Burnouts - Die Mackenburg

... doch Vorsicht - dieser Roman kann das Bewußtsein verändern !

  • Schrift vergrößern
  • Standard-Schriftgröße
  • Schriftgröße verkleinern
Fehler
  • Fehler beim Laden des Feeds!
Burnouts - Die Mackenburg Kapitelübersicht 59. Kapitel BURN-OUT ODER DIE SUCHT NACH ANERKENNUNG

59. Kapitel BURN-OUT ODER DIE SUCHT NACH ANERKENNUNG

   „Guten Morgen! Wie geht es Ihnen" - die gewohnte Frage des Stationsarztes zu Beginn der Gruppenstunde. Ebenfalls wie gewohnt eine Weile Stille. Ich sehe erst auf den Boden vor meinen Füßen, dann verstohlen in die Runde. Niemand scheint das Wort ergreifen zu wollen. Ich beginne deshalb das Gespräch und erzähle von meiner Furcht, mich bei einer eventuellen Rückkehr an den Arbeitsplatz nicht genügend über Stunden konzentrieren zu können. Damit ist das Thema gegeben.

     Der Stationsarzt fragt: "Weshalb führen Sie eine Arbeit aus, wenn Sie das gar nicht möchten? Normalerweise sucht man sich doch seinen Beruf unter dem Gesichtspunkt aus, ob er einem Freude und Erfüllung bringt."

   "Ich bin bei der Auswahl meines Berufes nicht gefragt worden. Mein Vater hat für mich entschieden, weil eine kaufmännische Angestellte in sauberer und trockener Umgebung arbeitet und am Monatsende regelmäßig ihr festes Gehalt bezieht - und dann hat sich mein weiterer Berufsweg wie von selbst ergeben.

   Ich habe mich schon sehr früh bei meiner Arbeit gelangweilt und bin nach Australien ausgewandert. Dort bin ich umhergereist und habe alles Mögliche gemacht: Trauben geerntet, in Krankenhäusern und Arztpraxen Berichte geschrieben, in Gaststätten und Bars bedient, Geschirr für Catering-Firmen gespült... Ich hatte mein Auskommen und die Abwechslung, die ich brauche.

   Dann wurde ich von meinem australischen Freund schwanger, und nachdem unser Sohn geboren war, wollte sein Vater unbedingt mit uns in Deutschland leben - und ich bin wegen des guten Verdienstes wieder an meinen früheren Arbeitsplatz zurückgekehrt..."

   "Dann sind Sie mehr gegen Ihren Willen in diesen Beruf hineingerutscht und zu Ihrer eigenen Überraschung auch erfolgreich und wollen deshalb nichts ändern? Das geht vielen Menschen so: Sie hängen an Gewohnheit und Privilegien, harren deshalb aus und finden aus sich heraus keine Befriedigung.

   Es gibt dann noch die Möglichkeit, sich im Beruf zu schonen und nach Feierabend eigenen Interessen mit Vergnügen nachzugehen!"

   "Schonung ist an meinem Arbeitsplatz nicht möglich."

   Die Mikrobiologin sagt, dass sie berufliche Anerkennung braucht und ihr ein Lob im Grunde mehr wert sei als Geld: "Als ich wegen meiner Krankheit aus meinem Beruf ausschied, sagte mir mein damaliger Vorgesetzter, dass er glücklich wäre, wenn seine sämtlichen Mitarbeiter so fleißig und zuverlässig wären wie ich. Konnte er das nicht früher sagen?"

   Andere Patienten sprechen von ähnlichen Erfahrungen. Helmut, Speditionskaufmann, schildert seine Frustration: "Mein Chef fragt das ganze Jahr über nicht nach uns, wenn unsere Abteilung gut funktioniert. Aber wehe, es klappt einmal etwas nicht. Dann kommt der Anruf 'sofort zum Boss!' Weshalb kann er uns nicht wenigstens einmal loben, wenn alles in Ordnung ist?"

