Burnouts - Die Mackenburg

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Burnouts - Die Mackenburg Kapitelübersicht 64. Kapitel GRATWANDERUNG

64. Kapitel GRATWANDERUNG

   Vinzenz zeigt mir später seine neuesten Bilder, die Kohlezeichnung einer blattlosen Kopfweide am Ufer eines Wassers, und die aquarellierte Kohlezeichnung einer Allee, deren Bäume alle abgestorben sind, die Baumzwischenräume jedoch den Blick auf einen pflügenden Bauern und ein kleines Dorf mit einem grünen Wäldchen freigebend.

   "Merkwürdig, dass du alle Alleebäume als abgestorben gezeichnet hast. In der Natur ist es doch meist so, dass nur gelegentlich ein Baum abstirbt?"

   Vinzenz zuckt mit den Schultern: "Mir war halt so. Aber schau: Dort hinten ist es grün!"

   Er bietet mir Platz an, möchte mit mir reden: "Du musst versprechen, dass es von den hier Anwesenden niemand erfährt. Ich will aber unbedingt, dass du es in deinem Buch erwähnst!"

   Er zeigt mir ein drittes Bild, holt es aus seiner Zeichenmappe hervor. Mir stockt fast der Atem - ein Kunstwerk! Ein wirkliches Kunstwerk von einer unglaublichen Leichtigkeit: die sparsam kolorierte Kohlezeichnung eines winterlichen Birkenhains, abstrakt, wie ein Hauch, und doch sofort deutlich erkennbar.

   Ich bewundere das Bild, erwähne die unglaublich starken Veränderungen in Vinzenz' Ausdruck innerhalb kürzester Zeit, und er sagt: "Diese Leichtigkeit fühle ich jetzt in mir!"

   Dann kommt er zum eigentlichen Thema: "Ich möchte dir erklären, welche Beziehung zu Corinna besteht - wir haben die ganze Zeit offen miteinander gesprochen, und ich will nicht, dass du denkst, Corinna und ich hätten ein Verhältnis miteinander. Wir haben uns nichts vorzuwerfen - mir ist aber erst jetzt die Bedeutung von Beziehungen während einer Kur klargeworden - sie sind eine äußerst schwierige Gratwanderung zwischen Gefühlen!

   Das Bild des Schiffes in der tobenden See habe ich in einer schlaflosen, gefühlszerrissenen Nacht gemalt. Ich war entsetzlich aufgewühlt! Ich habe gespürt, dass Corinna sich irgendwie zu mir hingezogen gefühlt hat - und ich mich genauso zu ihr - aber ich bleibe bei meiner Entscheidung, in drei Tagen abzufahren - und Corinna hat ihren Mann fürs Wochenende hergebeten.

Wir haben nur unsere Gedanken ausgetauscht, die Gefühlswärme des anderen gespürt... In mir ist etwas freigeworden, was ich verloren geglaubt hatte. Wenn ich zurückkomme, wird das anders werden. Ich freue mich auf zu Hause, auf meine Frau und die Zukunft mit ihr!"

   "Wird dir das, was Corinna dir gegeben hat, zu Hause nicht fehlen? Mir scheint, deine Frau ist sehr selbstbewusst - Corinna dagegen ist der zurückhaltende, leise Typ - jemand, der Beschützerinstinkte weckt..."

   Ich fühle sofort, dass er mir alles gesagt hat, was er mir sagen wollte, dass er jetzt nicht weitersprechen und mich schnellstmöglich wieder draußen sehen will. Noch einmal bittet er, in der Klinik kein Wort darüber zu verlieren.

   "Vinzenz, ich habe mein Manuskript dabei - willst du es lesen?"

   "Nein, Lesen macht mir Kopfschmerzen. Du schreibst das schon alles genau auf!"

   „Zeichnest du mir das Titelbild für mein Buch? Es eilt ja nicht, vielleicht fühlst du dich irgendwann inspiriert...?"

   Er sagt sofort zu: "Aber ich muss erst eine Weile darüber nachdenken."

   Eine halbe Stunde später klopft es an die Tür. Vinzenz bringt mir das erbetene Umschlagbild. Wieder eine kolorierte Kohlezeichnung. Als Erstes wird mein Blick von einer riesigen Gewitterwolke auf der linken Blattseite angezogen, unter der schwarzgekleidete und gebeugte Menschen mit hängenden Köpfen in langer Reihe durch ein Mauertor ins Innere einer Burganlage gehen.

Auf der rechten Seite der dort farbigen Zeichnung sehe ich hinter der Mauer die Spitze eines schlanken Turmes mit flatterndem Banner und ein weiteres Tor, durch das ein buntes Gewimmel von Menschen herausströmt.

   Er erklärt mir das Bild: "Die Burg ist unsere Klinik - die Mackenburg, wie sie von den Ortsbewohnern genannt wird! Die dunkle Seite zeigt niedergeschlagene Menschen, die Hilfe suchen.

   Die fröhliche Menge, die buntgekleidet durch das Tor nach draußen strömt, sind genesene Patienten, die sich auf das Leben freuen!"

   Die Zeichnung gefällt mir sehr. Sie hat eine deutliche Aussage und gleichzeitig eine gewisse Komik, die ich nicht genau deuten kann. Die bunte, fröhliche Menge scheint künstlich, wie Menschen, die pfeifen oder singen, um ihre Angst zu vergessen.

   "Mir gefällt der Ausdruck Mackenburg - vielleicht wird es sogar der Buchtitel! Ich werde dir ein gebundenes Manuskript zur Erinnerung schicken!"

Er freut sich sichtbar. Dann... "Aber du musst rauslassen, was ich dir vorhin erzählt habe!"

   "Vinzenz! Entscheide dich, bevor du abfährst! Sonst lässt du am Ende noch den Verkauf verbieten..." Erich fügt hinzu: "Mit einer einstweiligen Verfügung!"

   Vinzenz schaut etwas irritiert, isst weiter. Nach Minuten lacht er laut auf, schüttelt den Kopf: "Du kannst alles schreiben, was ich dir erzähle - ich tue nichts Unrechtes!"

 

 

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Frühere Veröffentlichung:

Goodbye, Robin

ENGLISCHE ÜBERSETZUNG
als KAPITEL-SERIE



Referenzen und Lesungen siehe Autorenhomepage www.ilse-koempel.de


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