Nach dem Frühstück bleiben Ellen und ich wie immer länger am Tisch sitzen, unterhalten uns noch eine Weile, bevor sich jede zu den verschiedenen Terminen des Tages aufmacht. Sie sagt: "Vinzenz war heute der Erste am Tisch. Er erzählte, wie sehr er sich freue, über die Feiertage bei seiner Familie zu sein, insbesondere bei seiner Frau. Ich habe ihm gesagt, dass man spürt, wie sehr er sie liebt. Er antwortete sehr niedergeschlagen, dass er froh sei, dass wenigstens wir das bemerken."
Ellen erwähnt, dass eine Patientin aus ihrer Gruppe für den Nachmittag eine Wanderung mit einem Herrn, ebenfalls Patient, plane. "Sie sucht einen Partner, und ich würde ihr wünschen, daß sie jemanden findet, nicht mehr länger allein sein muss. Wir dachten beide schon daran, eine Heiratsannonce aufzugeben."
Ich erzähle Ellen von Australien, den zahlreichen Deutschen, die dorthin ausgewandert sind. Dass sie dort vielleicht einen völlig neuen Anfang machen könne. "Als blondes deutsches 'Fräulein' hättest du bestimmt große Chancen!"
Sie lächelt erfreut, wehrt aber ab: "Liebe Regine, ich bin schon über Fünfzig..."
"Deshalb bist du doch nicht weniger wert! Du bist gepflegt, sparsam, intelligent und warmherzig! Dein Alter spielt keine Rolle!"
Sie wirkt jetzt interessiert, und wir besprechen die Möglichkeit, in einer australischen Zeitschrift zu inserieren. Dann fragt sie: "Oder weißt du vielleicht einen Herrn in deinem Bekanntenkreis, der zu mir passen würde?"
Nein, im ersten Moment nicht. Die Männer passenden Alters sind verheiratet. Doch! Ein Kollege, seit einigen Jahren geschieden und sehr einsam, seit seine beiden Töchter in anderen Städten studieren und nur noch gelegentlich nach Hause kommen. Ich kenne ihn seit vielen Jahren: ein sehr gefühlvoller, intelligenter Mensch, der oft über Einsamkeit nach seiner Jahre zurückliegenden Scheidung klagt. Sie könnten zusammenpassen...
"Mir ist jetzt doch jemand eingefallen - Ist es dir recht, wenn ich ihn anrufe und frage, ob er Interesse an einem Schriftwechsel mit dir hat?"
Sie ist sofort dafür: "Es wäre vielleicht eine Chance... Was ist er von Beruf?"
Meine Antwort "Ingenieur" scheint sie zu erleichtern.
"Ich sehne mich so nach interessanten Gesprächen..."
Ich wünsche ihr so sehr, dass sie alle Gelegenheiten nützt, aus ihren Lebensverhältnissen herauszukommen. Sie ist ein wunderbarer Mensch, fürsorglich um das Wohl anderer bedacht, große Wärme ausstrahlend.
Anschließend rufe ich meinen Kollegen im Büro an: "Sicher wundern Sie sich, von mir zu hören? Ich habe eine reizende, intelligente, gutaussehende Dame kennengelernt, die sich über einen Schriftwechsel mit Ihnen freuen würde. Wäre es Ihnen recht?"
Seine Stimme klingt sofort hell, erfreut: "Ja! Natürlich! Wie alt ist die Dame?"
Wie alt ist die Dame...
"Etwa in Ihrem Alter, vielleicht 1, 2 Jahre jünger. Sehr gebildet und sehr gepflegt. Möchten Sie die Bekanntschaft lieber mit einem Brief oder mit einem Telefonat beginnen?" "Mit einem Telefonat, man gewinnt so einen besseren ersten Eindruck!"
Ich weiß, dass mein Kollege alles für seine Töchter geben würde, aber sehr sparsam ist, wenn es um ihn selbst geht, bin gespannt auf seine Antwort auf meine nächste Frage: "Wer macht den Anfang?" Ohne Zögern sagt er, dass er selbst gerne am Abend anrufen würde. Ich gebe ihm Ellens Telefondurchwahl, empfehle 20.30 Uhr als günstige Zeit, sage ihm noch, dass ich diskret bin, alles Wissenswerte zwischen ihm und Ellen direkt besprochen werden kann. Und: "Ich kenne Sie beide wohl gut genug, um sicher zu sein, dass Sie nicht gegenseitig Ihre Gefühle verletzen, wenn der Kontakt wieder abbrechen sollte!"
Dann wähle ich Ellens Nummer, möchte ihr die interessante Neuigkeit am liebsten sofort mitteilen. Sie meldet sich nicht, nimmt sicher an einer Verordnung teil. Ich muss mich also bis zum Mittagessen gedulden.
