24. Dezember. Joachim, unser neuer Tischgenosse, wirkt während des gemeinsamen Frühstücks sehr niedergeschlagen. Ellen bemerkt es als erste, fragt mitfühlend: "Sie fühlen sich noch nicht wohl hier?" "Ich habe ja keine andere Wahl. Ich muss hier sein - ich bin am Ende... Vor zwei Jahren war ich schon einmal 10 Wochen in einer Klinik. Meine Stimmung ist wie der Blick aus meinem Fenster im Untergeschoß: Ich schaue gegen einen Erdwall... Ich bin seit vielen Jahren Pfleger in einer Psychiatrie... Ich kann nicht mehr... Mein Arzt zu Hause will mich in Rente schicken... Mein Vater wurde nur 65 Jahre alt, vielleicht werde ich auch nicht älter. Bis dahin sind es nur noch 7 Jahre... Ich bin völlig ausgelaugt, aber ich möchte mein Leben so gerne noch genießen... Mein Traum ist, die Fußballjugend meines Vereins zu trainieren - die Bambinis..."
Seine Augen blicken leer und gleichzeitig verzweifelt, ganz im Gegensatz zu seiner sonstigen Erscheinung, seinem in jedem Gespräch schnell aufleuchtenden Lächeln, seiner Bereitschaft, sich als Fahrer für gemeinsame Unternehmungen zur Verfügung zu stellen: "Falls jemand Vorschläge hat - ich bin dabei... Es fällt mir selbst schwer, etwas vorzuschlagen - ich bin froh, wenn jemand mir sagt, wohin ich fahren oder was ich unternehmen soll. In mir ist alles so leer..."
Ellen versucht, ihn aufzumuntern, spricht von ihrer eigenen positiven Erfahrung während der vergangenen Wochen: "Ich habe große Fortschritte gemacht. Ich fühle wieder den Willen, ein frohes Leben zu führen... Aber ich brauche noch etwas Zeit, um ruhiger zu werden und mich den nötigen Veränderungen zu Hause stellen zu können..." Immer wieder beteuert sie sich selbst, nach der Rückkehr ihres Stationsarztes in drei Tagen mit Sicherheit eine Verlängerung zu erhalten.
Ich habe eineinhalb Stunden Zeit, bevor um 10 Uhr das "Meditative Malen" beginnt, eine Veranstaltung mit freiwilliger Teilnahme an drei Vormittagen, für die ich mich als eine der Ersten in die in unserer Station ausliegenden Liste eingetragen hatte. Dabei hatte ich große Skrupel, die knappen Plätze gleich dreimal zu belegen.
Meine Klinikpatin ging gerade vorbei und bemerkte mein Zögern: "Haben Sie andere Termine?"
"Nein, aber ich komme mir sehr egoistisch vor - so als ob ich anderen etwas wegnähme..."
"Wer zuerst kommt, 'malt' zuerst. Ich habe mich auch dreimal eingetragen, und ich freue mich schon sehr darauf! Machen Sie sich keine Gedanken - die Liste liegt schon seit Tagen aus!"
Nach dem Frühstück fahre ich hinunter in den Ort und kaufe einen Blumenstrauß für die Schwestern meiner Station, zwei kleine Töpfe mit blühenden Azaleen für die beiden freundlichen Raumpflegerinnen, und eine kleine Palme für mein Zimmer.
Kurz vor 10 Uhr treffe ich zusammen mit meiner Klinikpatin und sechs weiteren Patienten im angegebenen Kreativraum ein. 'Mein' Kunsttherapeut und die sympathische Körpertherapeutin, die mit ihm zusammen das Krippenspiel inszenierte, stellen sich uns mit Vornamen vor und fordern uns auf, stehend einen Kreis zu bilden. Auch hier zuerst gegenseitiges Kennenlernen, dieses Mal durch mit den Händen angedeutetes Zuwerfen und Auffangen eines imaginären Balles unter Nennung des Vornamens der jeweils angesprochenen Person. Sehr schnell wird ein übermütiges Spiel daraus, mit schnelleren Bewegungen und manchmal angetäuschten Würfen, um den 'Ball' dann unvermittelt an eine andere und aus Überrumplung in Gelächter ausbrechenden Person weiterzugeben.
Als Nächstes gehen wir pantomimisch durch Sand und hüfthohes Wasser, bewegen uns schwerfällig in gedachtem lehmigem Boden, stemmen uns gegen Wind, stapfen durch Schnee, verharren jeweils auf Angabe der Therapeutin für längere Zeit in einer der ausgedrückten Körperhaltungen. Die Stimmung ist sehr gelöst, wir spielen unbefangen wie Kinder, lachen bei den Versuchen der Umstellung der Bewegungen laut auf.
Auf den Arbeitstischen, die heute an den Längswänden des Raumes aufgestellt sind, um in der Mitte Platz für Spiele zu schaffen, stehen vom Kunsttherapeuten vorbereitete Töpfchen mit den Aquarellfarben Blau, Rot und Gelb; auf den bereitliegenden großformatigen Zeichenblättern, die vor Beginn der Veranstaltung mit einem Schwamm angefeuchtet wurden, sollen im Anschluss an die Körpererfahrung Empfindungen in Farben und Formen ausgedrückt werden - ohne künstlerischen Anspruch, wie der Therapeut betont, die Pinselführung soll völlig locker aus den gerade erlebten Bewegungen heraus erfolgen.
Ohne nachzudenken, entsteht auf meinem Blatt die auf dem feuchten Papier aquarellartig verlaufende Kontur einer Eisschnellläuferin, aus der konzentrierten Haltung während des Wartens auf den Startschuss übergehend in eine energiegeladene, sich nach vorn aufrichtende Vorwärtsbewegung des ersten gleitenden Schrittes. Ich spüre einen Anflug der gleichen Energie, die mich zu meinem neuen Ziel bringen soll.
Wir werden aufgefordert, uns alle mit den Stühlen zum Inneren des Raumes zu drehen und unsere Blätter vorsichtig vor uns auf den Boden zu legen. Ich bin überrascht über die Unterschiedlichkeit des Ausdrucks und der Verwendung der Farben.
Die Therapeuten fragen, wer den Ausdruck seines Bildes erklären möchte: "... und sprechen Sie nur über Ihr eigenes Bild, Ihre ganz persönlichen Gefühle während des Malens!"
Langes Zögern der Teilnehmer, dann auf nochmalige freundliche Ermunterung die erste unsichere, nach Worten der Beschreibung suchende Aussage. Die anderen blicken aufmerksam auf das jeweils beschriebene Blatt, versuchen sich in einzufühlen. Einigen gelingt dies nicht, ihnen vermitteln die abstrakten Formen völlig andere Eindrücke. Es wird nicht diskutiert, jeder sagt lediglich, was er beim Betrachten der Bilderfühlt und denkt.
Wer möchte, kann sein Bild behalten, und einige nehmen die noch feuchten Blätter mit vorsichtigen, spitzen Fingern mit auf ihre Zimmer, um sie an der Pinnwand trocknen zu lassen. Ich lasse mein Bild zurück und freue mich beim Verlassen des Raumes bereits auf die Veranstaltung am nächsten Vormittag.




