Richard hat seinen Besuch am kommenden Wochenende angekündigt. Ich möchte viel Zeit mit ihm verbringen, mich nicht vor dem Ausgangsende der Klinik von ihm verabschieden, sondern mit ihm in einer Pension im Ort übernachten und morgens mit ihm gemeinsam frühstücken.
Nach dem Ende des Gruppengespräches sage ich dem Stationsarzt beim Hinausgehen, dass ich die nächsten beiden Nächte außer Haus verbringen möchte. Er zögert, sagt nicht zu, führt mögliche Probleme mit der Krankenkassenabrechnung an. Er bezeichnet sich als etwas überrumpelt mit meiner Anfrage.
Sofort fühle ich mich wie die anderen beiden Frauen, die ihre Familien besuchen wollten, als Bittstellerin. Deshalb sage ich souverän: "Ich möchte nicht, dass Sie meinetwegen Schwierigkeiten bekommen. Am besten, Sie vergessen, dass ich Sie angesprochen habe. Ich regele die Sache in eigener Verantwortung. Ich wollte nur nicht, dass die Klinik eine Suchmeldung herausgibt, wenn auffällt, dass ich nicht da bin."
Er will korrekt handeln, schlägt vor, am Nachmittag über das Ergebnis seiner Erkundigungen zu sprechen. Vor meinem geistigen Auge steht das peinliche Bild, wie ich später vor ihm stehen und auf Erlaubnis hoffen werde, zwei Nächte mit meinem Ehemann zu verbringen. Ich sage ihm, dass die Entscheidung nicht wirklich wichtig für mich ist, und plane meine Abwesenheit im Stillen fest ein.
Joachim kommt heute als Letzter zum Mittagessen, grüßt sehr leise und beginnt ohne weitere Unterhaltung mit dem Essen. Nach einer Weile fällt uns anderen seine ungewohnte Schweigsamkeit auf. Ich frage ihn nach dem Grund. Er sagt: "Ich komme gerade von einer Kunst-Einzeltherapie. Damit kann ich nicht viel anfangen. Ich sollte Gefühlsbegriffe mit Farben ausdrücken. Ich hätte am liebsten alles Schwarz gemalt..." Er fällt jetzt wieder in seinen üblichen Tonfall, bei dem ich nie weiß, ob das Gesagte ernst oder ironisch gemeint ist.
Joachim wird ernst: "Während des Nachdenkens über die Auswahl der Farben wurden doch Gefühle bewegt, das spüre ich deutlich. Ich wurde plötzlich so traurig, als ob ich weinen wollte..."
Nachmittags schlendere ich hinunter ins Städtchen, um für Richard Lebkuchen einzukaufen, den er gerne ißt, und einen Blick auf die Pension zu werfen, in der ich telefonisch ein Zimmer bestellt habe. Die Bürgersteige sind größtenteils geräumt und mit Split gestreut. Das Gehen ist trotzdem recht schwierig, es ist schneidend kalt und stellenweise sehr glatt. Wie immer während des Tages herrscht reger Verkehr auf den Straßen des Ortes, nicht enden wollende Fahrzeugschlangen und der unverwechselbare Abgasgeruch der immer noch zahlreichen Zweitakt-Trabis, gelegentlich überdeckt vom Gestank von Katalysator-Fahrzeugen. Trotz des Verkehrsgewühls ist kaum eine Hupe zu hören; die Straßen können auch ohne Fußgängerüberwege oder Ampelanlagen gefahrlos überquert werden.
Auf dem Weg schließt sich eine mir noch unbekannte Klinikpatientin mit munterem Geplauder an: "Ich bin heute angekommen. Januar ist eine unangenehme Jahreszeit. Ich hatte in meinem Antrag Anfang März als Terminwunsch genannt!"
Ich antworte: "Ich habe so dringend auf den Genehmigungsbescheid gewartet, dass jeder Tag, den ich länger warten musste, eine Qual für mich war."
"So dringend war das bei mir nicht. Ich habe eine Kollegin, die erst krank, dann in Kur und dann gleich wieder krank war. Ich dachte, ich sollte mir auch eine Kur gönnen. Werden hier regelmäßig geführte Wanderungen verordnet? Darauf hätte ich Lust, so richtig mit Tempo zu marschieren!"
Sie redet lebhaft von diesen und jenen Themen, wäre lieber in einem der bekannten westdeutschen Kurorte: "Die Klinik scheint ja in Ordnung, aber man will doch Schaufensterbummel machen, in gepflegten Kurgärten Spazierengehen - das hat man doch hier alles nicht!"