Das für 11 Uhr vorgesehene autogene Training im Gruppenraum fällt aus, wie durch gelben Klebezettel außen an der Tür bekanntgegeben wird. Schade, wieder keine Gelegenheit, die Art Entspannung zu erlernen, die andere Patienten als so wohltuend beschreiben und die ich so dringend brauche.
Einige Gruppenmitglieder bleiben trotzdem, unterhalten sich erst über Haustiere, dann über Familie, Kinder. Ich erfahre die erschreckende Geschichte einer um ihre beiden drogenabhängigen Töchter besorgten Mutter, in zehn Minuten geschildert, weiß, welche unglaublich schmerzhaften Gefühle in dieser Frau getobt haben müssen. Sie fährt nächste Woche wieder nach Hause, hofft, die hier erlernte Gelassenheit zu behalten, das Wissen, dass Loslassen eine der wichtigsten Lebenshilfen ist.
Die Patientin mit den traurigen Augen kommt ebenfalls herein. Sie will am Nachmittag zum Friseur, hat aber Bedenken, dass die neue Pracht während der anschließenden Bewegungstherapie im Schwimmbad wieder zerstört werden wird. Ich biete ihr an, sie am Abend mit dem Lockenstab zu frisieren. Sie blickt mich zweifelnd an: "Und wenn das nun nichts wird? Dann stehe ich aber schlecht da - ich will gut aussehen, wenn mich meine Nachbarn sehen!"
Sie hat also wieder konkrete Wünsche. Mir fällt ein Traum während der vergangenen Nacht ein: "Ich habe von Ihnen geträumt, chic frisiert, mit festlichem Make-up, mit Schmuck und in Abendkleidung!"
Ein Lächeln blitzt auf ihrem Gesicht auf. Sie wirkt plötzlich um Jahre jünger, ihre Augen strahlen: "So habe ich vor gar nicht langer Zeit auch ausgesehen. Ich hatte mich nach dem Tod meines Mannes wieder verliebt, mich für einen Mann herausgeputzt, den es jetzt in meinem Leben nicht mehr gibt... Die Leute an meinem Wohnort wissen nichts von dieser Geschichte. Aber sie wissen, dass ich nun schon fast vier Monate hier bin..."
"Schämen Sie sich, in der Klinik zu sein?"
"Ja."
Zeit zum Mittagessen. Wir gehen gemeinsam hinüber, streben dann unseren Sitzplätzen an verschiedenen Tischen zu. An meinem Tisch ist für einen neuen Patienten eingedeckt, der offensichtlich noch nicht eingetroffen ist.
"Der Datenschutz gilt hier ja nicht", sagt Vinzenz und liest vom Papieraufkleber der zusätzlichen Serviettenhülle ab, dass der Neue Jahrgang 37 ist und Joachim mit Vornamen heißt. Wir mutmaßen kurz, wie der neue Tischgenosse wohl sein möge - immerhin hängt vom Frieden während der gemeinsamen Essen doch ein großer Teil der anstrebten Erholung ab. Ellen berichtete von vielen Zwischenfällen in anderen Tischgemeinschaften: Abneigungen, Bösartigkeiten, Herabsetzung von Ostdeutschen durch Patienten aus dem Westen.
Wir müssen uns noch länger in Geduld fassen; der Neuankömmling trifft während unseres Aufenthaltes im Speisesaal noch nicht ein.
Um den neuen Termin für das Gespräch mit dem Kunsttherapeuten am Nachmittag auf gar keinen Fall zu versäumen, stelle ich mir beim Niederlegen zur Mittagsruhe den Wecker eine halbe Stunde früher, gehe 15 Minuten vorher los, warte bis zum angegebenen Termin im mir von meinem Stationsarzt genannten Gruppenzimmer. Weder der Therapeut noch irgendein anderer Patient sind zu sehen. Ich werde unruhig, frage die Etagenschwester, ob noch ein anderer Raum in Frage komme.
"Vielleicht ein Stockwerk tiefer!"
Als ich im Untergeschoß die Tür des entsprechenden Raumes öffne, sehe ich volle Besetzung durch andere Therapeuten, die unwillig über die Störung aufsehen. Ich entschuldige mich und schließe vorsichtig die Tür. Wieder falsch! Mir steigt unaufhaltsam Enttäuschung und Ärger in die Kehle. Ich fühle mein Herz eng werden. Vielleicht im Atelier im anderen Gebäude? Wenn ich jetzt rasch hinübergehe, komme ich nur unwesentlich zu spät.
Auf dem Weg durch den Verbindungsgang begegnet mir der Kunsttherapeut. Er schaut mich flüchtig an, springt mit eiligen Schritten die Treppe hinauf in eine völlig andere Richtung. Ich rufe ihm nach: "Wenn Sie mir sagen, wohin Sie gehen, werde ich Sie wohl auch finden können!" Er hält inne, sieht mich mit einem unbeschreiblich undurchsichtigen Gesichtsausdruck an, sagt: "Einhunderteinundsechzig. Ich komme in zehn Minuten."
