In meinem Zimmer fällt mein Blick auf den eingeschweißten Tonquader. Ich spüre plötzlich große Lust, mit dem Material zu arbeiten. Der Nachmittag steht zur freien Verfügung, und ich trage den schweren Klotz hinüber in einen der jetzt leeren Kreativ-Räume. Der ursprünglich geplante Raubkatzenkopf scheint mir nicht mehr interessant. Ich sitze einige Zeit entspannt vor dem Material, versuche dann, es weich zu kneten und damit geschmeidiger zu machen.
Der Quader wiegt mehrere Kilo, und die Kraft meiner Hände reicht nicht aus, um ihn zu verformen. Ich suche in den Schubladen nach einem Schneidedraht und teile das hellbraune Material in zwei etwas ungleiche Hälften, nehme eine der Hälften auf und erwärme sie durch sanftes Kneten der Außenflächen. Ich spüre den Empfindungen der dritten und letzten Veranstaltung des "meditativen Malens' nach, dem Partnerspiel, während dem zwei Personen sich mit erhobenen, geöffneten Händen gegenüberstanden, sich mit Blicken verständigten, wer den Anfang macht. Dann versuchten wir, wie vor einem Spiegel stehend den Handbewegungen des jeweils anderen zu folgen, oft begleitet von überraschtem Gelächter bei unvermutet gewechselten Positionen.
Wie ohne mein Zutun entsteht die grobe Form einer offenen Hand. Hände! Offene Hände, die sich berühren können. Nähe. Freiwillige Nähe von verschiedenen eigenständigen Menschen mit eigenem Fundament...
Auf den unbefestigten Bürgersteigen rund um das Klinikgelände hatte ich kleine Steinhaufen gesehen, Granitwürfel, teilweise mit Erde bedeckt und mit Gras bewachsen, zu irgendeinem früheren Zeitpunkt wohl für die Pflasterung der Wege bestimmt, die mittlerweile mit modernen Verbundsteinen belegt wurden. Ich gehe hinunter und suche zwei Steine aus, nehme sie mit hinauf in den Kreativraum, wasche und trockne sie ab.
Während ich die zweite Hälfte des Tons durch leichten Fingerdruck zu einer weiteren Hand knete, betreten einige andere Patienten den Raum, grüßen leise, setzen sich und sehen mir schweigend zu. Ich stelle die beiden Formen aufrecht auf die beiden Granitsteine und einander gegenüber auf eine drehbare Töpferscheibe, eine Hand etwas größer geraten, die andere etwas kleiner, sehr nah zusammen, so dass sich die Fingerspitzen leicht berühren. Beim Betrachten verspüre ich eine tiefe innere Ruhe.
Es herrscht immer noch Schweigen. Eine Patientin sagt leise: "Darüber könnte man lange nachdenken..."
Eine andere: "Wollen Sie damit Ihre eigenen Gefühle ausdrücken?"
"Ja - zuerst wohl unbewusst, aber jetzt fühle ich, dass ich die neue Beziehung zwischen meinem Mann und mir sichtbar gemacht habe... Wir kämpfen nicht mehr gegeneinander. Wir wollen die gegenseitige Nähe spüren - und sind gleichzeitig zwei eigenständige Persönlichkeiten... Nähe... und gleichzeitig genügend Distanz, um uns unabhängig voneinander bewegen zu können..."
"Ein interessanter Gedanke, der sich nicht nur auf Sie beide beschränken sollte... diese Hände könnten Symbol für harmonische Beziehungen zwischen Menschen und Völkern der ganzen Welt sein: sich ohne Aggressionen zu achten und Stärke zu geben, statt mit Fäusten oder Waffen zu drohen - oder die Hand aufzuhalten und Bittsteller zu sein!"
Unsere philosophischen Überlegungen werden abrupt unterbrochen durch das Eintreten zweier lebhafter Frauen, die sich interessiert im Raum umsehen und deren Blick dann an meinen Ton-Händen hängenbleibt. Eine fragt: "Was ist das? Strickhandschuhe? Bücherständer?"
"Es sind Hände."
"Ah ja! Jetzt sehe ich es auch - und die Steine? Die Steine sind wohl die Hemdmanschetten?"
Es ist sinnlos, den alten Faden in ihrer Anwesenheit aufzugreifen, die Stimmung ist verflogen. "So kann man es auch sehen..."
Ich setze die beiden Objekte vorsichtig um auf eine kleine Arbeitsplatte auf einem Sideboard, decke sie mit Plastikfolie ab, um den Ton in den nächsten Tagen langsam trocknen zu lassen und später irgendwie fest auf ihre Sockel zu montieren.
Wir beginnen, in den Schubladen nach Karton, Scheren und Farben zur Herstellung von Neujahrskarten zu suchen, entsprechend einer Bitte aller Kliniktherapeuten an ihre Patienten: "Es ist kein Muss, und Sie werden vielleicht nicht erfahren, wer die Karte erhält - versuchen Sie einfach, einem Unbekannten eine Freude zu machen, ohne nur die Zweckmäßigkeit zu sehen!"