"Mir gefällt es hier sehr gut. Hier ist alles so normal. Vermutlich wird sich in den nächsten Jahren Vieles verändern. Aber ich bin froh, gerade jetzt hier zu sein. Der Ort gefällt mir so, wie er ist, und ich bin nicht unternehmungslustig. Ich brauche Ruhe."
Zu meiner Erleichterung trennen sich unsere Wege wegen der verschiedenen geplanten Besorgungen schnell wieder. Ich beeile mich jetzt, um rechtzeitig für den vom Stationsarzt angekündigten Anruf zurück in meinem Zimmer zu sein.
Das Telefon klingelt zur verabredeten Zeit. Der Stationsarzt bedauert freundlich, nächtliche Abwesenheiten seien laut Klinikordnung nicht gewünscht; Ausnahmen könnten sofort Schule machen und damit den Erholungseffekt der Patienten stören. "Ich werde jedoch nicht nachprüfen lassen, ob Sie über Nacht hier im Haus sind."
"Vielen Dank!"
Ich dusche mich zum zweiten Mal an diesem Tag, wasche meine Haare, creme mich ein. Ich freue mich auf meinen Mann, möchte ihm gepflegt und attraktiv entgegentreten. Gegen Sieben klopft es an meine Tür: Richard ist eingetroffen, hat daran gedacht, einen gefütterten Mantel für mich mitzubringen. "Und einen warmen Schal, damit du nicht mehr frieren musst!"
Er bewundert mein behagliches Zimmer und begleitet mich interessiert auf einen kurzen Rundgang durch die Klinikgebäude. Ich melde mich beim Personal des Speisesaals für das Abendessen und das morgige Frühstück und Mittagessen ab: "Ich möchte gerne ausschlafen und dann mit meinem Mann etwas unternehmen...", und wir gehen hinaus zu Richards Wagen.
Wir fahren zur Pension im Ort, stellen unsere Taschen ab und gehen zum Abendessen aus. Die Unterhaltung zwischen Richard und mir kommt nur schleppend in Gang. Aktuelles wissen wir bereits aus unseren abendlichen Telefonaten. Ich spreche viel von meinen Mitpatienten, spüre aber, dass Richard keinen Bezug zum Leben in der Klinik hat.
Richard spricht über gesehene Fernsehsendungen, gibt ein Interview mit einem Komiker nahezu wörtlich wieder. Ich lache bereitwillig, empfinde jedoch während des ganzen Abends und später auch im Bett eine gewisse Fremdheit Richard gegenüber.
"Richard - es tut mir leid... aber ich fühle mich wie eingesponnen in meine Gedanken, und ich bin noch immer unsäglich müde."
"Du bist ja auch zur Erholung hier... Als ich so lange im Krankenhaus lag, hatte ich auch wenig Bezug zur Außenwelt. Wir machen uns einfach ein paar schöne Tage!"
Aus der geplanten Nacht voller Leidenschaft wird ein zärtliches Aneinanderkuscheln. Ich schmiege mich in Richards Arme und fühle mich erleichtert.
Am nächsten Morgen brauche ich zum ersten Mal seit Wochen nicht beim Alarmton eines Weckers aufzustehen. Wir frühstücken am reichlich von der Wirtin gedeckten Tisch, unterhalten von ihrem Geplauder über ihr Hobby Hundezucht, und fahren dann zur Bastei. Ich genieße Richards Gesellschaft, fühle mich geborgen, sicher und entspannt in seiner Nähe.
Uns bietet sich ein atemberaubender Anblick auf die Felsen und hinunter ins Tal, durch das sich die Elbe wie ein Rinnsal schlängelt, Fähre und Lastschiffe klein wie Spielzeuge. Nach dem Mittagessen in einem kleinen Lokal fahren wir nach Dresden.
Wie jedes Mal beeindruckt mich die Schönheit der Stadt. Entlang der schneebedeckten Elbe-Auen hunderte von Kindern, die jauchzend auf ihren Schlitten kleine Abhänge hinunter rodeln - ein entzückendes und in meiner Heimat selten gewordenes Bild, das mich an die Winter meiner Kindheit erinnert.
Es wird schon dunkel, als wir den Wagen auf dem Parkplatz vor der Semper-Oper abstellen und zum Albertinum schlendern, uns dort das Grüne Gewölbe mit seinen Preziosen und im Obergeschoß die Ausstellung der alten und neuen Meister ansehen.
