Burnouts - Die Mackenburg

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Burnouts - Die Mackenburg Kapitelübersicht 48. Kapitel KLAMMERN UND ABWEHR

48. Kapitel KLAMMERN UND ABWEHR

   Schon seit einigen Tagen führte nahezu jedes Gespräch mit Ellen unweigerlich zu ihrer nicht enden wollenden Klage gegen eine Mitpatientin, die sie als ihre Freundin bezeichnet, von der sie sich aber jetzt im Stich gelassen fühlt: "Sie hat ein schweres Schicksal! Ich wollte, ich dürfte dir erzählen, was ich von ihr weiß. Ich habe sie so gebeten, es auch dir zu erzählen - aber sie zieht sich immer mehr von mir zurück... Sie braucht mich doch! Sie ist auch Ostdeutsche. Und sie muss dir unbedingt sagen, was sie erlebt hat! Selbst ihr Therapeut weiß nicht Bescheid! Sie hat zugesagt, heute Nachmittag mit uns spazieren zugehen. Wir kennen einen sehr schönen Weg zu einem außerhalb liegenden Lokal - und dann muss sie mit dir sprechen!"

   "Nein, sie muss nicht mit mir sprechen - wir machen uns einfach einen schönen Nachmittag. Wie weit ist es?"

   "Es ist nicht weit!"

   Wir treffen uns an einem der Ausgänge und gehen über den durch die Hangwiesen hinter der Klinik hinaufführenden Weg. Ellens Freundin erzählt lebhaft spaßige Episoden von Familie, Kindern, Enkelkindern. Wir gehen längere Zeit durch ein Waldstück, treffen nach mehreren Kilometern in einem kleinen Jägerhaus-Restaurant ein, bestellen Tee. Ellen spricht drängend auf ihre Freundin ein: "Du musst es Regine erzählen! Bitte erzähle ihr deine Geschichte! Sie ist fast unglaublich!" Die Freundin weicht mit Scherzen aus, lenkt jedes Mal zu neuen Themen.

   Es wird allerhöchste Zeit, den Rückweg anzutreten, um rechtzeitig wieder in der Klinik zu sein. Es ist bereits dunkel. Wir bezahlen und gehen schnellen Schrittes los, kommen bergab besser vorwärts als auf dem Hinweg. Als wir oberhalb unserer Klinik aus dem Wald heraustreten, will Ellens Freundin nicht über den Weg durch die Wiesen hinuntergehen: "Es ist so windig - seid ihr einverstanden, einen Umweg durch den Ort zu machen?"

   Die Klinik liegt greifbar nahe, stattdessen folgen wir ihr, die einen weiten Bogen schlägt und uns eine weitere Stunde auf einem großen Umweg durch den Ort wieder zur Klinik führt. Wir gehen hintereinander, unterhalten uns nicht mehr. Meine Knöchel schmerzen stark vom ungewohnt weiten Laufen. Ich bin innerlich ärgerlich und nehme mir vor, auf künftige gemeinsame Wanderungen zu verzichten.

   Die Türen sind bei unserem Eintreffen bereits verschlossen; auf unser Klingeln öffnet eine Stationsschwester: "Gut, dass Sie da sind. Wir haben uns schon Sorgen gemacht!" Laut Hausordnung sind Abwesenheiten von voraussichtlich mehr als zwei Stunden unter Vermerk der voraussichtlichen Rückkehr in ein Buch einzutragen, das je Station auf einem Tischchen vor dem Schwesternzimmer ausliegt. Wir entschuldigen unsere Verspätung mit "Verlaufen" und trennen uns. Ein merkwürdiger Abend.