Ich nehme mir ebenfalls Material; die Unterhaltung ist jetzt lebhaft und heiter, wir zeigen uns gegenseitig die unterschiedlichsten Motive. Ich bin überrascht von der Vielfalt der Ideen und der liebevollen und sorgfältigen Ausführung und Dekoration.
Beim abschließenden Betrachten meiner eigenen Karte, auf der durch eine ausgeschnittene Palette verschiedene Farben mit den Worten Zufriedenheit, Vertrauen, Liebe, Hoffnung und Zuversicht leuchten, wird mir der Unterschied zwischen während hastiger Einkäufe "besorgter" vorgefertigter Karten und dem heutigen Wohlfühlen während des entspannten Zeichnens ohne Zeitdruck in angenehmer Umgebung deutlich. Ein Bad in sanften Gefühlen, ähnlich einem Schaumbad in warmem Wasser...
Zum Abendessen sitzt Vinzenz wieder auf seinem Platz, erzählt aufgeräumt von seinem "Urlaub", seiner Frau und den beiden Töchtern: "Es war wunderschön! Aber jetzt bin ich wieder hier und will weiter an mir arbeiten! Das Bild, das ich meiner Frau geschenkt habe, habe ich wieder mitgebracht. Ich möchte es dem Kunsttherapeuten zeigen - ich glaube, dass ich mich noch steigern kann! Und außerdem habe ich mir eine elektrische Schreibmaschine für meine Wochenberichte gekauft. Meine Frau wünscht sich schon sehr lange eine. Sie wird sich freuen!"
Vinzenz! Ein Kapitel für sich! Er ist mit seinem Auto zurückgekommen, will unabhängig von Bus oder Bahn die weitere Umgebung erkunden.
"Du kannst gerne mitfahren - morgen sehe ich mir das Elbsandsteingebirge an."
Ich mag ihn sehr, seine kompromisslose Art, sich auszudrücken, kann sein freundliches Angebot ohne Angst, ihn zu verletzen, ablehnen: "Vielen Dank, Vinzenz - aber mir ist im Moment nicht nach Unterhaltung und Besichtigungen; ich denke lieber in Ruhe über mich nach."
"Es war nur ein Angebot. Sag einfach Bescheid, wenn du irgendwann Lust hast, mal etwas Anderes zu sehen!"
"Ich komme vielleicht darauf zurück."
Joachim und seine Frau boten ebenfalls wiederholt Mitfahrgelegenheit an: "Wir sind froh über Gesellschaft."
Auch nach der Abreise seiner Frau fragte Joachim mehrmals am Tisch, wer Lust auf eine gemeinsame Unternehmung habe. Ich schloss mich regelmäßig aus.
Joachim gefällt mir. Er ist attraktiv, immer bereit zu einem offenen Gespräch, gelegentlich entspinnt sich einer kleiner Flirt, herzlich und unverfänglich. Seine Ausstrahlung wirkt sichtlich auf viele der anwesenden Frauen; Keine Mahlzeit vergeht, ohne dass nicht wenigstens eine an unseren Tisch kommt, ein kokettes Gespräch mit ihm beginnt.
Am nächsten Morgen zeigt uns Vinzenz die von ihm gestaltete Neujahrskarte: ein verschlafenes kleines Städtchen fünf Minuten vor 12, und eine zweite Ansicht um 12, mit farbenprächtig über den Dächern explodierenden Raketen. "Ich habe es wieder nummeriert - siehst du: Nummer 2. Ich werde in Zukunft alle Bilder, mit denen ich zufrieden bin, mit einer fortlaufenden Nummer versehen!"
"Schreibst du dir irgendwo auf, welches Motiv welche Nummer trägt?"
"Das brauche ich nicht. Ich habe das alles im Kopf. Du weißt doch: fotografisches Gedächtnis!"
Nach einer Pause sagt er zögernd: "Ich möchte aber unbedingt wissen, wer meine Karte bekommt... Es fällt mir sehr schwer, sie aus der Hand zu geben - es ist doch ein Stück von mir..."
"Wenn sie dir so sehr gefällt, behalte sie doch einfach und gebe eine andere ab."
"Nein - ich habe sie für diesen Zweck gemalt, und deshalb gebe ich sie auch ab. Vielleicht erfahre ich ja am nächsten Tag, wer sie bekommen hat. Ich werde vorschlagen, dass alle Karten an den Pinnwänden der Wohnzimmer ausgehängt werden, dann gehe ich einfach durch die Stationen, und wenn ich sie sehe, frage ich dort, wem sie gehört!"
Ich muss innerlich lächeln, aber wie alle hier habe ich größten Respekt vor den Gefühlen anderer Patienten.
"Wenn ich sie irgendwo sehe, sage ich dir Bescheid."
Er lächelt mich verlegen an: "Du denkst sicher, dass ich mich kindisch verhalte?"
"Nein, ich würde auch gerne sehen, wie der Empfänger auf meine Karte reagiert - und ich hätte sie am liebsten an meinen Mann geschickt!"




