Am Mittagstisch tauscht Joachim das von ihm am Wochenanfang per Liste ausgewählte Essen mit einem verschmitzten Augenaufschlag und einigen bittenden Worten an das Serviermädchen problemlos in ein anderes Menü um. Dann spricht er von seinen Schwierigkeiten, einige Stunden allein zu verbringen: "Es hat nicht immer jemand Zeit, mit mir in meinen freien Stunden etwas zu unternehmen. Wenn das so weitergeht, rufe ich meine Frau an und bitte sie, schon jetzt wieder herzukommen... Aber diese Blöße würde ich mir nicht gerne geben..."
Er schaut überrascht auf, als ich sage, dass ich mich gestern spontan Vinzenz zum Ausflug nach Dresden angeschlossen hatte: "Da kutschieren die Zwei einfach los, ohne einen Ton zu sagen! Wir könnten auch mit meinem Wagen einen Ausflug machen - ich fahre, und jemand sagt mir, wohin!"
Ich beneidete ihn seit seines Eintreffens im Stillen um sein geselliges Wesen, seine Fähigkeit, mit jedem ins Gespräch zu kommen, und sage es ihm jetzt. Er antwortet zu meiner Überraschung: "Das ist kein reines Vergnügen für mich - immer, wenn ich mich mit jemandem unterhalte, habe ich das Gefühl, die Leute, die ich noch nicht kenne, sind noch interessanter. Ich bin ein unruhiger Mensch, immer unterwegs."
Am nächsten Tag fragt Vinzenz, ob ich Lust zu einem Ausflug in ein Café in einem nahegelegenen Aussichtsturm habe, und ich schließe mich gerne an, bestaune und genieße die ungewohnte, prachtvoll schneebedeckte Landschaft, den herrlichen Winterwald auf der Fahrt zu unserem Ausflugsziel. Wir trinken Kaffee, unterhalten uns angeregt über unsere Familien und Berufe, die Sehnsucht, noch weitere Länder und Landschaften kennenzulernen.
"Vinzenz - ich habe genauer über meine Zukunft nachgedacht, um zu festen Entschlüssen zu finden. Ich möchte mehr Abwechslung - die Spannung auf die nächsten Stunden und Tage erleben, die mir bei meinen Gedanken an die Rückkehr in meine gewohnte Umgebung so sehr fehlt. Mir wird schlecht, wenn ich an die Überbelastung denke, die im Beruf auf mich wartet. 12 Stunden Arbeit sind keine Seltenheit, als Aussertarifliche werden meine Überstunden nicht bezahlt, und vom Job geht’s direkt zum Einkaufen oder nachhause - wenn ich nicht im Stammlokal haltmache und mal auf andere Gedanken komme, ist mir dieses Leben nichts wert … Zuhause zu Zweit unterhalten wir uns kaum noch, und wenn, über Dinge, die zu tun sind."
Er sagt verstehend: "Man braucht neue Eindrücke, um seine Phantasie anzuregen und zu beschäftigen. Aber ein intaktes Familienleben ist das Wichtigste von allem. Nur wenn das Zuhause stimmt, fühlt ein Mensch sich wirklich wohl."
Wie bei jedem bis jetzt diskutierten Thema ist auch jetzt wieder seine starke Familienbindung spürbar. Seine Familie ist sein Ein und Alles. Auch ich muss wissen, wohin ich gehöre und wer zu mir gehört, jedoch nicht auf solch absolute Weise. Ich kann mir eine gut funktionierende Ehe auch oder gerade wegen längerer Trennungen sehr gut vorstellen: bewussteres Zusammenleben in den Zeiten zwischen den Abwesenheiten, interessante Gespräche über neue Eindrücke und Erlebnisse, statt in Routine zu erstarren.
Dann schaut Vinzenz leicht verlegen drein, windet sich etwas auf seinem Stuhl, und bittet mich um meine Meinung: "Entschuldige, wenn ich jetzt das Thema wechsle... aber ich überlege schon seit Tagen etwas und würde gerne hören, wie du darüber denkst?"
Er möchte sich bei einem Juwelier in der Nachbarstadt ein Ohrloch stechen lassen und dann einen kleinen goldenen Knopfohrring tragen, ist sich aber der Reaktion seiner Umwelt nicht ganz sicher. „Und ich habe Angst, dass es weh tut..."
„Ich begleite dich gerne zum Juwelier - falls du ohnmächtig werden solltest..."
Er freut sich über mein Angebot, will sich später im Laden erst nach Ablauf und Kosten erkundigen, entschließt sich dann ohne Zögern. Er strahlt, als wir den Laden verlassen, und setzt seine schwarze Baskenmütze in kecker Schräge auf den Kopf.
Wieder in meinem Zimmer, setze ich spontan meinen PC in Betrieb, rufe mein Tagebuch auf, das ich in den letzten Tagen nur sehr unregelmäßig geführt hatte, und halte meine Zukunftsträume fest, spüre dabei in mir eine angenehme Spannung beim Gedanken, die Zeilen in späteren Jahren wieder zu lesen und vielleicht verwirklicht zu sehen.
Möglicherweise werde ich aber auch leise oder wehmütig über die in einem vom Alltag und seinen Pflichten losgelösten Zustand geborenen Phantasien lächeln, vielleicht froh sein, einer sicheren Beschäftigung nachzugehen und einer genau berechenbaren Rente entgegenzuleben...




