse voraus, würde mein erstes Manuskript, unser Familiendrama, "gern einmal lesen".
Ich bin immer noch ärgerlich auf sie, will sie verletzen: "Du kannst gerne eine Kopie haben - aber ich warne dich: Du kommst nicht besonders gut dabei weg!"
Sie versteht nicht, fragt weshalb.
"Weil du mich nicht verstanden hast, als ich Probleme mit Robin hatte. Du hast dich nur noch über ihn beschwert und mir das Leben dadurch noch schwerer gemacht!"
"... Aber er ist doch immer gekommen und hat sich bei mir Geld geliehen und dann nicht zurückgegeben. Das hat er doch bei dir zu Hause auch gemacht..."
"Ja, und gerade deshalb hättest du erkennen können, dass ich meine eigenen Sorgen hatte! Du hast ihm doch auch jedes Mal Geld gegeben und ihn dadurch zum Wiederkommen ermuntert! Robin hat sich von dir sehr zurückgesetzt gefühlt, seitdem die beiden Mädchen meiner Schwester dein Ein und Alles sind und du ihnen nicht nur deine ganze Aufmerksamkeit, sondern auch Mengen von Kleidung und Spielzeug schenkst!
Als du nach einem Unfall im Krankenhaus lagst, war der Junge gleichzeitig zum freiwilligen Drogenentzug in einer psychiatrischen Klinik. Nach meiner anstrengenden Arbeit bin ich erst zu ihm und dann noch zu dir gefahren, -zig Kilometer, und erst nach 21 Uhr nach Hause gekommen.
Bis dahin war noch kein Strich Hausarbeit erledigt! Richard hat für uns gekocht, weil er Hunger hatte. Alles andere blieb liegen, bis es mir komplett über den Kopf gewachsen ist!
Und als du einen anschließenden Aufenthalt in einer Reha-Klinik abgelehnt hattest und zu Hause wie selbstverständlich von meiner Schwester und mir betreut wurdest, obwohl du deine Entscheidung nicht mit uns abgestimmt hattest, war wieder keine Zeit, endlich für Robin da zu sein - aber ich hatte allein die Probleme, als er einen Rückfall erlitt!
Es freut mich, dass sich jetzt wenigstens meine Mutter endlich für das Geschehen der letzten Jahre interessiert!"
Ich höre, wie sie am anderen Ende der Leitung schluchzt. Sie ist gesundheitlich und nervlich sehr angeschlagen, und ich will ihr nicht weiter zusetzen, wende meinen Zorn jetzt gegen meinen Vater:
"Mein Vater hat Robin auch unter Druck gesetzt; anstatt ihm zuzuhören und ihn bei seinen Absichten zu unterstützen, hat er massiv versucht, ihn zu beeinflussen. Robin wollte Koch werden, aber mein Vater zählte sofort energisch die Nachteile auf und riet ihm, Telekommunikationselektroniker zu werden, weil dies ein Beruf der Zukunft sei - Telekommunikationselektroniker! Robin hätte nicht die allergeringste Eignung dafür besessen!
Bei seinen späteren Besuchen bei uns hat sich mein Vater dann gewundert, dass der Junge nur noch kurz auftauchte und Geld oder Geschenke entgegennahm - und dass ihm dann völlig gleichgültig war, welchen Beruf er erlernt..."
Die Stimme meiner Mutter klingt sehr belegt, als sie ein anderes Thema beginnt: die bevorstehende Scheidung meiner Schwester. Ich beende das Gespräch bald.
Ich schäme mich jetzt etwas für meinen Angriff. Wieder einmal sind meine Gedanken in völligem Aufruhr, lassen mich nicht einschlafen, obwohl ich nach den vielen Gesprächen des Tages sehr müde bin - und doch fühle ich Zuversicht, mein Leben in Zukunft besser in der Hand zu haben, offener über meine Gefühle sprechen zu können, ohne wie jetzt sofort in Anklagen auszubrechen.
Ich warte auf das Einsetzen der offiziellen Nachtruhe, bis zu der alle Patienten wieder im Haus und in ihren Zimmern sein sollten, will am offenen Fenster rauchen, meinen Gedanken weiter nachhängen, und dabei nicht von Patienten gesehen werden, die von einem Lokal oder einem Veranstaltungsbesuch zurückkehren.
Die Ausflügler treffen einzeln oder in Grüppchen ein; kurz darauf geht Vinzenz unter meinem Fenster vorbei, einige Meter hinter ihm Corinna. Sie sehen hoch, und wir sprechen ein paar leise Worte, bevor sie im Haus verschwinden.
Ich bin etwas traurig, nicht mit der munteren Gruppe um Joachim unterwegs gewesen zu sein, fühle mich als Außenseiter und doch gleichzeitig froh, im Zimmer geblieben zu sein und das Telefonat entgegengenommen zu haben. Trotz der aufwühlenden Unterhaltung mit meiner Mutter ist mir leichter.
Mein jahrelanger innerlicher Groll hat die verkrustete Oberfläche aus Rücksichtnahme und Harmoniebedürfnis durchbrochen, und ich konnte endlich über meine Gefühle sprechen.