   Nach einer halben Stunde klingelt mein Telefon: Ellen. Sie glaubt, mir unbedingt die Geschichte ihrer Freundin erzählen zu müssen. Ich schwanke zwischen Abwehr und Neugier und wehre deshalb nur halbherzig ab, als Ellen wie getrieben weiterspricht. Ich bin schockiert von dem, was sie sagt: "Ihr Mann ist Wissenschaftler und seit Monaten verschwunden. Sie und ihre beiden Söhne werden von einem Geheimdienst kontrolliert - man will von ihr wissen, wo ihr Mann ist. Die ganze Familie wird ständig bedroht! Sie hat einen Selbstmordversuch hinter sich, weil sie den Druck nicht mehr aushalten konnte - und hier hat sie Angst, mit ihrem Arzt über ihr Problem zu sprechen... Man könnte ihr hier helfen, wenn sie Menschen an sich heranließe - aber sie wehrt jeden ab!"

   Ich bin entsetzt. "Ellen! Weshalb hast du mir das nicht früher gesagt? Ich wäre niemals mit dieser Frau kilometerweit durch fast menschenleeres Gelände gelaufen, wenn ich das gewusst hätte! Wenn diese Geschichte stimmt, waren wir vielleicht alle in Gefahr!"

   Ellen ist so gefesselt vom Schicksal dieser Frau, dass meine Worte sie überhaupt nicht erreichen. Ihr Redefluss nimmt kein Ende: "Sie und einer ihrer Söhne planen einen Urlaub in Marokko. Dort ist bestimmt auch ihr Mann! Sie treffen sich dort!"

   "Ellen! Ich möchte dir jetzt nicht länger zuhören. Ich weiß nicht, ob das alles wahr ist. Ich möchte nicht stundenlang mit dir darüber sprechen!"

Sie beendet sofort das Thema. "Es tut mir leid, Regine. Ich spüre, dass dir mein Gerede zu viel wird... Immer mache ich mit meinem Geschwätz alles kaputt!"

   "Lass es gut sein. Du sorgst dich um sie. Zuviel, meiner Meinung nach. Du regst dich zu sehr über andere Schicksale auf, willst immer helfen. Wenn sie das mit sich allein ausmachen will, dann laß sie doch!"

"Ich werde dich nicht mehr damit belästigen. Schlaf gut, meine liebe Regine!"

"Schlaf gut, Ellen. Bis morgen früh!"

   Am nächsten Morgen erscheint Ellen bis zum Ende der Frühstückszeit nicht im Speisesaal. Auf dem Rückweg zu meinem Zimmer schaue ich bei ihr vorbei, will sehen, was sie vom Kommen abhielt. Ihre Augen sind verweint, ihr Mund zittert. Ihre vermeintliche Freundin hat das ihr von Ellen am Weihnachtstag überreichte Geschenkpäckchen über Nacht unausgepackt und ohne Erklärung vor Ellens Zimmertür abgelegt.

   Ellen zeigt mir einen Briefentwurf, viele Seiten lang: "Sie muss mir erklären, weshalb sie mich derartig verletzt! Ich schreibe ihr das! Regine, bitte lese den Entwurf - sage mir, ob er so in Ordnung ist!" Ich werfe einen Blick auf die erste Seite, erfasse ein völlig ungeordnetes Schriftbild, kann nicht erfassen, was sie mit der ausufernden Schilderung ausdrücken will.

   "Ellen, hast du versucht, mit deiner Freundin zu sprechen oder sie in ihrem Zimmer anzurufen? Es wäre doch sicher viel einfacher, du fragst sie direkt nach den Gründen!"

   "Ich war schon bei ihr - sie hat keine Miene verzogen und mir gesagt, ich solle das einfach so akzeptieren... Das kann sie doch mit mir nicht machen!"

   Ich denke jetzt mit leisem Unbehagen an den zwischen ihr und meinem Kollegen vermittelten Kontakt. Ellen rief ihn am Weihnachtstag zu Hause an, um ihm zu sagen, dass sie Brief und Foto abgeschickt habe, und in der heimlichen Hoffnung, er möge einen Besuch hier in der Klinik ankündigen. Nach dem Telefonat sagte sie mir, dass er sich recht reserviert verhalten habe: "Es schien so, als ob ihm mein Anruf nicht recht war... Er sagte, dass er die Feiertage mit seinen Töchtern verbringen und auf das Eintreffen meines Briefes warten würde..."

