Einzelgespräch mit meinem Stationsarzt. Er fragt mich nach der Beziehung zu meinem Mann, und nachdem ich ihm von meinem früheren Ehrgeiz erzähle, es ihm in allen Dingen gleichzutun, wie er Motorrad zu fahren, wie er ein Schiff führen zu wollen und mich wie er ständig beruflich zu verbessern, um das gleiche Einkommen zu erzielen, stellt er starkes Konkurrenzdenken bei mir fest.
"Wir müssen die Beziehung zu Ihrem Vater näher untersuchen! Welche Gefühle haben Sie für ihn?"
"Ich liebe ihn!"
"Und welche Gefühle hat er Ihnen gegenüber?"
"Er liebt mich auch!"
Er lächelt: "Sind Sie sicher?"
"Absolut sicher."
"Sind Sie wirklich sicher?"
"Ja!"
„Sie konkurrieren aber unbewusst mit ihm und übertragen diese Konkurrenz stellvertretend auf Ihren Mann."
Nach diesem Gespräch sind meine Gedanken wieder einmal in großer Unordnung. Manchmal habe ich das Gefühl, ich könnte die Lösung greifen, und schon ist dieser Moment wieder vorbei. Ja, ich liebe meinen Vater, und ich bin sicher, er liebt mich - Aber er dominiert mich mit seiner energischen Art, und er nimmt kaum Notiz von meinen Meinungsäußerungen.
Die Frage des Stationsarztes zu meiner Beziehung zum Vater gehen mir nicht mehr aus dem Sinn. Ist meine Abhängigkeit von der Anerkennung meines Vaters die Fessel, die mich noch an meinen „seriösen" Beruf bindet und vor dem Wagnis eines Neubeginns zurückschrecken lässt?
Während eines früheren versuchten Gespräches über mein Buchmanuskript interessierte er sich nicht für dessen Inhalt und ging nach den Worten „Das werden ohnehin nur ein paar Betroffene lesen - mache dir also keine großen Hoffnungen!" zu einem anderen Thema über.
Auch nach dem Abendessen, während der versuchten Lektüre eines Romans, lege ich das Buch immer wieder nieder, um meinen Gedanken nachzuhängen. Weshalb nur ist es mir so wichtig, den Vorstellungen meines Vaters zu entsprechen? Er ist erfreut über meinen beruflichen Erfolg, versteht aus eigener Erfahrung, welche Anstrengungen sie erfordern. Aber welchen Stellenwert haben meine Person, meine eigene Persönlichkeit, für ihn?
Erinnerung an ein Gespräch, als ich "nur Halbtagssekretärin" war, dafür aber viel Zeit für Robin, Richard, Haushalt und mich selbst hatte. Er sagte damals zu mir: "Als ich in deinem Alter war, hatte ich schon viel erreicht!" Ich schoss dagegen "Du warst aber auch nie Zuhause!" War das vielleicht der Moment eines unbewussten Entschlusses, es ihm "zu zeigen"...
Etwas ist faul an dieser Beziehung - diesen vagen Verdacht hege ich schon lange. Ich bin bei ihm noch Kind, von ihm beeinflussbar und von seinem Lob abhängig. Aber weshalb? Ich bin doch erwachsen und habe seinen Schutz oder seine Hilfe seit vielen Jahren nicht mehr gebraucht...




