Burnouts - Die Mackenburg

... doch Vorsicht - dieser Roman kann das Bewußtsein verändern !

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Burnouts - Die Mackenburg Kapitelübersicht 45. Kapitel DAS KRIPPENSPIEL

45. Kapitel DAS KRIPPENSPIEL

   Um 16 Uhr beginnt das von Patienten seit Tagen eingeübte Krippenspiel im Treppenhaus vor der Cafeteria im dritten Stock des Verwaltungstraktes. Heiko fragt, ob er sich mir anschließen dürfe: "In deiner Gesellschaft fühle ich mich sicherer..."

   Wir gehen zusammen hinüber, suchen einen Platz in der bereits zahlreichen Menschenmenge, die sich auf dem Flur der oberen Etage versammelt hat. Das Krippenspiel beginnt. Die Akteure tragen improvisierte Kostüme, ein Handtuch dient als Turban, eine Rolle Aluminiumfolie als Fernglas. Nach Abschluss einer Szene wechselt der Schauplatz, zu dem die Zuschauer durch die beiden Regisseure geleitet werden, und wo die nächsten Akteure in anderer sparsamer, zwischenzeitlich aufgebauter Kulisse auf unser Eintreffen warten. Der Weg dorthin ist mit liebevollen Dekorationen ausgewiesen, neben der Tür der Rezeption hängt ein handgemaltes Schild 'Volkszählungsbüro'.

   Tina, die noch vor kurzem berichtete, dass sie sich kratzt und kneift, um negative Gefühle an die Oberfläche zu lassen, spielt eine Hauptrolle. Sie stellt die schwangere, bereits in den Wehen liegende Maria auf hinreißend überzeugende Art dar, will einen schmerzhaften Ausdruck auf ihr Gesicht legen, muß aber immer wieder ein aufsteigendes Lachen unterdrücken, imitiert Pressatmung, deren Takt eine als Josef verkleidete und sonst auf mich sehr aggressiv wirkende junge Patientin sehr gefühlvoll fürsorglich durch Heben und Senken ihrer Hände und temperamentvolles Mitzählen unterstützt. Beide brechen dabei mehrmals in helles Gelächter aus.

   'Josef beschwört 'Maria', noch auszuhalten, und klopft laut an die Türen der umliegenden Büros, bittet vergeblich um Unterkunft für seine schwangere Frau, agiert immer wütender und lauter, verschwindet aus dem Szenenlicht in das Dunkel eines angrenzenden Flures. 'Josefs' Hämmern an die Türen und laute Forderungen nach Hilfe sind noch zu hören, als die Zuschauer bereits durch den Glasgang zur nächsten Szene geleitet werden.

   Zwei junge Leute betreten nach einem Harfenklang aus dem dunklen Hintergrund eines Treppenpodestes in weißen Gewändern als Engel verkleidet den Gang. Ein übergewichtiger, sonst sehr scheu wirkender und aus Aufregung stotternder junger Mann spricht seinen Text sehr würdevoll mit fester, wohltönender Stimme; seine Begleiterin ist eine zierliche junge Frau, die durch Sprache, Gang und Mimik das trotzige Benehmen eines aufsässigen Kindes ausdrückt, immer wieder mit ihrem zierlichen Fuß aufstampft, und alle Zuschauer auf rührende Art erheitert.

   Die Handlung des Krippenspiels ist auf heutige Alltagsgegebenheiten adaptiert, die Sprache modern, auf gesellschaftliche Missstände hinweisend.

   Die große Schlussszene findet im dunklen, nur durch zahlreiche Kerzen erhellten Gymnastiksaal statt und wird durch Gospelgesang gekrönt, in den alle Anwesenden unter Vorgesang einer der Regisseure, einer mir nicht bekannten und sofort sympathisch erscheinenden Kunsttherapeutin, einfallen. Ich bin auf angenehme Weise gefangen in dieser spirituellen Atmosphäre, spüre ein sensationelles Gefühl, angenehme Schauer, die mir prickelnd über die Haut jagen.

   Die Akteure erhalten den verdienten kräftigen und langanhaltenden Applaus, verbeugen sich wieder und wieder, sehr professionell in einer Reihe stehend, und holen die beiden Regisseure aus dem großen Kreis des Publikums ebenfalls in ihre Mitte. Der zweite Regisseur ist 'mein' Kunsttherapeut, an diesem Abend im Gegensatz zu seiner mir bekannten abwesenden oder distanzierten Art locker und lachend.

   Noch eine gemeinsam gesungene Gospel: When The Saints Go Marchin' In, deren Text jeder der Anwesenden zu kennen scheint, rhythmisches Händeklatschen, Bewegen der Körper im Takt. Einige Schlußworte und die Einladung an das Publikum, bei Interesse noch zu bleiben, mit den Akteuren und Regisseuren zu singen und zu musizieren.

   Ich verlasse gemeinsam mit dem Großteil der Zuschauer den Saal, höre später noch lange den Klang von Trommeln und anderen Rhythmusinstrumenten bis hinauf in mein Zimmer, und bedaure, nicht ebenfalls noch geblieben zu sein und dieses angenehme Erlebnis bis zum Ende ausgekostet zu haben.

   Meine Gefühle wurden durch das Gefühl der heiteren Gemeinsamkeit während des Krippenspiels und des Singens aufgewühlt. Ich bin sehr unruhig, fühle starkes Verlangen nach Nikotin, denke an die Worte des Therapeuten der Suchtgruppe an alle Patienten: "Lassen Sie sich auf Ihre Empfindungen und Gedanken ein - überdecken Sie sie nicht mit Genuss- oder Suchtmitteln. Verzichten Sie während ihres Hierseins auch unbedingt auf Sex! Lenken Sie sich nicht ab! Sie werden erstaunt sein, was dann mit Ihnen geschieht!"