   Ich versuchte, sie damit zu trösten, dass mein Kollege ein sehr vorsichtig handelnder Mensch sei, der sicher nichts überstürzen wolle, bin aber jetzt regelrecht bestürzt über ihr Verhalten, ihr Anklammern an eine Klinikbekanntschaft, die sehr deutlich ihren Willen ausdrückte, die Beziehung zu beenden.

   "Ellen, du wirst krank, wenn du dich derartig in einen solchen Gefühlsaufruhr hineinsteigerst! Behalte doch deine Kraft für dich, statt dich ständig um Andere zu sorgen! Möchtest du mit mir Spazierengehen?"

   "Ja, lass uns hinaus an die Luft gehen. Mein Herz brennt wie Feuer!"

Unterwegs spricht sie pausenlos, entschuldigt sich immer wieder: "Ich habe keinen Funken Selbstbewusstsein in mir - wenn mich jemand zurückweist, meine ich immer, die Welt geht für mich unter... Regine, du bist so stark! Du würdest ganz anders handeln - ich beneide dich so sehr!"

   "Du brauchst mich nicht zu beneiden - ich bin selbst Patientin, weil ich Fehler gemacht habe..."

   Wieder und wieder spricht sie über ihren Schmerz, von ihrer Klinikfreundin abgelehnt zu werden. "Niemand außer meinen Töchtern liebt mich... Auf sie kann ich mich verlassen! Sie würden mir immer helfen!"

   Bei ihren Worten fühle ich mich an die Beziehung zu meiner Mutter erinnert, ihre spontane Zuversicht, von mir in meinen Haushalt aufgenommen zu werden.

   Ellen beruhigt sich langsam, wechselt zu allgemeinen Themen, weint dann wieder: "Regine, ich bin so aufgewühlt - ich meine fast, dass ich mich jetzt schlechter fühle als am Anfang meines Aufenthaltes hier... Ich muss unbedingt eine Verlängerung erreichen - ich brauche noch Zeit, um ins Gleichgewicht zu kommen! Morgen früh findet das Gespräch statt..."

   Ihr Therapeut lehnt dann trotz ihres Flehens ab: "Sie müssen zu Hause weiter an sich arbeiten. Mehr als die bereits erfolgte Verlängerung von sechs auf acht Wochen kann ich nicht genehmigen." Ellen ist nach seinen Worten so aufgelöst, dass er ihr vorschlägt, ein Gespräch mit einem weiteren Therapeuten zu führen: mit meinem Stationsarzt. Auch er lehnt ab, Ellen länger in der Klinik zu behalten.

   Sie ist völlig außer sich und hat gleichzeitig bereits innerlich resigniert: "Ich hätte noch etwas Zeit gebraucht - zwei Wochen, oder vielleicht sogar einen ganzen Monat... Mein Herz brennt trotz der Blutdrucktabletten..."

   Sie tut mir leid, und ich versuche, sie zu trösten, indem ich sie mehrmals an die von den Therapeuten erwähnte Möglichkeit erinnere, nach einigen Monaten einen neuen Klinikaufenthalt zu beantragen. Sie antwortet sehr niedergeschlagen: "Wenn ich bis dahin überhaupt noch lebe..."

   Sie bittet ihren Lebensgefährten telefonisch, sie am nächsten Tag mit dem Wagen abzuholen, und beginnt mit Packen, meldet sich im Speisesaal vom Abendessen ab. Ich gehe hinunter in den Ort und kaufe ein kleines Abschiedsgeschenk für sie ein.

   Am nächsten Morgen ist Ellens Gedeck im Speisesaal unberührt, auf meinem Platz steht eine Geschenktüte mit diversen kleinen Päckchen und einem kurzen Brief: "Liebe Regine, ich bin schon sehr früh abgefahren und rufe dich heute Abend an. Herzlichst, Deine Ellen!"