Bereits beim Betreten der oberen Räume suche ich mit gespannten Blicken nach der von mir seit meinem ersten Besuch so geliebten Statue des Lastträgers als Gipsabdruck, dessen Original vor über hundert Jahren von Meunier geschaffen wurde. Ich fühlte vom ersten Augenblick an einen tiefen Bezug zu dieser Figur, deren Gestalt Kraft und Selbstbewusstsein auszustrahlen scheinen, aber auch Schmerz und Trotz. Ich versinke minutenlang in seinen Anblick und bitte dann Richard, einige Fotos von der Statue zu machen.
Während unseres Rückweges über die Brühischen Terrassen bei Dunkelheit sind wir wie bei unserem ersten gemeinsamen Besuch während unseres früheren Urlaubs gefangen vom Anblick der illuminierten historischen Gebäude, des Flusses, der Brücken. Wieder spüre ich eine seltsame Vertrautheit mit der Stadt und habe den Wunsch, einige Zeit hier zu leben und zu schreiben.
"Richard - möchtest du, dass ich dich auch zum Abendessen in der Klinik anmelde?"
"Lieber nicht - ich mache lieber solange einen Spaziergang."
Ich mache einen Alibibesuch im Speisesaal und esse etwas Obst, um nicht vom Personal als unentschuldigt abwesend gemeldet zu werden. Dann fahren Richard und ich zum gemeinsamen Abendessen in ein altes und sehr reizvolles Lokal am Marktplatz, werden wie überall sehr freundlich bedient. Nach zwei Gläsern Wein lockern sich unsere Zungen, die Unterhaltung läuft jetzt flüssig mit Unmengen von Gesprächsstoff, dem Philosophieren über Gott und die Welt.
Obwohl ich Traurigkeit spüre, als Richard am nächsten Morgen wieder abreist, bin ich doch erleichtert, noch einige Wochen in der Klinik bleiben zu können und freue mich bereits auf den geregelten Ablauf der nächsten Tage.
Richard hatte unsere Videokamera mitgebracht, Elbsandsteingebirge und Dresden gefilmt und gefragt, ob ich das Gerät hierbehalten möchte. Ich hatte alle Funktionen vergessen, ließ mir den Betrieb der Kamera vor Richards Abfahrt noch einmal erklären. Es strengte mich sehr an, seinen Worten zu folgen, mir die Informationen zu merken. Ich fühlte mich geistig so angestrengt, dass ich zu meiner Bestürzung den Impuls hatte, mir die Ohren zuzuhalten. Diese Empfindung erschreckte mich, zeigte mir, dass ich mich noch nicht im geglaubten Maß erholt habe, mein Kopf noch nicht wieder aufnahmebereit ist.
Ich spreche mit Vinzenz über diesen unangenehmen Moment. Er nickt verständnisvoll, kennt dieses Gefühl: "Wenn du dich überfordert fühltest, hättest du halt deinem Mann sagen sollen, dass er die Kamera wieder mit nach Hause nimmt. Mache doch nur, was dir keine Mühe bereitet und was dir Spaß macht!"
Vinzenz erwähnt, dass er die Bastei in Kohle gezeichnet hat. Er ist sehr stolz auf das Ergebnis, möchte es mir zeigen. Später beim Anblick des Bildes bin ich sehr beeindruckt von der Zeichnung. Er scheint ein Naturtalent zu sein. Ihm gelingen auf Anhieb Perspektiven und Tiefen. Er zeichnet mit sicheren, kräftigen Strichen aus der Erinnerung heraus bemerkenswerte Bilder, die jetzt alle an der Pinnwand in seinem Zimmer hängen.
Richard ruft abends an, und wir beteuern uns mehrmals, dass es ein wunderschönes Wochenende war. "Regine, wenn es dir recht ist, besuche ich dich noch einmal, bevor du nach Hause kommst?" "Natürlich, ich würde mich freuen!"
Wir reden über dies und jenes, dann berichte ich, dass ich meine Geldbörse vermisse: "Ich habe schon überall gesucht... vielleicht habe ich sie in der Pension liegenlassen...?"
"Dort ist sie bestimmt nicht. Ich habe vor dem Bezahlen alle Schubladen nachgesehen, damit nichts vergessen wird. Sieh doch nochmal ganz in Ruhe alle Taschen durch!"
Nach dem Ende unseres Telefonates suche ich noch einmal in Handtasche, Mantel- und Hosentasche nach der Geldbörse. Sie steckt in der Hose, die ich trage, und mir fällt jetzt ein, dass ich sie bereits vor einer Stunde gesucht und auch gefunden hatte...




