Erich, nach Ellens Abreise mein neuer Tischnachbar aus Erfurt, sagt während des Abendessens am nächsten Tag mit Seitenblick auf die Oberhessin zu seiner Rechten resigniert: "Bitte einen neuen Gast!"
Sie fragt während des Essens immer wieder die gleichen Dinge: Wer von uns an welcher Therapie teilnimmt, weshalb sie nicht die gleichen Verordnungen erhalten hat (Die Ärzte verordnen nach Bedarf), wie ihre Gruppe heißt (hängt am Info-Brett der Station), wo und wann die Treffen stattfinden (dito, abschreiben und in eigenen Plan eintragen).
Erich erklärt ihr alles wieder und wieder in erhobener Lautstärke, um sicher zu sein, dass sie ihn versteht. Sie schaut ihm jedoch weder ins Gesicht noch auf den Mund, wenn er antwortet, sondern auf ihren Teller, führt energisch Bissen um Bissen in den Mund, kaut, schluckt. Gelegentlich sieht sie auf, lacht mit strahlendem Gesicht auf, stellt die nächste, schon unzählige Male vorher gestellte Frage.
Joachim unterdrückte schon die ganze Zeit über ein Lächeln, sagt dann freundlich: "Sie sollten das alles Ihren Klinikpaten fragen - wer ist das eigentlich?"
Erich stöhnt auf: "Na ich! Ich trete von dieser Patenschaft zurück! Ich muss nachher mit der Stationsschwester reden!"
Die Oberhessin stellt eine neue Frage. Joachim gibt ihr eine kurze Erklärung: "... Ich sage Ihnen das jetzt nur ganz grob, Ihr Pate erklärt Ihnen das später gerne noch im Detail..."
Erich seufzt wieder leise auf.
Vinzenz war bereits am zweiten Tag von ihrem Verhalten irritiert: "Sie ist mir unheimlich!" Heute ist er nicht zum Abendessen erschienen.
Ich möchte in Ruhe essen, nehme ein Käsebrot mit aufs Zimmer: "Bis morgen früh. Einen schönen Abend noch!"
Um weiteren Zweifeln vorzubeugen und endlich einen Schritt weiterzukommen, beginne ich in meinem Zimmer mit der Umsetzung meiner Entscheidung zur Kündigung und entwerfe ein Schreiben an meinen Vorgesetzten. Dann lege ich den Brief zur Seite, will erst mit Richard während unseres bevorstehenden Telefonates über den Inhalt sprechen, bevor ich ihn absende.
Er rät mir dann ab: "Warte doch erst einmal ab - es besteht doch keine Notwendigkeit, etwas zu überstürzen. Warte doch, bis du wieder dort bist, und versuche, alles in Ruhe zu regeln." Die männliche Vernunft...
"Richard, bitte bremse mich nicht, wenn ich beginne, Absichten zu entwickeln. Lass mich einfach nach meinem Gefühl handeln!"
„Ich an deiner Stelle würde noch warten."
„Ich bin aber nicht du!"
Am nächsten Tag lese ich wieder und wieder im Ratgeber-Buch die verschiedenen Stadien meiner Erkrankung und deren Symptome nach. Es wird empfohlen, auf Familienmitglieder, Freunde, Kollegen oder Vorgesetzte zu hören, wenn diese raten, sich zu schonen und sich nicht zu überlasten.
Weshalb hat mir nie jemand etwas Derartiges gesagt, sondern meine Bitten und Hilfeschreie nach Entlastung und Unterstützung nicht nur ignoriert, sondern mir im Gegenteil noch mehr aufgeladen?
Ich bin bestürzt und empört, ahne aber bereits, dass meine Belastbarkeit möglicherweise wegen meines robusten Äußeren und beherrschten Auftretens von anderen überschätzt wurde.
Am nächsten Abend bittet mich Richard noch einmal, keine Entscheidung zu überstürzen, bevor die dadurch entstehende Lücke in unserem Haushaltsplan nicht geschlossen werden könne. "Du weißt: Es ist auch die Wohnungshypothek abzuzahlen..."