   Nach dem Frühstück frage ich in der Rezeption, wann Ellen abgereist ist, höre dass sie noch im Haus und ihr Telefon noch angemeldet ist. Ich gehe zu ihrer Station, klopfe an ihre Zimmertür. Sie öffnet, völlig verweint, sagt, dass ihr Lebensgefährte im Wagen warte und sehr wütend darüber sei, dass sie nicht sofort mit ihm zurückfahren könne, sondern noch auf eine Terminangabe für das Abschlussgespräch mit ihrem Therapeuten warten müsse. "Ich habe schreckliche Migräne - Ich will hierbleiben!"

   Ich nehme sie in den Arm, rede ihr gut zu: "Wir haben doch so Vieles besprochen - du warst doch auch eine Zeitlang sehr optimistisch, dein eigenes Leben führen zu können... Du wirst es schaffen!"

Sie schluchzt laut, legt mir die Arme um den Hals und weint an meiner Schulter.

   "Ellen, lass dich in deine eigene Wohnung fahren, und dann kümmerst du dich um deine eigenen Pläne. Lass dich nicht von anderen beeinflussen, die nur Vorteile von dir erzielen wollen und nicht bereit sind, dir auch etwas zu geben!"

   Wieder und wieder versuche ich, ihr Stärke mitzugeben, die Zukunft optimistisch zu schildern. Ein Mitpatient kommt herein, verabschiedet sich herzlich von ihr. Dann tritt ein Mann in etwa Ellens Alter ein, der sehr energisch die Tür hinter sich schließt. Sie stellt uns gegenseitig vor, bei Nennung meines Namens Wärme, bei Nennung seines Namens Ablehnung in der Stimme.

   Er grüßt mich nur widerwillig, gibt mir knapp die Hand, und wendet sich sofort vorwurfsvoll an Ellen: "Bist du immer noch nicht fertig!? Ich bin seit Mitternacht bei Schneetreiben hunderte von Kilometern gefahren, und ich möchte schnellstmöglich wieder zurück!" Er steht mitten im Raum, ein Bild des ärgerlichen Vorwurfs.

   Ellen und ihr Partner reden aneinander vorbei. Sie versteht seine Sorge nicht, so schnell wie möglich die anstrengende Fahrt hinter sich zu bringen. Er versteht Ellens Schwierigkeiten nicht, aus der Geborgenheit der Klinik in die an sie gestellten Anforderungen zurückzukehren, sich wieder der Führung mehrerer Haushalte zu stellen oder sich stärker abzugrenzen, nicht mehr zu leisten, als sie körperlich und seelisch in der Lage Ist, und ihre Anstrengungen begleitet von der von ihr so schwer zu verkraftenden fehlenden Anerkennung durch die Personen, die sie jetzt so selbstlos betreut.

   Sie gibt mir ein kleines Notizbuch: "Ich habe meine Adresse und die Adressen meiner Töchter hineingeschrieben. Lass uns unbedingt in Kontakt bleiben - ich rufe dich sofort an, wenn ich zu Hause bin!"

   Wir nehmen uns noch einmal in die Arme und drücken uns fest. Ellens Partner verlässt das Zimmer, um im Wagen zu warten, bis das Therapeutengespräch stattgefunden hat. Ich gehe zurück zu meinem Zimmer, lege mich angezogen auf mein Bett und falle in einen erschöpften Schlaf, aus dem ich in deprimierter Stimmung und voller Gedanken an den krassen Übergang, den Ellen erleben musste, nach zwei Stunden erwache.

   Ich stelle mir Ellen vor, die lange Heimfahrt begleitet von Vorwürfen oder eisigem Schweigen - und fühle gleichzeitig eine innere Erleichterung, Abstand von Ellen und ihrem Schicksal zu gewinnen. Mir wird bewusst, dass mich die Zuwendung selbst Kraft gekostet hat, mir immer weniger Zeit ließ, meine Zukunftsvorstellungen auf mögliche Schwachstellen zu überdenken.