Ich gehe wieder zu dem beschriebenen Raum, setze mich in einen der Sessel. Der Therapeut erscheint einige Minuten später, hält es nicht für erforderlich, seine Verspätung zu erwähnen. Meine Frustration über die hastige Suche während der vergangenen halben Stunde, die Befürchtung, auch heute könne es nicht zu dem Gespräch und anschließend zu einem erneuten Vorwurf kommen, ist noch nicht abgeklungen: "Sie waren letzte Woche nicht in dem mir von meinem Stationsarzt genannten Raum!"
Wieder dieser Gesichtsausdruck! "Ich verstehe nicht...?"
"Ich war pünktlich am angegebenen Raum, aber es war ein Patientenzimmer! Dann habe ich Sie überall vergeblich gesucht!" Verdammt noch mal! hätte ich am liebsten dazugesetzt, sage aber: "Sie waren für mich nicht auffindbar, obwohl ich gerne schon längst in Ihrem Kurs begonnen hätte. Mein Frustrationspegel stieg dadurch so hoch, dass ich nach langem vergeblichen Suchen sagte: Mir reichts jetzt!"
Er sieht mich abwesend an: "Wem reichts? Wer hat das gesagt?"
"Ich!"
Ein ausdrucksloser Blick. Ich biete ihm eine Erklärung für das nicht zustande gekommene Treffen an: "Vielleicht hat mir mein Stationsarzt versehentlich eine falsche Raumnummer genannt? 151?" Keine Antwort. Ich sehe ihn abwartend an.
Er erklärt mir dann die beiden verschiedenen Arten der Kunsttherapie: Gruppenarbeit, in der nach einem von ihm vorgegebenen Thema nach individuellem Empfinden gestaltet wird, und das "Offene Atelier" für Patienten, die entsprechend bereits konkreter Vorstellungen arbeiten wollen. "An welchem der beiden Kurse wollen Sie teilnehmen?"
"Am liebsten an beiden!"
Ich habe mein Pantherbild und den modellierten Pantherkopf dabei und schlage zuerst die Zeichenmappe auf. Er wirkt sofort interessiert, zieht sich das Bild näher heran, betrachtet es ausgiebig:
"Beachtlich. Wirklich beachtlich."
"Ich möchte nicht, dass Sie glauben, ich hätte das Motiv mit künstlerischer Hand so gut gezeichnet - ich habe nach einer Vorlage gearbeitet und diese nach meinen Vorstellungen verändert."
Seine Stimme klingt noch immer interessiert: "Und wo haben Sie die gefunden?" "In einer Illustrierten."
Sein Kommentar wirkt jetzt ablehnend: "Es ist die Arbeitsweise einiger Menschen, Hilfsmittel zu gebrauchen. Das Ergebnis entspricht aber reiner Logik, um Perfektion möglichst nahe zu kommen."
Der Satz klingt in mir nach - ja, so gehe ich üblicherweise vor. Was soll falsch daran sein? Dieses Bild drückt exakt meine Stimmung aus, die ich bei den ersten Versuchen mit ungeübter Hand nicht aufs Papier bringen konnte.
Jetzt sagt er: "Finden Sie stattdessen lieber heraus, was sie in bestimmten Situationen wirklich am liebsten tun würden!"
Aber ich habe doch genau das getan, was ich tun wollte...?
Auf meine erneute Frage, ob ich an beiden Gruppen teilnehmen könne, antwortet er, dass dies aus Kapazitätsgründen nicht möglich sei.
"Andere Patienten aus meiner Gruppe nehmen an mehreren Veranstaltungen teil!"
"Bedaure."
"Dann entscheide ich mich für das Offene Atelier!"
"Es findet wegen der Feiertage erst in 14 Tagen wieder statt. Sie können aber an jedem Werktag nach 17 Uhr und an den Feiertagen tagsüber in einem Kreativraum arbeiten, es ist jedes Material vorhanden."
Ich nehme jetzt das Pantherköpfchen aus meiner Tasche, packe es vorsichtig aus einem kleinen Halstuch, und deute Kinderkopfgröße an: "Ich würde gern ein größeres Objekt modellieren - kann ich mich unbegrenzt mit Material bedienen?"
Der Therapeut ist jetzt entgegen der unbefriedigenden Kennenlernphase sehr interessiert, betrachtet das Modell aufmerksam und bietet an, am nächsten Tag nach Ende seines Kurses mit mir ins Materiallager zu gehen, die benötigte Großpackung frischen Materials herauszusuchen und mir Hinweise zur Verarbeitung zu geben. Wir verabschieden uns. Ich bin voller Vorfreude.
