Burnouts - Die Mackenburg

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Burnouts - Die Mackenburg Kapitelübersicht 44. Kapitel BESCHWICHTIGUNGEN

44. Kapitel BESCHWICHTIGUNGEN

   Ellen hat eine Patientenpatenschaft übernommen, macht mich mit ihrem Schützling bekannt, als er an unseren Tisch kommt, um sie nach einigen Klinikabläufen zu fragen: "Das ist mein Patenkind!"

   Der Mann ist ungefähr in Ellens Alter, vom Alkohol schwer gezeichnet. Ich fühle mich abgestoßen, gebe ihm nur ungern die Hand, die er mir bei der Vorstellung entgegenstreckt. Er ist freundlich, sehr höflich, spricht sehr gepflegt, erzählt von sich, übergenau mit Dingen umgegangen zu sein, auch am Arbeitsplatz, und aus Frustration über das mangelnde Verständnis seiner Umgebung getrunken zu haben.

   Wieder bemerke ich die Wärme, die Ellen jedem Menschen entgegenbringt. Sie kümmert sich in rührender Weise um den Neuankömmling, bittet ihn, sich zu uns zu setzen, und erklärt ihm ausführlich alles Wissenswerte. "Sie können auch jederzeit an meine Tür klopfen oder mich anrufen. Ich bin gerne bei Fragen oder Problemen behilflich!"

   Ihr Klinikaufenthalt soll am 27. Dezember enden. Sie wartet sehnlich auf die Rückkehr ihres Stationsarztes aus dem Urlaub, ist sicher, eine Verlängerung zu erhalten: "Ich hatte ja während seiner Abwesenheit keine Gelegenheit zu therapeutischen Einzelgesprächen. Ich kann bestimmt noch bleiben!" Dann, mit einem verzweifelten Unterton: "Ich brauche noch etwas Zeit..."

   Am nächsten Tag warte ich zur vereinbarten Zeit vor einem der Kreativräume auf meinen Kunsttherapeuten. Er tritt nach dem Ende seiner Gruppentherapie als Letzter aus dem Raum, sieht mich abwesend an und geht an mir vorbei. Ich rufe ihn an, erinnere ihn an unser Gespräch vom Vortag.

   Er erinnert sich, bittet mich, zu warten, geht hinunter in das Lager im Keller und kommt mit einem großen, in Folie verschweißten Tonquader zurück, gibt mir noch einige Anweisungen: "Nicht in Ihrem Zimmer, sondern im Kreativraum arbeiten, während möglicher Pausen bis zur Fertigstellung des Objektes Folie darüber decken, um vorzeitiges Trocknen zu verhindern. Brennen ist nicht erforderlich, das Material plastifiziert - aber behutsam trocknen lassen, immer wieder abdecken, um durch das kondensierende Wasser ein feuchtes Klima zu behalten und so Risse zu vermeiden."

   Ich frage ihn noch, ob ich nach den Feiertagen bei Wiederbeginn des Kurses einen Stein bearbeiten kann. Ich kenne die erforderliche Anstrengung durch die langwierige und kraftraubende Arbeit mit Steinraspeln aus einem Volkshochschulkurs, erinnere mich an die große körperliche Mattigkeit abends und den tiefen Schlaf in der Nacht. Ich möchte die Spannungen, die ich trotz des ruhigen Lebens jetzt nach drei Wochen unvermindert spüre, auf diese Weise abbauen. Er lehnt ab: "Es ist zu früh für Steinbearbeitung. Sie müssen erst noch einige Prozesse hier durchlaufen."

   Unsere Gruppe sammelt für ein Geschenk an den Stationsarzt, das ihm vor Antritt seines Weihnachtsurlaubes überreicht werden soll. Wir beratschlagen, was gekauft werden soll, entscheiden uns für einen Artikel aus einer der örtlichen Töpfereien. Keiner der anderen Patienten möchte es aussuchen. Ich biete mich an, habe schon seit längerem den Wunsch, mich im Inneren einer Töpferei umzusehen.

   Anschließend an die hastige Sammelaktion findet nach dem Eintreffen des Stationsarztes die große Gesprächsgruppe statt. Aus zwanglosem Anfangsgeplänkel ergibt sich das heutige Thema: Distanz zwischen Eheleuten. Ich erwähne, dass mein Mann und ich uns bei

Meinungsverschiedenheiten betont hochdeutsch unterhalten, obwohl wir am gleichen Ort geboren sind und mit unseren Freunden Dialekt sprechen. "In Krisen gehen wir sogar überhöflich miteinander um... und mein Mann schenkt mir Blumensträuße."