   Ich nehme mir fest vor, mich während des weiteren Aufenthaltes nicht noch einmal einer anderen Person so stark zuzuwenden, sondern das Alleinsein und die Möglichkeit des ungestörten Nachdenkens vorzuziehen.

   Nahezu jeder der in den vergangenen Wochen abgereisten Patienten erwähnte in seinen Abschiedsworten an die Gesprächsgruppe, dass Unterhaltungen mit Mitpatienten die wertvollste erlebte Erfahrung gewesen seien. Auch mein Stationsarzt empfahl mir Gespräche mit anderen, nachdem ich mich beklagte, von ihm statt Antworten auf meine Fragen Gegenfragen zu hören. "Sie müssen die Antworten zu ihrem bisherigen Verhalten und damit die Gründe, weshalb sie heute ausgelaugt in einer Klinik sind, selbst herauszufinden. Sie werden sonst ein Leben lang therapeutenabhängig! Besprechen Sie Ihre Probleme mit Mitpatienten!"

   Ich protestierte: "Im Gespräch mit Mitpatienten erlebe ich immer wieder, dass ich mich zum Zuhörer machen lasse, und zusätzlich zu meinen eigenen Problemen und den in den Gruppentherapien erlebten Schocks belastet mich dann noch das Mitleid mit anderen Schicksalen. Wenn ich Trost gebe will und aufmunternd mit anderen spreche, spüre ich, wie dabei meine spärliche Energie wieder aus mir entweicht - und wenn ich von meinen Sorgen spreche, spüre ich, wie ich umgekehrt die anderen belaste.

   Ich sehe keinen Sinn darin, sich stundenlang gegenseitig Probleme zu schildern. Wir sind alle hier, weil wir die Übersicht über unsere eigenen Angelegenheiten verloren haben - und wenn wir einander Ratschläge erteilen würden, wäre das ungefähr so, als ob Unfallverletzte sich gegenseitig operieren.

   Ich brauche jetzt keine Gespräche mit Fremden. Mein Hauptproblem sind meine starken Gefühlsschwankungen. Ich möchte qualifizierte Ratschläge, wie ich damit umgehen kann!"

   "Das müssen Sie selbst herausfinden. Gespräche mit anderen helfen Ihnen dabei. Sie wirken jetzt wieder sehr erregt."

   Ich spüre selbst die Spannung, die in mir mittlerweile während nahezu jeden Gespräches mit diesem Mann aufsteigt, wenn ich seine Abwehr spüre. Noch ein Versuch, ihm meine Situation klarzumachen: "Die Sorge der Anderen ist überwiegend Arbeitslosigkeit, Angst, wegen körperlicher Ausfallerscheinungen vorzeitig verrentet zu werden. Sie würden mir raten, meinen Arbeitsplatz zu behalten und froh über mein Einkommen zu sein! Das hilft mir nicht!"

   "Überstürzen Sie nichts. Sie würden Ihr Problem an jedem anderen Arbeitsplatz mitschleppen. Ändern Sie Ihr Verhalten - seien Sie weniger empfindlich, und gehen Sie Probleme sachlich an!"

   "Aber wenn Sachlichkeit auf taube Ohren stößt...?"

   "Sie müssen es in Ruhe immer und immer wieder versuchen, ohne in Ärger auszubrechen."

   "Ich war früher nicht so, habe für alles und jeden Verständnis aufgebracht - ich bin völlig überreizt... Ich bin sicher, dass ich mich nach drei bis vier Monaten hier in der Klinik ausgeruht haben werde und dann wesentlich ruhiger meine Ziele umsetzen kann."

   Er reagiert wieder nicht auf meine indirekte Bitte, diese Aufenthaltsdauer zu bestätigen. Meinen Mitpatienten wurde jeweils nach den ersten drei Wochen das Angebot einer Verlängerung von 14 Tagen nach Ablauf der Sechswochenfrist gemacht; einige sind bereits seit über drei Monaten hier. Ich bin jetzt seit vier Wochen in der Klinik. Bisher äußerte sich mein Stationsarzt mit keinem Wort zur wahrscheinlichen Aufenthaltsdauer, ging jedes Mal zu anderen Themen über, wenn ich begann, von der auch nach meinem Empfinden erforderlichen Zeit zu sprechen.