Ich beginne zu weinen, klage ihn an: "Du sollst mich nicht bremsen, sondern konstruktiv mit überlegen, wie wir das Problem lösen! In dieser Beziehung sind wir immer noch keinen Schritt weiter, seit ich zu Hause abgefahren bin!"
"Wenn mir aber nichts einfällt..."
Ich werde ruhiger und kann wieder in normalem Tonfall mit ihm reden: "Dann unterstütze mich bitte in meinen Absichten, indem du aufhörst, mich an diesem Punkt aufzuhalten. Ich rede dir doch auch nicht in deine beruflichen Angelegenheiten hinein! Ich will nicht zurück in diese Firma!"
Dann sprudelt es spontan aus mir heraus: "Ich will mir nicht länger den Kopf zerbrechen, wie ich dort klarkomme! Ich will kündigen! Ich will kündigen, und ich will eine Abfindung! Diese Abfindung hat jetzt einen Namen: SCHMERZENSGELD! Schmerzensgeld für eine Personalpolitik, die unter dem Motto Sparen steht und die allerletzten Reserven aus Menschen herausholt! Bitte finde einen Anwalt für mich, der sich für dieses Thema wirklich interessiert!"
Richard erkennt jetzt meine Entschlossenheit und scheint froh, von mir eine konkrete Zielvorstellung zu hören: "Unser Notar beim Wohnungskauf ist auch Spezialist für Arbeitsrecht. Ich lasse mir einen Termin geben und erkläre ihm alles - und dann wirfst du das Handtuch!"
"Nein, Richard - ich werfe nicht das Handtuch, sondern den HANDSCHUH! Ich gehe in die Offensive! Es wird mir eine Genugtuung sein, auszusprechen, was ich jahrelang hinuntergeschluckt habe! JETZT bin ich endlich einen Schritt weiter! Richard... Vertrau mir! Alle Entscheidungen, die wir bisher gemeinsam getragen haben, waren gut für uns!"
Er überlegt kurz, sagt dann: "Das stimmt... Okay - ich stehe zu dir!"
Wir verabschieden uns. Mir ist plötzlich leichter ums Herz. Endlich, endlich spüre ich, dass Richard bereit ist, auch diesen Weg mit mir zu gehen.
Ich lege mich aufs Bett und denke nach, dieses Mal zielgerichtet. DAS KARUSSELL HAT ANGEHALTEN. ICH SEHE KLAR. ICH WERDE NICHT MEHR OHNMÄCHTIG PROTESTIEREN, SONDERN KÄMPFEN!
Mein Herz klopft heftig, und ich sehne mich nach Bewegung in frischer Luft. Es ist schon nach 22 Uhr, das Ende der Ausgangszeit bereits überschritten. Ich melde mich bei der Stationsschwester ab, gehe zügig durch den Schnee auf den Wegen rund um das Klinikgebäude. Auf mein Klingeln lässt mich die Schwester wieder ein. Ich bedanke mich und gehe durch die stillen Flure in mein Zimmer, fühle mich auf unbeschreibliche Weise entlastet.
Jetzt weiß ich genau, dass ich die richtige Entscheidung getroffen habe, nicht wieder in die Tretmühle zurückzukehren. Es wird eine andere Möglichkeit geben, die finanzielle Lücke in unserem Haushaltsplan zu füllen. Vielleicht durch mein erstes Manuskript...
Ich werde auf mein Glück vertrauen! Es wird sich alles finden!
Unmöglich, jetzt einzuschlafen. Ich versuche zu lesen, folge den Zeilen des Buches, ohne den Sinn zu erfassen. Aufstehen. Das Zimmer bietet keinen Auslauf. Öffnen des Fensters, Lüften, ins Bad. Ich bürste mir lange die Haare, sehe in ein blasses, sehr ernstes Gesicht. Noch einmal Zähneputzen, waschen. Dann sehe ich noch lange aus dem Fenster hinunter auf die mit Ausnahme der gelben Straßenbeleuchtung dunkle Stadt, bin in dauernder Bewegung, wippe unruhig mit den Füßen, gehe wieder ins Bett, wälze mich noch stundenlang im Dunkeln hin und her.