   Eine neue Patientin, meine Zimmernachbarin, noch in der Unruhe der ersten Anwesenheitstage, wirft ein: "Das ist doch wunderbar, dieser höfliche Umgang miteinander, ohne sich anzuschreien oder zu schlagen..."

   Ich verfolge meinen Gedanken weiter: "Wir sprechen im allgemeinen sehr wenig miteinander - oder besser: ich spreche über meine Gedanken, aber es ergibt sich kein Dialog. Und mein Mann erzählt mir nichts von seinen Plänen..."

   Ein Mitpatient glaubt, die Rolle meines Mannes nachempfinden zu können: "Vermutlich hören auch Sie ihm nicht richtig zu, so dass er denkt, es interessiert Sie sowieso nicht."

   Mein Stationsarzt sieht mich bedeutungsvoll an: "Sie haben eine sehr beeindruckende und sympathische Seite."

   Die Gruppe murmelt Zustimmung.

   "Aber auch eine andere!"

   "Welche?"

   "Was glauben Sie?"

   "Sagen Sie es mir!"

   Er geht nicht weiter auf mich ein, spricht die übrige Gruppe an: "Wie geht es den anderen im Dialog mit Ihrer Familie oder Ihren Vorgesetzten?"

   Einige geben an, oft eigene Wünsche oder Ansichten für sich zu behalten und anderen nachzugeben. Andere schweigen. Der Stationsarzt bemerkt lakonisch: "Und deshalb sind Sie jetzt alle hier!"

   Er richtet das Wort wieder an mich, weist mich noch einmal auf meine "andere Seite" hin: "Wenn etwas nicht nach Ihrem Wunsch geht oder Sie sich hintergangen fühlen, werden Sie ungemütlich. Das verletzt andere und isoliert Sie auf Dauer!"

   "Das stimmt so nicht. Ich bin sehr anpassungsbereit. Wenn dies jedoch ausgenutzt wird, wehre ich mich energisch. Ich stehe aus lauter Anpassung und Hochleistung zu Gunsten anderer gesundheitlich und seelisch mit dem Rücken an der Wand. Ich kenne nur noch die Flucht nach vorne, und ich werde aggressiv, wenn ich spüre, dass meine Worte einem Gesprächspartner nicht mehr gelten als ein paar leere Sprechblasen, die aus meinem Mund steigen!"

   Er sieht mich lächelnd an. Ich glaube, Ironie in seinen Zügen zu lesen.

   "Seit einiger Zeit läuft dann in mir eine Art Explosion ab. Ich kompensiere meine Enttäuschung durch Wut."

   „Wie ein Vulkanausbruch..."

   „Ja! Wenn ich spüre, dass ich hintergangen werde oder untergebuttert werden soll, wende ich drastische Mittel an - Ich will dann meine Bedürfnisse unbedingt durchsetzen, auch um den Preis, dass ich andere mit Worten oder Handlungen verletze. Manche Menschen hören mir einfach nicht zu und versuchen stur, die eigenen Ziele zu verfolgen. Und damit ist jetzt Schluss! SCHLUSS! Falls erforderlich, und falls mir kein anderer Weg gezeigt wird, werde ich notfalls auch weiterhin mit dem Brecheisen arbeiten!"

   "Sie isolieren sich, wenn Sie die Gefühle anderer Menschen verletzen!"

   "Wenn es sich um Isolation durch Menschen handelt, die selbst meine Gefühle verletzen, kann ich gut auf sie verzichten!"

   Er lässt nicht locker: "Ich wiederhole es noch einmal: Sie isolieren sich, wenn Sie keine Rücksicht auf andere nehmen!"

   "Es gibt aber gedankenlose oder rücksichtlose Menschen, die glauben, nur ihre Meinung zählt, und die unbeirrt ihre eigenen Ziele verfolgen und zu keinem Entgegenkommen bereit sind, sondern andere mit allerlei Argumenten beschwichtigen oder einschüchtern. Ich habe während der ambulanten Therapie zuhause erste Fortschritte gemacht und kann heute meine Bedürfnisse verteidigen und notfalls auch erkämpfen!"

   "Sie wirken sichtlich erregt bei diesem Thema."

   "Ich weiß sehr genau, dass ich überreagiere. Ich bin hier, um mich zu erholen und dadurch ausgeglichener zu werden. In meinem jetzigen Zustand bringt es mich sofort in Wut, wenn mir vorgeworfen wird, dass ich die Gefühle anderer Menschen nicht achte.