   Ich bitte am Nachmittag in meinem von der Klinik verlangten Wochenbericht schriftlich um Verlängerung, erhalte im nächsten Gespräch seine mündliche Zustimmung: "Ich bin bereit, Ihnen 14 Tage zu gewähren. Diese Zeit muss reichen."

   "Meine Ärztin zu Hause sprach von drei bis vier Monaten, die ich zur Erholung benötigen würde..."

   Wieder reagiert er nicht auf meine versteckte Bitte, und ich versuche deshalb in aufsteigender Panik angestrengt, ihm mein noch absolut unzureichendes Befinden zu schildern: "Ich habe in den letzten Wochen viel geschlafen und fühle mich körperlich etwas besser, aber meine geistige Leistung lässt jetzt auf erschreckende Weise immer weiter nach - ich bin schon tagelang nicht mehr Auto gefahren, weil ich alles verwechsele, bei Rot losfahre oder Stoppschilder übersehe... Ich kann mir kaum einen Termin merken und vergesse sogar, Termine vom Wochenplan abzulesen..."

   Meine große, bisher nicht eingestandene Angst: dass ich mein künftiges Leben in geistigen Benommenheit verbringen könnte, weiter mit dem Druckgefühl im Kopf leben müsste, nicht mehr in der Lage, Gedanken logisch weiterzuführen, verschiedene Faktoren zu bedenken. Er lehnt sich zurück, verschränkt seine Arme vor seiner Brust, und sieht mich weiter schweigend an.

   "Wie lange wird es dauern, bis sich dieser Zustand wieder ändert? Werde ich überhaupt wieder wie früher?" Auch hierauf keine Antwort, nur die Ankündigung: "Wir sprechen nächstes Mal darüber!"

   Ich muss ihn unbedingt überzeugen, will so bald als möglich die Angst vor einer zu frühen Rückkehr von mir genommen haben: "Können wir gleich den nächsten Gesprächstermin vereinbaren?"

   "Ich sage Ihnen den genauen Termin für unser Gespräch in der nächsten allgemeinen Runde."

   Er erhebt sich, fordert mich damit auf, ebenfalls aufzustehen und sein Büro zu verlassen, und sagt bedauernd im gleichen Ton wie sonst mein Vorgesetzter: "Jetzt habe ich keine Zeit mehr für Sie!"

   Zu Beginn des Gruppengespräches am nächsten Vormittag wird er von mehreren Patienten um Vergabe von Einzelterminen gebeten. Er nennt Tage und Uhrzeiten und trägt sie in sein Notizbuch ein. Er sieht mich mehrmals an, und ich warte geduldig, rechne damit, dass er auch mir einen Terminvorschlag macht. Vergeblich.

   Er lächelt mich an und leitet das Gruppengespräch ein. Ich könnte ihn jetzt noch auffordern, mir einen Termin zu nennen, weiß aber nicht, weshalb er offensichtlich von mir gefragt werden will. In mir beginnt es aus Ärger über dieses simple Spielchen zu kochen. Weshalb vergeudet er wertvolle Zeit und sagt mir nicht einfach, worauf er hinauswill? Ich verberge meine Gefühle hinter einem abweisenden Gesichtsausdruck und warte auf seine weitere Reaktion. Er sieht immer wieder verhalten lächelnd zu mir herüber und spricht mich erst am Ende des Gruppengespräches an: "Frau König - Sie wirken sehr angespannt?"

   Ich fühle mich gestresst und würde am liebsten weinen, sage: "Ich habe heute darauf gewartet, dass Sie mir wie gestern angekündigt den nächsten Termin für ein Einzelgespräch nennen!" "Fühlen Sie sich ignoriert?"