Abends im Speisesaal macht mich Ellen diskret auf ein einzelnes Paar an einem der kleineren Seitentische aufmerksam: "Dort sitzt unser neuer Tischnachbar. Er hat seine Frau für einige Tage mitgebracht. Sie wohnt in einer Pension am Ort. Er kommt bis zu ihrer Abreise nur zum Frühstücken an unseren Tisch. Ich weiß es vom Servierfräulein."
Vinzenz und ich beäugen den Neuen unauffällig im Verlauf des Essens. Ellen flüstert mir zu, dass der Neue ständig herüberschaue und sie ansehe. "Wenn du gemerkt hast, dass er dauernd herüberschaut, musst du aber genausooft den Kopf gedreht haben. Du sitzt doch mit dem Rücken zu ihm!"
"Er sieht gut aus, und er wirkt sehr sympathisch..."
Ellen scheint aufgeregt wegen des angekündigten Anrufes meines Kollegen, verzichtet auf ihre ursprünglich geplante Teilnahme am abendlichen Weihnachtssingen. Wir gehen nach dem Essen durch die schwach beleuchteten Straßen in der Umgebung der Klinik spazieren, haben uns wie immer viel zu erzählen, hören uns gegenseitig zu, ohne jedes Stichwort zum Aufgreifen eigener Themen zu nutzen - ein rarer Genuss für uns beide, sind wir doch mit wenigen Ausnahmen im Alltag die Zuhörenden, Verständnisvollen.
Nach unserer Rückkehr gehen wir auf unsere Zimmer. Ich bin bereits neugierig, frage Ellen: "Meldet du dich nach dem Telefonat noch einmal?" "Ganz bestimmt. Ich bin so aufgeregt!"
Bis 21 Uhr höre ich nichts von ihr, rufe ihre Nummer an. Besetzt! Ich bin verblüfft, kenne ich doch die Sparsamkeit des Anrufers. Sollte es tatsächlich sofort zwischen den beiden gefunkt haben? Eine Viertelstunde später ruft Ellen an, lädt mich in ihr Zimmer ein, das ich zum ersten Mal betrete. Tisch, Nachtschrank und Fensterbank stehen voll mit weihnachtlichem Zierrat, Kerzen, Vasen mit Zweigen und Schleifen, Anhängern, unzählige Figürchen, Päckchen, ein kleiner Stapel handgeschriebener Briefe. Ich habe kurz den Eindruck eines Altars, vergleiche die überreiche Dekoration mit der Nüchternheit meines eigenen Zimmers.
Wir setzen uns in die Sessel, streifen unsere Schuhe ab und legen die Füße bequem auf Ellens Bett. Sie erzählt wortreich nahezu jedes Detail des Gespräches: "Er ist in meiner Heimat Ostpreußen geboren; wir haben viele gemeinsame Erinnerungen an unsere Kindheit - er hat eine sehr sympathische Stimme, hat die Unterhaltung sehr geschickt zu immer neuen Themen gelenkt.
Er hat mich wohl getestet... aber auf sehr nette Weise. Wir haben uns sehr gut unterhalten. Ich habe auch offen über meine Lebenssituation gesprochen. Wir haben vereinbart, dass ich ihm als Nächstes einen Brief schreibe und ein Foto beilege. Er sagte, dass er selbst nicht so gern schreibt. Er will mich im Neuen Jahr wieder anrufen."
Sie sprudelt lebhaft weiter, und ich sehe sie in Gedanken bereits glücklich strahlend vor einem Standesbeamten. Er würde finanzielle Sicherheit in die Ehe einbringen, sie die häusliche Atmosphäre und liebevolle Fürsorge. Seine Einsamkeit und ihre Existenzangst hätten ein Ende.
Am nächsten Morgen verabschiedet sich Vinzenz nach dem Frühstück für die drei kommenden Tage. Er hofft, im ICE-Zug einen Sitzplatz zu bekommen, hat keine Reservierung. "Egal, ich fahre heim, und wenn ich 24 Stunden mit dem Bummelzug oder per Anhalter reise!"
Er hat sich die Heimfahrt ohne Wenn und Aber vorgenommen, gibt jetzt zu: "Wahrscheinlich werde ich unterwegs alle erreichbaren Höhen und Tiefen meiner Gefühle erleben, von tiefster Verzweiflung während des Wartens auf verspätete Züge bis zum höchsten Glück, endlich zu Hause bei meiner Familie zu sein..." "Soll ich dich am Montag vom Zug abholen?"
"Nein danke, ich komme mit meinem Auto zurück - ich möchte mir die Umgebung ansehen!"
Richard wird mich nicht besuchen. Er sagte am Telefon, er sei grippekrank. Ich storniere telefonisch die Zimmerbestellung.