   Ich verlange von anderen nicht mehr als das, was ich ihnen ebenfalls gebe: Rücksicht! Und Hilfsbereitschaft! Mein Mann hat inzwischen verstanden, dass er mir den größeren Teil der Pflichten überlassen hat, und wir werden daran arbeiten, unsere Beziehung weiter zu verbessern.

   Mein Vorgesetzter wird niemals einen Fehler einsehen geschweige denn zugeben. Ich bin absolut frustriert! Ich arbeite schon so lange für diese Firma, und dies ist der erste Mensch dort, mit dem ich Probleme habe. Ich hasse ihn! Ich hasse ihn dafür, dass er mich seit Jahren unter Druck setzt und ständige Kritik das Allerletzte aus mir herausholt.

   Ich weiß, dass es zu allem verschiedene Ansichten gibt - möglicherweise steht dieser Mann unter dem gleichen Druck und steht vor der Alternative 'Funktionieren oder Kritik' - Aber was nützt mich mein ganzes Verständnis, wenn er durch sein Verhalten meine Gesundheit ruiniert? Ich bin selbst nicht der Mensch, um Druck von oben an meine Mitarbeiter weiterzugeben, um mich dadurch zu entlasten. Und das ist heute mein Problem! Mein Mitgefühl und mein Bedürfnis nach Fairness, und nicht etwa Ignoranz den Gefühlen anderer Menschen gegenüber!"

   "Sie sollten ruhiger an die Dinge herangehen und immer wieder sachlich versuchen, eine für Sie erträgliche Lösung herbeizuführen."

   "Das habe ich lange Zeit sachlich versucht. Mein Vorgesetzter hat dann sofort auf extrem freundliche Sonderbehandlung umgeschaltet und mich um Verständnis für seine Situation gebeten. Er hat eine starke Ausstrahlung - man kommt sich vor wie bei einer Gehirnwäsche, deren Wirkung erst nach Tagen nachlässt, wenn einem deutlich bewusst wird, dass der gewohnte unbezwingbare Berg von Aufgaben noch immer auf einem lastet!"

   Die für die Gruppenstunde vorgesehene Zeit ist bereits überzogen. Ich schäme mich einen Moment für den langen Monolog, beschwichtige mich sofort wieder: Der Stationsarzt ist verantwortlich für die Gesprächsführung, hat den Verlauf heute bewusst gesteuert.

   Ein Unbehagen bleibt. Ich fühle, dass der Arzt meine Beschreibung der betrieblichen Zustände nicht ernst nimmt, mir stattdessen verdeutlichen will, dass allein ich mein Verhalten ändern soll. Plötzlich vermute ich erschrocken: Er verhält sich wie mein Vorgesetzter! Er will mich davon zurückhalten, meine eigenen Bedürfnisse wichtig zu nehmen... Er versucht, mich zu bremsen!

   Doch dann sein Rat an alle Anwesenden: "Lassen Sie sich nicht durch Geschenke, Blumensträuße oder andere Schmeicheleien beschwichtigen, wenn ein Problem zu lösen ist! Bestehen Sie sachlich darauf, dass es geklärt wird!"

   Mein Tisch im Speisesaal ist bereits leer, als ich dort eintreffe. Nach der Mahlzeit kommt meine neue Zimmernachbarin zu mir an den Tisch. Es ist die Patientin, die es morgens in der Gruppe "wunderbar" fand, dass Richard und ich in Krisen überhöflich miteinander umgehen. Dann erzählt sie ohne Einleitung hektisch, dass eine ihrer Töchter sie hasse, ständig mit Selbstmord drohe. "Ich habe ihr nicht gesagt, dass ich wegfahre. Sie hätte sich sonst noch vor meiner Abreise weggeräumt, um es mir zu zeigen!"

   "Ihre Tochter braucht unbedingt selbst fachkundige Hilfe. Vielleicht sollte sie auch hier in die Klinik kommen? Allerdings hat sich in der letzten Woche sogar eine der Patientinnen hier umgebracht..."

   Sie erkundigt sich interessiert: "Aus dem Fenster gesprungen? Vergiftet?"

   "Sie hat sich unter einen Zug geworfen."

   "Sie muss sehr verzweifelt gewesen sein..."

   "Der Stationsarzt hat es einen aggressiven Selbstmord genannt..."

   "Ich würde gerne noch weiter mit Ihnen sprechen - kann ich Sie heute Nachmittag zum Einkaufen des Geschenks in die Töpferei begleiten?"

   Ich befürchte eine ausführliche Schilderung ihrer Probleme, mit denen ich mich auf keinen Fall zusätzlich belasten will, möchte sie aber nicht verletzen und stimme deshalb zu.

