Der letzte Abend des Jahres. Wieder ein besonderes Angebot an kalten und warmen Speisen, festliche Kleidung der Essenteilnehmer. Lebhafte Unterhaltung und Verabredungen für den Abend zur Teilnahme an der von einem aus Patienten zusammengesetzten "Vergnügungskomittee" vorbereiteten Party mit alkoholfreien Getränken in der geräumigen Cafeteria der Klinik oder gemeinsamer Fahrt zum Orgelkonzert in einer Kirche der Nachbarstadt. Vinzenz will das Konzert besuchen. Er fragt mich: „In meinem Auto ist noch Platz. Möchtest du mitfahren?"
"Danke für das Angebot. Ich möchte lieber hierbleiben und nachdenken - aber zwei Frauen aus meiner Stationsgruppe sagten heute Morgen, dass sie noch eine Mitfahrmöglichkeit suchen!"
"Sag ihnen Bescheid, dass ich pünktlich um 20 Uhr am Haupteingang abfahre!"
Ich möchte diesen Abend allein verbringen. Nach dem Abendessen schreibe ich in meinem Zimmer Neujahrsgrüße an die Personen, die mir ebenfalls Grußkarten schickten, die jetzt an meiner Pinnwand hängen: an meinen Vater, eine meiner Kolleginnen, meine Freundin Carola, an Richards und meinen gemeinsamen Freund Herbert und dessen Frau.
Dann schreibe ich Karten an meine Mutter, meine Schwester, Richards Eltern, die Familien seiner Schwestern, und einige enge Freunde, mit denen Richard und ich viele gemeinsame Erlebnisse hatten. Ich zögere lange, diese letzten Karten zu kuvertieren. Keiner dieser mir vermeintlich nahestehenden Menschen hatte mich seit meiner Ankunft in der Klinik angerufen, mir eine Karte geschrieben, oder mir wenigstens Grüße über Richard ausrichten lassen.
Beziehungen, die zu klären sind... Ich zerreiße die Karten und werfe sie in den Papierkorb.
Ein Blick auf die Uhr überrascht mich: eine halbe Stunde vor Mitternacht. Jetzt habe ich wieder den dringenden Wunsch, zu rauchen, ziehe den Mantel über, drehe die Heizung höher und öffne das Fenster weit. Ein Knie auf dem davorstehenden Sessel, die Arme auf der hohen Fensterbank abgestützt, lehne ich mich etwas hinaus und zünde eine Zigarette an. Dabei beruhige ich mein schlechtes Gewissen wegen des Übertretens der Klinikordnung. Ich brauche die Zigaretten jetzt, um meine Missstimmung über die Erkenntnis meiner einseitigen Kontaktbestrebungen zu betäuben.
Richard ruft wie verabredet nach Mitternacht an, hat nach vielen vergeblichen Versuchen eine freie Leitung erwischt: "Alles Gute zum Neuen Jahr, Regine! Ich bin zu Hause, Bobby liegt auf meinen Füßen - der Abend war sehr viel schöner als in den letzten Jahren, als wir Partys besuchten und uns krampfhaft in Stimmung tranken, bis es endlich 12 war! Und noch schöner wäre es natürlich mit dir zusammen gewesen!"
"Alles Gute, Richard! Im nächsten Jahr verbringen wir den Abend gemeinsam!"
Gegen zwei Uhr, als ich gerade einschlafen will, klingelt das Telefon noch einmal. Die diensthabende Ärztin ist am Apparat, wünscht ein frohes und gesundes Neues Jahr, und fragt: "Geht es Ihnen gut? Ich habe Sie den ganzen Abend nicht gesehen!?"
Ich versichere ihr, mich absolut wohl zu fühlen, einfach das Bedürfnis nach Alleinsein gehabt zu haben.
"Dann ist ja alles in Ordnung. Gute Nacht!"