   Das Verlangen nach Nikotin ist drängend in meinem Bewusstsein, ist stärker als mein Vermögen, meinen Gedanken und Gefühlen nachzuspüren. 45 Minuten bis zum Abendessen. Sie würden ausreichen, um mit dem Wagen eine Fahrt durch die Umgebung der Klinik zu machen, zu rauchen, meine Unruhe zu stillen. Ich zwinge mich, im Zimmer zu bleiben, schreibe Postkarten. Die Zeit vergeht schneckenhaft langsam. Mein Kopf schmerzt, ständig nagt der Gedanke an die Zigarettenpackung im Wagen. Noch lange 20 Minuten bis zum Abendessen.

   Ich verdränge den Wunsch nach Nikotin mit einem Gang hinüber zur Cafeteria, kaufe dort Mineralwasser und trinke bei der Rückkehr in mein Zimmer eine Flasche sofort gierig aus. Ein kleiner, aber mit großer Anstrengung errungener Sieg über mich selbst.

   Am Abendbuffett treffe ich die Akteure des Krippenspiels wieder, sage begeistert, wie gut es mir gefallen hat. Ich ignoriere den jetzt wieder sehr gespannt wirkenden Gesichtsausdruck des 'Josefs':

"Deine Randale bei der Zimmersuche hat mir gefallen!"

   Zum ersten Mal sehe ich sie gelöst lachen. Sie fiel mir während der vergangenen Wochen auf; ich fühle mich innerlich von ihr angezogen, glaube Ähnlichkeiten zu spüren: Sie wirkt auf mich wie ein äußerst starker, aber hochfrustrierter und deshalb unter Hochspannung stehender Mensch. Sie gibt mir ihr freundliches Lachen auch in den nächsten Tagen.

   Das aufsässige Engelchen steht neben mir. "Dein Trotz war so echt. Ist das auch sonst deine Art?" Als Antwort erhalte ich nur ein resigniertes "Nö."

   Richard ruft wie jeden Abend an, froh, nach zahlreichen Versuchen eine der in den Abendstunden stark frequentierten Leitungen der klinikinternen Telefonanlage erwischt zu haben. Ich berichte ihm überschwänglich von der gelungenen Aufführung des Krippenspieles, sonstigen Begebenheiten während des Tages. Richard berichtet seinerseits vom Geschehen zu Hause, seiner Sehnsucht nach mir. Wir sprechen lange über Gefühle, unseren Willen und unsere Zuversicht, uns künftig besser zu verständigen.

   Unsere regelmäßigen Telefonate geben mir Kraft, zeigen mir deutlich, wie sehr er mich liebt und vermisst, seine Bereitschaft, mehr über sich und seine Gedanken zu sprechen.

   "Richard - ich bin so froh, dass du zu mir hältst! Ich habe in den vergangenen Jahren oft geglaubt, gegen dich kämpfen zu müssen, um meine Vorstellungen von Familienleben zu verwirklichen... Ich kam mir so oft im Nachteil vor, konnte dir meine Probleme einfach nicht verständlich machen... Ich habe mich so allein und überfordert gefühlt..."

   "Ich habe in den letzten Monaten Vieles verstanden... Und ich habe festgestellt, dass ich sehr viele Hemmungen habe... Ich werde auch an mir arbeiten."

   Wir verabschieden uns bis zum Telefonat am nächsten Abend, ich gehe zu Bett, versuche, einige Seiten eines heiteren Romans zu lesen. Es gelingt mir nicht, mich auf die Handlung zu konzentrieren, ein gelesener Satz ist Sekunden später wieder vergessen wie alles, was nicht unmittelbar mit meiner Lebenssituation zusammenhängt. Meine Gedanken wirbeln durcheinander: Ehemann, Sohn, Beruf - ein riesiges, ungeordnetes Puzzlespiel von Erlebtem und Zukunftsvorstellungen. Kaum glaube ich, Teile zu erkennen und aneinandersetzen zu können, ist mir der Gedanke bereits wieder entfallen.

   Trotz meiner vergeblichen Bemühungen fühle ich, dass es mir gelingen wird, ein übersichtliches Bild zusammenzufügen. Ich brauche Zeit. Zeit, um den jahrelangen Mangel an erholsamem Schlaf und entspannter Ruhe nachzuholen und meinen Kopf und Körper zu regenerieren. Zeit, um klare Vorstellungen von meinen Bedürfnissen zu entwickeln und diese unbeirrt von fremden Einflüssen zu verwirklichen.

   Seit meiner Ankunft sind erst knapp drei Wochen vergangen. Ich schlafe mit dem beruhigenden Gedanken an den langen, noch vor mir liegenden Aufenthalt in der Klinik ein. Zeit genug, um mich zu erholen und meine Gedanken zu ordnen.

 

 

Abhängigkeiten  Aggressionsstörung  Arbeitslosigkeit  Depression  depressive Verstimmung  Erschöpfung  Gedankenkarussell geistige Prostitution  Helfersyndrom  Leistungsdruck  Konzentrationsstörung  psychosomatische Erkrankung  Essstörung  Rückzug  Schlafstörungen  Selbstmord  Angst  Selbstmordgefährdung  Selbstverletzung  sexueller Mißbrauch  Suchtgefährdung  Trauer  Überforderung  Überlastung  Verhaltensstörung  Verlust  Zwänge

Frühere Veröffentlichung:

Goodbye, Robin

ENGLISCHE ÜBERSETZUNG
als KAPITEL-SERIE



Referenzen und Lesungen siehe Autorenhomepage www.ilse-koempel.de


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