   Ich bin bestürzt über sein plumpes Manöver, mich eine Stunde lang immer und immer wieder anzulächeln, aber nicht anzusprechen, und dann zu fragen, ob ich mich ignoriert fühle. "Nein! Ich fühle mich nicht ignoriert! Ich habe gesehen, dass Sie unser Gespräch nicht vergessen haben, und darauf gewartet, dass Sie auf Ihre Ankündigung von gestern zurückkommen und mir einen Termin nennen. Stattdessen sehen Sie mich andauernd an und warten darauf, dass ich Sie nochmals frage! Dieses Spiel ist mir in meinem Zustand zu dumm!"

   "Sie hätten noch einmal fragen müssen - die anderen haben es doch auch getan."

   "Ich fühle mich nicht als Bittsteller, der mehrmals bitte-bitte sagen muss. Sie haben angekündigt, mir einen Termin zu nennen!"

   "Aber SIE möchten doch mit MIR sprechen..."

   "Ich bin Patient, und Sie sind mein Arzt. Die Aufgabe, zu Gesprächen zusammenzukommen, liegt bei beiden Seiten!"

   Wieder fragt er: "Fühlen Sie sich ignoriert?"

   Natürlich fühle mich ignoriert, bewusst ignoriert, um mich zu provozieren. Mich und mein Bedürfnis nach Erholung. Ich bin wütend auf ihn und gleichzeitig an der Grenze zur Resignation. Alles was ich für meine Genesung brauche ist ein ausreichend langer Aufenthalt, Zeit zum Ausruhen, Nachdenken, zum Ordnen des Gedankentumultes in meinem Kopf, zum Konkretisieren von Zukunftsplänen. Dieses läppische Wortgefecht ist überflüssig, belastet mich zusätzlich.

   Ich überspiele meine Frustration durch betont selbstbewusstes Auftreten. Er möchte, dass ich zugebe, unter dem Übersehen werden gelitten zu haben: "Sie wären jetzt zu stolz gewesen, mich noch einmal auf den Termin anzusprechen und hätten eher völlig darauf verzichtet, obwohl Ihnen sehr viel daran liegt?"

   "Ich bin sehr ärgerlich, dass Sie diese Situation bewusst herbeiführten, obwohl Sie wissen, dass meine Nerven blank liegen! Ich bin hier, um mein inneres Gleichgewicht wiederzufinden, um nicht mehr so extrem zu reagieren. Weshalb reizen Sie mich mit solch unwichtigen Dingen?" "Erkennen Sie, worauf es mir ankommt?"

   "Weshalb verschwenden Sie wichtige Zeit? Sagen Sie es mir einfach!"

   "Sie würden dadurch therapeutenabhängig. Sie müssen Ihr Verhalten selbst erkennen!"

   Er öffnet sein Notizbuch, schlägt eine Zeit in der kommenden Woche vor. Seinem Gesichtsausdruck nach scheint er sehr zufrieden mit sich, während mein innerer Groll auf ihn auf dem Weg zum Speisesaal nur sehr langsam abklingt.

   Joachim sitzt bereits am Tisch im Speisesaal, neben ihm auf dem durch Vinzenz' Weihnachtsurlaub freien Platz Joachims Frau, die am Nachmittag heimreisen wird. Beide blicken mir lächelnd entgegen, als ich näherkomme. Joachim fällt mein ernstes Gesicht auf, und er fragt mitfühlend: "Geht es dir nicht gut?"

   "Mein Stationsarzt nervt!"

   Ich erzähle kurz, was mich bewegt. "Er hat anscheinend überhaupt nicht bemerkt, dass ich ihn doch zuerst zum Sprechen gebracht habe. Die Schweige-Nummer funktioniert bei den meisten Menschen, auch gelegentlich bei meinem Vorgesetzten.

   Ich bin tief enttäuscht, dass der Arzt sein Spiel mit mir treibt - aber ich fühle mich abhängig von seinem Wohlwollen, weil ich eine weitere Verlängerung von ihm genehmigt haben möchte! Er wäre wahrscheinlich rücksichtsvoller, wenn ich mich kleinmachen und bitte-bitte sagen würde - aber das kann ich nicht! Ich kann nicht das zarte Pflänzchen spielen und mich unterwerfen! Mist! Ich wollte ich mich hier nicht aufregen, sondern erholen!"