Vor der Gruppenstunde am nächsten Morgen übertrage ich endlich mit Bleistift meine Sammlung von Visitenkarten und zerfledderter Adressbuchblätter in mein diesjähriges Verzeichnis. Entgegen meiner sonstigen Gewohnheit schreibe ich nicht am Tisch meines Zimmers, sondern im Wohnzimmer, stelle das Radio leise ein. Vinzenz kommt herein, setzt sich. Er erkennt eine Veränderung in meinem Verhalten: "Du setzt dich ins Wohnzimmer, bist bereit zu Gesprächen mit anderen. Die ganzen letzten Wochen hat man dich nie außerhalb der Therapiestunden hier gesehen. Du warst immer allein in deinem Zimmer! Du machst deutliche Fortschritte!"
Vinzenz erzählt, dass er gestern mit dem Verwaltungsleiter des Hauses gesprochen und sich beschwert hat, dass er bereits fünf Tage vor seiner Abreise zur Zahlung des Eigenbeitrages aufgefordert wurde: "Ich habe gefragt, ob die Klinik das Geld so dringend brauche, um die Brötchen für den nächsten Tag zu kaufen."
Er weigerte sich, den Betrag bereits zu bezahlen, will erst am letzten Tag zur Kasse gehen. Der Verwaltungschef sagte ihm, dass dann die Kassiererin nicht anwesend sei. Vinzenz antwortete ihm, dass dies ein Verwaltungsproblem sei: "Dann müssen Sie mir die Rechnung eben nach Hause schicken!"
Eine weitere Patientin kommt herein, lächelt, ist bereit zu einem Gespräch. Vinzenz erzählt von seinem neuesten Bild, ist wieder sehr zufrieden. Er bietet an, uns das Bild in seinem Zimmer zu zeigen. Wir folgen ihm interessiert.
"Das habe ich letzte Nacht skizziert und heute Morgen gemalt!" Es ist die Kohlezeichnung eines Baumes, eines mächtigen Solitärs ohne Laub.
"Wunderschön! Vinzenz, du bist wirklich ein Naturtalent. Du hast die Begabung, die verschiedensten Stimmungen auszudrücken!"
"Schaut, das ist das Bild, das ich gestern in einer schlaflosen Nacht gemalt habe!" - Stürmische, nachtblaue See, ein Boot, das hilflos auf den Wellen tanzt. Dunkle, bedrohliche Gewitterwolken, aus denen Blitze ins Wasser zucken. Ein Leuchtturm mit hell strahlendem Feuer. Die Zeichnung drückt ungeheure Bewegung aus.
Er steht immer noch unter dem Eindruck seiner Zeichnung: "Wenn ich das Blatt an einer Seite neige, meine ich gerade, das Boot stürzt heraus!"
Ich bitte ihn um seine Zustimmung, seine Pinnwand mit den verschiedensten bisher entstandenen Werken fotografieren zu dürfen. Er freut sich über mein Interesse, will erst nicht mit aufs Bild, lässt sich beim zweiten Foto dann doch leicht überreden, mimt noch etwas Widerstand: "Da muss ich bestimmt lachen..."
Ich hole dann auch noch die Videokamera aus meinem Zimmer, filme die Pinnwand und in Großaufnahme noch einmal die einzelnen Zeichnungen, dann das Hufeisenlogo in seinem Zimmerschild im Flur. Das Logo! Das Hufeisen! Der Bezug zu seinem Nachnamen!
Schlagartig wird mir bewusst, wie eingeschränkt mein Denken noch ist. Seit fast sechs Wochen sehe ich dieses Logo jeden Tag, und erst jetzt erkenne ich seinen Sinn. Sechs Wochen, um einfachste gedankliche Fäden zu knüpfen! Aber ein Zeichen dafür, dass mein Kopf freier wird!