   Der Stationsarzt erklärt uns, dass zu diesem Verhalten immer zwei gehören: ein Vorgesetzter, der seine Belegschaft durch Nichtaussprechen von Lob verunsichert und zu immer größeren Leistungen treibt, und Mitarbeiter, die ihr Wohlbefinden vom Lob dieses Vorgesetzten abhängig machen und unermüdlich die Tretmühle bewegen, immer in Angst, Fehler zu machen, und vom unerfüllten Wunsch beseelt, Anerkennung zu finden.

   "Diese Sucht nach Anerkennung zieht sich auch durch den privaten Bereich wie ein roter Faden und führt in vielen Fällen zur ständigen Selbstüberforderung - bis es eines Tages aus irgendeinem äußeren Anlass, der eine Krankheit, ein Unfall, oder etwas ähnlich Erschütterndes sein kann, zum Zusammenbruch kommt. Der Körper hat dann seine letzten Reserven verloren. Und deshalb sind Sie jetzt hier!"

   Nachmittags gehe ich hinunter in den Ort, will mir ein von den anderen Patienten erwähntes Buch besorgen. Im Laden herrscht reger Betrieb; ich muss noch einige Zeit warten, bis ich an der Reihe bin, und schaue mich interessiert um. Ein Taschenbuch fällt mir dabei ins Auge. Es bezieht sich auf den Burn-Out bei Frauen. Ich kaufe es zusätzlich zu meinem eigentlichen Bücherwunsch.

   Wieder in meinem Zimmer, beginne ich sofort zu lesen. Das Buch ist eine Offenbarung für mich: Nahezu alle meine Gefühle und Handlungen der vergangenen Jahre sind beschrieben und erklärt! Ich kann es nicht fassen: Das Erreichen meines heutigen Zustandes war vorprogrammiert durch ständige Selbstüberforderung, geschieht in gleicher Weise unzählige Male in anderen Frauen, mit allen schmerzhaften Gefühlen und Auswirkungen auf alle Lebensbereiche!

   Ich bin aufgewühlt, verstehe mich selbst nicht mehr. Ich wusste doch schon vorher, dass es Fachbücher und Ratgeber für alle Fragen in Hülle und Fülle gibt. Weshalb habe ich mich nicht früher dafür interessiert, stattdessen zur Verdrängung meiner Probleme Unmengen heiterer Romane gelesen?

   Ich wollte die Wirklichkeit überhaupt nicht sehen, hatte vor Erreichen des kritischen, krankheitsauslösenden Stadiums kein Interesse an diesen Themen, vertraute zu lange in meine Kraft und wollte meine Probleme einfach nicht wahrhaben...

   Für den Nachmittag steht kein Kliniktermin auf dem Programm. Ich lese den ganzen Nachmittag, den ganzen Abend und bis spät in die Nacht. Meine Augen und mein Kopf schmerzen. Meine Gedanken wirbeln durcheinander. Aber ich spüre auch Erleichterung - wenn allein mein Verhalten der Grund für meine jetzige Situation ist, werde ich mich durch konsequente Veränderung auch wieder daraus befreien können! In dieser Nacht schlafe ich wieder so unruhig wie vor Wochen, werfe mich unzählige Male von einer Seite zur anderen und falle endlich in einen bleiernen Schlaf, aus dem ich völlig zerschlagen erwache.

 

Abhängigkeiten  Aggressionsstörung  Arbeitslosigkeit  Depression  depressive Verstimmung  Erschöpfung  Gedankenkarussell geistige Prostitution  Helfersyndrom  Leistungsdruck  Konzentrationsstörung  psychosomatische Erkrankung  Essstörung  Rückzug  Schlafstörungen  Selbstmord  Angst  Selbstmordgefährdung  Selbstverletzung  sexueller Mißbrauch  Suchtgefährdung  Trauer  Überforderung  Überlastung  Verhaltensstörung  Verlust  Zwänge

Frühere Veröffentlichung:

Goodbye, Robin

ENGLISCHE ÜBERSETZUNG
als KAPITEL-SERIE



Referenzen und Lesungen siehe Autorenhomepage www.ilse-koempel.de


Aktuelle Presse zum Thema

Vorschau

 

       I L S E   K Ö M P E L

 
 

Interaktiv