   Auf dem Weg zurück in unsere Zimmer treffen wir die Traurige in der Halle. "Ich muss jetzt zum Bahnhof und mir die Fahrkarte für meinen Weihnachtsurlaub besorgen. Hätte ich sie nur schon gekauft..."

   Ich sehe auf meine Uhr. "Wir gehen um halb Drei zum Einkaufen los. Sie können sich gerne anschließen."

   Sie wehrt ab: "Nein, nein. Das hilft mir nicht weiter. Ich muss allein gehen. Ich muss wieder lernen, Vorhaben selbständig auszuführen."

   Wir gehen gemeinsam die Flure entlang. Sie erzählt von ihren Schwierigkeiten, morgens den Tag zu beginnen: "Ich sehe meine Kleider an und weiß nicht, wie ich sie anziehen soll..."

   "Aber Sie sind doch angezogen - hat Ihnen jemand geholfen?"

   "Nein... jetzt, nachdem Maria abgereist ist, schäme ich mich, jemanden anderen um Hilfe zu bitten..."

   Eine Patientin, deren Aufenthalt hier in den nächsten Tagen beendet sein wird, und die sich voller Optimismus auf zu Hause freut, tritt zu uns und versucht, die Traurige aufzumuntern: "Sie haben jetzt eine wunderschöne Frisur für Ihren Urlaub zu Hause! Ziehen Sie Ihre schönsten Kleider an, schminken Sie sich, treten Sie als Dame auf. Ihre Nachbarn werden neidisch auf ihre gute Erholung sein!"

   Das Gesicht der Traurigen zeigt große Zweifel. Wir anderen spielen jetzt spontan die geschwätzigen Nachbarn, gehen auf dem Flur auf und ab, raunen: "Sieh mal, wer wieder da ist. Sie soll in einer Nervenklinik gewesen sein..."

   "Aber sie sieht gut erholt aus, ihre Haare sind sehr gepflegt, ihre Kleidung tipptopp..."

   Ich stolziere übertrieben aufrecht, will die Traurige selbstbewusst darstellen: "Guten Tag, liebe Nachbarn! Wie geht es Ihnen? Ich jedenfalls fühle mich bestens! Ich habe mich in der Klinik so wohl gefühlt, dass ich noch einmal für ein paar Wochen hinfahre - besser kann es einem ja nicht gehen: Man wird verwöhnt, das Essen ist köstlich, die Zimmer wunderbar, lauter nette Leute!"

   Jetzt lacht sie, wird nach kurzer Zeit wieder ernst, zieht den Schleier der Traurigkeit über ihr Gesicht: "Zuerst muss ich es erst einmal über mich bringen, eine Fahrkarte zu kaufen. Wäre ich doch nur schon umgezogen und auf dem Weg..."

   "Sie sind doch angezogen!"

"Nein, nein... heute Morgen habe ich das Erste angezogen, was ich in die Hände nahm... Ich will gut aussehen, wenn ich jetzt losgehe..."

"Sie machen doch große Fortschritte!"

   Meine Befürchtung trifft ein: Während unseres Weges zum Ort erzählt meine Zimmernachbarin wie gehetzt die Geschichte ihrer beiden Ehen. Sie spricht ohne Unterlass, glaubt, alle Antworten auf ihre Probleme zu kennen: "Meine Tochter haßt mich. Mein Mann hasst mich. Daran wird sich nichts ändern!"

   "Warten Sie es doch erst einmal ab. Die Therapeuten werden Ihnen sicher neue Wege zeigen, um eine Veränderung Ihrer häuslichen Verhältnisse zu erreichen!"

   "Nein, nein. Da ändert sich nichts mehr!"

   Ich fühle mich von ihrem Wortschwall und ihrer negativ fixierten Einstellung belästigt, bin wieder einmal glücklich, in meiner Tischnachbarin Ellen vom ersten Tag eine Gesprächspartnerin auf meiner Wellenlänge gefunden zu haben. Einmal bringt meine Begleiterin mich jedoch zum Lachen, als sie meine Heimat Westdeutschland als "Drüben" bezeichnet. Für mich als Hessin eine völlig ungewohnte Perspektive, da meine Vorstellung von „Drüben" die ehemalige DDR war.

 

 

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Frühere Veröffentlichung:

Goodbye, Robin

ENGLISCHE ÜBERSETZUNG
als KAPITEL-SERIE



Referenzen und Lesungen siehe Autorenhomepage www.ilse-koempel.de


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