Es hatte in den Morgenstunden zu Schneien begonnen, plötzlich und sehr heftig. Ich ziehe nach dem Frühstück meinen leichten Mantel über, wundere mich wieder über mich selbst, wie ich bei der Abreise von zu Hause die Jahreszeit und das Mitnehmen meines Wintermantels und das Aufziehen der Winterreifen meines Wagens vergessen konnte, schlinge einen Schal um den Kopf und mache mich auf zu einem Spaziergang. Durch das dichte Schneetreiben sind die Umrisse der umliegenden Gebäude nur undeutlich erkennbar. Der Boden ist bereits mit einer dichten Schneedecke bedeckt, die Pfosten der Gartenzäune tragen hohe weiße Hauben. Es herrscht eine merkwürdig gedämpfte Stille, die meiner Stimmung zu entsprechen scheint.
Die Zeit zwischen Mittag- und Abendessen vertreibe ich mir mit dem Lesen eines heiteren Romans, in dessen Erfassen sich immer wieder undeutliche Bilder meiner Grübeleien einschleichen, die ich energisch verdränge, um meinem Gehirn und meinen Gefühlen wenigstens einige Stunden Erholung vom angestrengten Nachdenken zu geben.
Nach Richard Anruf gegen Acht klingelt das Telefon noch einmal: "Mutti?"
Mein Sohn! "Robin! Geht es dir gut? Ich habe mir solche Sorgen gemacht, als ich so lange nichts von dir hörte und noch nicht einmal wusste, wo du dich aufhältst! Beinahe wäre ich nach Australien geflogen, um dich zu suchen! Ich hatte das Gefühl, als ob du Hilfe brauchst..."
"Die letzten Monate waren sehr schwer für mich, Mutti... Ich möchte nicht darüber sprechen - vielleicht später einmal... Jetzt geht es mir aber besser; ich arbeite und verdiene eigenes Geld. Mein Arbeitsverhältnis ist zwar befristet bis September, aber ich finde bestimmt dann wieder etwas Neues. Wie geht es dir?"
Wir unterhalten uns eine Weile, dann spüre ich, dass er unruhig wird, und frage nach dem Grund. "Das Gespräch wird vielleicht zu teuer..." "Ich rufe dich zurück! Das bist du mir wert!"
"Es ist schön, dass du das sagst. Ich habe ein schlechtes Gewissen... Ich habe dir und Richard viel Kummer bereitet..."
"Mach dir keine Gedanken um uns, Robin! Ich habe dich sehr lieb! Konzentriere dich jetzt nur auf dich! Sage mir jetzt bitte deine Telefonnummer."
Ich rufe ihn zurück, und wir sprechen noch über eine halbe Stunde. Er erzählt erst von seinen Halbgeschwistern, dann von Schwierigkeiten im Umgang mit dem Vater: "Er sagt, ich bin zu verweichlicht. Er will unbedingt einen ganzen Kerl aus mir machen... Aber ich bin nicht wie er... Ich habe jetzt eine eigene Wohnung."
Nach unserer Verabschiedung spüre ich noch lange unserer Unterhaltung nach, fühle grenzenlose Erleichterung, dass Robin beginnt, sein Leben selbst in die Hand zu nehmen. Im Puzzle meiner Gedanken fügt sich ein weiteres Teil an seinen richtigen Platz.




