Der Massagetermin am nächsten Morgen ist erfrischende Abwechslung von den allseits gegenwärtigen Gefühlswogen, Geplauder mit der netten Masseurin, Ruhen. Auf dem Rückweg von der Bäderabteilung treffe ich Vinzenz in der Halle. Er ist auf dem Weg zum Klinik-Cafe, und ich schließe mich an. Wir trinken gemeinsam Kaffee und bewundern die weiße Pracht draußen. Der Schnee häuft sich bis zu halber Fensterhöhe außen auf dem Sims, verdeckt schon teilweise die Sicht ins Freie. Ich denke an meine Arbeit in der Firma: "Dort auf dem Gelände wäre dieser Schnee bereits wieder ein Problem. Hier kann ich mich unbefangen über das veränderte Bild freuen, ohne an die Organisation der Schneeräumung denken zu müssen."
Vinzenz sagt spontan: "Du scheinst dort aber auch jeden Mist am Hals zu haben!"
"Diese Dinge gehören mit zur Werksverwaltung - aber beim Gedanken daran, dass dies bis zum Rentenalter meine Aufgaben sein könnten, wird mir schlecht!"
„Dann ändere doch etwas!"
"Das will ich ja - ich weiß genau, was ich in Zukunft tun will: Schreiben! Aber der Entschluss zur Kündigung fällt mir unglaublich schwer - es wäre ein Schritt in ungewisse finanzielle Verhältnisse, und ich habe Angst davor...
In manchen Momenten halte es für am einfachsten, nach meiner Rückkehr wieder im Betrieb anzutreten und mich in die Dinge zu fügen oder mich nach einem anderen Arbeitsplatz im Unternehmen umzusehen, der mich nicht ständig überfordert. Ich bin buchstäblich hin- und hergerissen - nach so langer Zeit kennt man Alles und Jeden dort und hat bestimmte Privilegien..."
"Mach einfach in Zukunft etwas Neues - wer nicht wagt, der nicht gewinnt!"
„Ich brauche noch etwas Zeit zum Nachdenken... Mein armer Kopf! Ich gehe am besten jetzt wieder in mein Zimmer."
"Ich bleibe noch hier im Café. Gleich kommt noch eine neue Patientin aus deiner Gruppe, so eine Kleine, Dünne, ganz Stille - sie ist am Neujahrstag mit in meinem Auto zum Orgelkonzert gefahren. Sie hat sich allein auf die hinterste Kirchenbank gesetzt... Sie sah so schutzbedürftig aus... Und gestern waren wir zusammen in Meißen. Nicht allein. Es war noch eine andere Patientin mit... Wir haben uns prima unterhalten! Am Wochenende wollen wir ins Elbsandsteingebirge, zur Bastei!"
Während meines anschließenden Spazierganges über die Feldwege der Umgebung begegne ich anderen Patienten, Einzelgänger wie ich. Wir nicken uns im Vorübergehen kurz zu, wollen in unseren Gedankengängen nicht gestört werden. Ich rauche im Laufen Kette und schäme mich dafür und wünsche mir eine Anlaufstelle innerhalb der Klinik, einen Ort, den ich aufsuchen kann, wenn ich glaube, mich nicht beherrschen zu können, und wo ich jederzeit andere Patienten treffen könnte, die mein Verlangen nach Nikotin verstehen, und mit der Hilfe eines Therapeuten gemeinsam kritische Momente zu überstehen.
Ich schwanke innerlich, will Zigaretten und Feuerzeug im Schnee vergraben, und spüre doch, daß es kein endgültiger Entschluß wäre. Ich bin noch zu unruhig, um auf die gefühlsdämpfende Wirkung des Nikotins verzichten zu können.
Eine mir flüchtig bekannte Patientin kommt mir entgegen und bleibt stehen. Sie stößt in klagendem Tonfall hervor: "Ich fahre am Donnerstag! Ohne Verlängerung! Ich habe verstanden, was man mir hier sagen will: Man will mich unter "süchtig" einordnen... Mein eigentliches Problem ist jedoch, seit Jahren ein Mobbing-Opfer in meiner Behörde zu sein. Deshalb nehme ich Beruhigungsmittel und bin von ihnen abhängig geworden!"
Dann, resigniert: "Ich werde um Versetzung an eine andere Dienststelle ersuchen - ich bin kein Mensch, der sich gegen andere erfolgreich durchsetzen kann. Ich kann diese Leute einfach nicht mehr sehen. Ich mache einen neuen Anfang!"




