Wochenende, zwei Tage ohne Therapietermine. Ich habe mittlerweile mit meinen Tischkollegen und einigen meiner Gruppenmitglieder über mein Tagebuch gesprochen, aus dem ein weiteres Buchmanuskript entstehen soll, und um ihre Erlaubnis gebeten, Gespräche mit ihnen einzubringen.
Ich drucke den ganzen Morgen über sehr mühselig Seite für Seite meines bisherigen Textes in dem kleinen Reisedrucker aus, möchte Vinzenz vor seiner Abreise die ihn betreffenden Passagen zeigen. Ich kenne seine Unlust am Lesen, kreuze die Textstellen an, in denen er erwähnt ist. Meine Gefühle sind anschließend sehr bewegt.
Während des Mittagessens rede ich lebhaft über die neuen Erkenntnisse, die ich beim nochmaligen Lesen meiner Aufzeichnungen und dem In-Zusammenhang-Bringen mit den Erklärungen des Burn-Out-Ratgeberbuches gewonnen habe - Unsicherheitsgefühle, Wut darüber, nicht gehört, übersehen zu werden, die Kompensation durch überzogene Leistungen und beeindruckendes Auftreten und dadurch Sicherung von Anerkennung und Respekt. Alle Tischkollegen hören mir interessiert zu. Joachim bittet mich, ihm das Buch irgendwann auszuleihen.
Richard ruft abends noch einmal an, sagt, dass er einen Termin mit dem Anwalt für Arbeitsrecht für Dienstag der nächsten Woche vereinbart habe, und bittet mich, ihm vorher noch konkrete Fakten aufzuschreiben und zuzusenden.
Ich erzähle ihm dann am Beispiel des Hufeisenlogos, dass ich mir erst jetzt bewusst geworden bin, wie blockiert meine Gedanken sind. "Laut Krankheitsbeschreibung beträgt die Aufnahmespanne im höchsten Stadium nur maximal 16 Sekunden. 16 Sekunden!
Erinnerst du dich, als du mir die Video-Kamera erklärtest - es wäre mir doch am liebsten gewesen, du hättest aufgehört zu reden. Ich habe dich nur noch sprechen hören, den Sinn überhaupt nicht erfasst! Jetzt weiß ich auch, weshalb ich den Inhalt eines Schriftstückes wieder vergessen hatte, bevor ich zu Ende gelesen hatte! Ich könnte unmöglich schon in zweieinhalb Wochen wieder geistig arbeiten..."
"Nein, das kannst du auf keinen Fall. Ich habe jetzt verstanden, wie schlecht es dir geht... Du wirst dich jetzt auskurieren, bis du wieder gesund bist! Bei einem Unfallverletzten im Streckbett wird auch eine monatelange Krankheitszeit akzeptiert! Du erholst dich jetzt in Ruhe und komplett!"




