Die nächsten Tage vergehen wie im Flug. An jedem Vormittag finden auf den Stationen "offene Gruppen" statt, die Teilnahme ist freiwillig, es ergeben sich Gespräche über Gott und die Welt. Die anwesenden Ärzte haken nicht auf die übliche Weise nach, verwickeln niemanden in Gespräche über persönliche Konflikte; alle Patienten sollen sich geborgen und betreut fühlen, um mit der Abwesenheit von zu Hause an diesen bedeutungsvollen Tagen der Jahreswende besser zurechtzukommen.
Nachmittags finden die Anwendungen der Bäderabteilung sowie einzelne Spezialgruppen wie üblich statt, so auch die Suchtgruppe, in der sich Ellens "Patenkind" zu einem der Wortführer entwickelt hat. Er arbeitet aktiv in einer Initiative der Anonymen Alkoholiker seiner Heimatstadt mit und scheint seine Rolle des Geläuterten und die ihm dafür von allen gezollte Hochachtung sehr zu genießen.
Während der letzten "Gruppe" wurden drei junge Frauen, fast noch Mädchen, gebeten, heute ausführlicher über ihr Leben zu berichten. Sie sprechen sehr freimütig von ihren Süchten - Alkohol, Drogen, Medikamente, Übergewicht, Magersucht - alle drei sind hier, um neue Lebensperspektiven zu gewinnen.
Mich erschreckt die Ähnlichkeit ihrer Schicksale: Kinder zerbrochener Ehen, von ihren Eltern mit ihren Ängsten alleingelassen, die Eltern selbst in ihre Auseinandersetzungen, Frustrationen und finanziellen Sorgen verstrickt. Ich bin tief berührt, voller Mitleid, denke an meinen Sohn, der so viele Jahre auf seinen eigenen Vater verzichten musste, mit Richard um meine Liebe kämpfte - bis mir bewusst wird, dass in mir selbst auch heute noch ein solches verletztes Kind steckt, das beide Eltern liebte und nach deren Scheidung vor dem abendlichen Einschlafen viele Monate lang mit unter der Bettdecke gefalteten Händen flehentlich Gott darum bat, dass mein Vater zu uns zurückkäme.
Irgendwann spürte ich die Endgültigkeit der Trennung, überdeckte meine Verzweiflung dadurch, daß ich mir immer wieder sagte, dass meine Eltern zu verschieden seien, um zusammenzuleben. Ich litt unter einem immer wiederkehrenden Traum: Zusammen mit meiner damals besten Freundin verbrenne ich meinen Vater in einem riesigen Ofen.
Dann mein Schulversagen, Nichtversetztwerden in der Quarta des Gymnasiums. Die Entscheidung meines Vaters, die Klasse nicht zu wiederholen, sondern eine kaufmännische Lehre zu beginnen. Mein Verweigerung auch im Betrieb, zu Beginn meiner Ausbildung knapp 14 Jahre alt, der Widerwille, den ganzen Tag mit Erwachsenen zusammen zu sein, mit Akten zu arbeiten, die mir nichts bedeuteten. Mein monatelanges Fernbleiben von der Berufsschule während eines Krankenhausaufenthaltes meiner Mutter.
Einige Jahre später der Anschluss an eine Halbstarkenbande, als eine der Mitläuferinnen krimineller junger Männer, der darin gipfelte, dass mir von der örtlichen Kriminalpolizei Fingerabdrücke abgenommen wurden. Mein Vater holte mich vom Betrieb ab und fuhr mich zu diesem Termin, überhäufte mich mit Vorwürfen, klagte mich an, seinen guten Ruf zu ruinieren. Meine damalige Freundin Monika, als 14Jährige mit ihren Eltern aus Thüringen in die BDR eingereist, träumte von einer Rückkehr an ihren Heimatort und fragte mich oft, ob ich mit ihr zu ihrer dort lebenden Oma kommen wolle. Sie habe bereits gefragt: Ich sei dort ebenfalls willkommen. Während der Vorwürfe meines Vaters rufe ich trotzig aus: „Ich haue hier ab! In die DDR! Mit Monika!"
Mit seiner bestimmten Antwort nimmt er mir den Wind aus den Segeln: "Untersteh dich! Du bleibst hier!"
Mein Halt während dieser Zeit war eine Chefin, die meine Leistung schätzte, über mein häufiges Zuspätkommen oder sogar Fernbleiben hinwegsah, mir das Gefühl gab, trotzdem ihre Sympathie zu besitzen. Mein Dank an sie war meine uneingeschränkte Bereitschaft zu Leistung und Überstunden in Zeiten hohen Arbeitsanfalls, für die sie mich lobte, und die sie mit großzügigen Zeitzuschlägen gegen Fehlstunden verrechnete.
In mir steigen Aggressionen gegen meine Eltern auf, gegen die mir als Kind durch ihre Trennung zugemuteten seelischen Belastungen, den Umzug aus dem verkauften Elternhaus, und in meinen Augen brennen heiße Tränen beim Gedanken an Robin, dessen seltene und sehr zaghafte Gefühlsäußerungen über unseren fehlenden Familienzusammenhalt ich nicht als Hilferuf erkannte, weil ich die Situation als gewohnt empfand.
Am Ende der Gruppe bin ich völlig aufgewühlt und nicht mehr in der Lage, den anschließenden Vortrag meines Oberarztes über zwischenmenschliche Kommunikation in mich aufnehmen zu können. Die Teilnahme an diesen regelmäßigen Spätnachmittagsveranstaltungen ist freiwillig. Ich entschuldige mich trotzdem beim Oberarzt, erkläre ihm, dass mein Kopf durch die vorausgegangene Gruppe zu voll sei, um noch mehr Eindrücke verarbeiten zu können. Er nickt freundlich: "Das ist in Ordnung - ich freue mich, dass Sie Nutzen aus unserem Angebot ziehen können!"
In der Nacht dieses Tages rauche ich am offenen, der übrigen Klinik abgewandten Fenster meines Zimmers zahllose Zigaretten, starre über die dunklen Dächer der Stadt hinüber zum Berghang, auf dem sich kleine Lichtpunkte, Scheinwerfer von herabfahrenden Autos, langsam abwärtsbewegen. Gegen 2 Uhr leere ich die als Aschenbecher auf der Fensterbank abgestellte Schale mit Zigarettenkippen in eine Papiertüte, gehe hinunter und durch eine der von innen zu öffnenden Seitentüren nach draußen und werfe sie in einen Abfalleimer.
Auch dann finde ich keinen Schlaf, stehe immer wieder auf, um mein blasses Gesicht vor dem Spiegel im Badezimmer intensiv zu betrachten, mir unendlich lange die Haare zu bürsten, mit wilden, wütenden Strichen erst, dann sanfter, bis ich endlich Müdigkeit verspüre, mich im Bett unter der warmen Decke zusammenkauere und in unruhigen Schlaf hinüberdrifte.