   Er fragt in seiner unnachahmlich humorvollen Weise: "Erholen? Du bist doch nicht zum Erholen hier?! Psychotherapie ist harte Arbeit! Für mich war die Gruppe heute auch kein Zuckerlecken! Ich bin der einzige Mann, und heute sind alle Frauen auf mich losgegangen: Ich sei ein verwöhnter Pascha, würde meiner Frau die ganze Hausarbeit und Verantwortung überlassen..." Bei diesen Worten wendet er sich lächelnd seiner Frau zu, die seit seiner Ankunft im Ort wohnt und die Mahlzeiten mit ihm in der Klinik einnimmt. Sie lächelt ebenfalls: "Wenigstens hörst du es jetzt auch einmal von anderer Seite!"

   Sie spricht in meine Richtung: "Wir sind beide berufstätig, aber während ich mich in meiner Freizeit um unseren großen Haushalt und alle anderen Erledigungen kümmere, ist er jeden Abend unterwegs und hat jede Menge Pöstchen in seinen Vereinen. Dort ist ihm keine Arbeit zu viel, und zu Hause ist er müde und schläft!"

   Joachim ist jetzt ernster: "Ich hasse Hausarbeit! Ich habe einen regelrechten Abscheu davor! Meine Frau müsste nicht alles selbst machen - wir könnten es uns leisten, eine Hilfe zu beschäftigen. Aber es ist ihr niemand gründlich genug! Und heute ist mir das von zehn Frauen vorgeworfen worden - kein schönes Gefühl, kann ich dir sagen!"

   Er legt seinen Arm um seine Frau, zieht sie leicht an sich. "Du bist doch meine Beste!" Sie widerstrebt lächelnd, sieht ihn skeptisch an: "Dann zeige mir das doch bitte deutlicher!" Bekannte Töne...

   "Glücklicherweise haben Richard und ich inzwischen endlich unsere 'Hausfrau' engagiert und können auf derartige Gefechte verzichten. Ich hoffe, dass wir in der dadurch freigewordenen Zeit wieder zu früheren Gemeinsamkeiten finden."

   Die beiden sehen mich ernst und etwas nachdenklich an. Wir essen schweigend, hängen weiter unseren Gedanken nach, verlassen gemeinsam den Speisesaal. Dann verabschiedet sich Joachims Frau von mir: "Ich fahre am Nachmittag ab und wünsche dir noch einen stressfreien Aufenthalt - vielleicht bist du noch hier, wenn ich in einigen Wochen wiederkomme?"

   "Bestimmt! Wenn ich drei bis vier Monate bleibe, habe ich mindestens noch zwei Monate vor mir. Bis bald - und gute Reise!"

   WENN ich drei bis vier Monate bleibe, habe ich mindestens noch zwei Monate vor mir... Ellens Selbst-beteuerungen fallen mir ein, mit denen sie ihre Angst vor einer zu frühen Abreise überdecken wollte. Ihre Aufenthaltsverlängerung wurde abgelehnt.

 

Abhängigkeiten  Aggressionsstörung  Arbeitslosigkeit  Depression  depressive Verstimmung  Erschöpfung  Gedankenkarussell geistige Prostitution  Helfersyndrom  Leistungsdruck  Konzentrationsstörung  psychosomatische Erkrankung  Essstörung  Rückzug  Schlafstörungen  Selbstmord  Angst  Selbstmordgefährdung  Selbstverletzung  sexueller Mißbrauch  Suchtgefährdung  Trauer  Überforderung  Überlastung  Verhaltensstörung  Verlust  Zwänge

Frühere Veröffentlichung:

Goodbye, Robin

ENGLISCHE ÜBERSETZUNG
als KAPITEL-SERIE



Referenzen und Lesungen siehe Autorenhomepage www.ilse-koempel.de


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