Burnouts - Die Mackenburg

... doch Vorsicht - dieser Roman kann das Bewußtsein verändern !

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42. Kapitel GEGENSÄTZE

   Unser "Herr Ostfriese" reist ab. Ellen bedauert, keine Zeit für einen Gang in den Ort zu haben und bittet uns andere Tischgenossen, ein kleines Abschiedsgeschenk zu besorgen: "Vielleicht ein Buch?"

   Ich biete mich sofort bereitwillig an. Das Herumstöbern in Buchläden bereitet mir seit frühester Jugend größten Genuss, trotz des unweigerlichen Gefühls des Bedauerns, dass meine Lebenszeit nicht ausreichen würde, um alle mich interessierenden Bücher zu lesen.

   Seit kurzem beseelt mich ein neues Interesse: die in den Schaufenstern präsentierten Bestseller, meine Hoffnung, vielleicht bald mein eigenes Buch dort zu entdecken. Heiko begleitet mich auf der Fahrt hinunter in die Stadt, muss sich bei jedem Verlassen der Klinik bei der Stationsschwester unter Angabe des Zieles und der Dauer der Abwesenheit an- und wieder zurückmelden.

   "Du weißt doch, dass ich Selbstmordgedanken habe." Wie selbstverständlich äußert er diesen erklärenden Satz.

   Unterwegs bewundert er meinen Wagen: "Es muss schön sein, sich dieses Auto leisten zu können... Merkst du, wie aufmerksam die Leute in den Straßen werden und uns nachsehen, wenn wir vorbeifahren?"

   "Das war vielleicht mein Grund, ihn vor ein paar Jahren zu kaufen, als ich selbst immer unattraktiver wurde. Der Wagen hat überall sehr viel Aufsehen erregt. In den ersten Wochen hatte ich überhaupt nicht das Gefühl, ihn zu besitzen; wenn ich ihn auf der Straße geparkt hatte und ihn nach einem Einkauf schon von weitem bewunderte, dauerte es immer einige Sekunden, bis mir bewusst wurde, dass es mein Auto ist...

   Er war eine Krücke für mein angeschlagenes Selbstbewußtsein - ich werde ihn möglicherweise verkaufen, wenn ich wieder zu Hause bin. Ich will künftig ein anderes Leben führen, mich selbst wieder mögen und nicht auf derartige Hilfen angewiesen sein müssen..."

Im Buchladen treffen wir eine junge Klinikpatientin, die sich über meine Einladung zur gemeinsamen Rückfahrt freut. Die beiden beteuern trotz der jetzt herrschenden Enge immer wieder ihr Vergnügen, in einem Sportwagen zu fahren, und ich biete an, eine kurze Ausfahrt durch die umliegenden Ortschaften zu machen. Wir unterhalten uns über belanglose Dinge. Plötzlich und ohne Übergang erzählt die junge Frau auf dem Rücksitz: "Ich bin hier wegen eines Selbstmordversuches. Ich bin missbraucht worden, seitdem ich sieben Jahre alt war. Ich habe hier zum ersten Mal darüber gesprochen. Ihre Stimme beginnt zu zittern. "Es war mein Vater."

   Ich bin empört: "Ist das wenigstens herausgekommen? Ist er dafür bestraft worden?"

   "Nein. Es wusste ja niemand außer mir davon. Meine Mutter war sehr lange krank und ist gestorben, als ich 15 war."

   Ohne nachzudenken, platzt es aus mir heraus: "Den würde ich fertigmachen! Ich würde ihn vor aller Welt bloßstellen! Sogar wenn er bereits tot auf dem Friedhof läge! Dieser Verbrecher!"

   Sie sagt, dass ihr Therapeut rät, sich mit ihm auszusprechen und ihm zu verzeihen.

   In mir bäumt sich alles auf. Ich an ihrer Stelle würde mich rächen und mir so Genugtuung verschaffen.

   Später am Tisch im Speisesaal erzähle ich ohne Hinweis auf die Person vom Schicksal der jungen Frau. "Ich musste mich sehr beherrschen, um sie nicht gegen die angewendete Therapie aufzuwiegeln. Wie würdet ihr euch an meiner Stelle verhalten, falls sie noch einmal mir gegenüber davon spricht?"

   Vinzenz denkt wie immer praktisch: "Verhalte dich so, wie es deinem Wesen entspricht. Schließlich sind wir nicht die Therapeuten und können unsere persönliche Meinung zu Dingen frei äußern!"

   Ellen gibt einen anderen Rat: "Der Therapeut tut bestimmt das Richtige. Halte dich am besten völlig zurück!"

   "Wollen wir jetzt unser kleines Abschiedsgeschenk überreichen?" Auf Ellens Vorschlag hin nehme ich das in Geschenkpapier verpackte Büchlein aus meiner Tasche: Verse großer Dichter und Denker. Ich lächle unseren "Herrn Ostfriesen" an, das uns wegen seiner immerwährenden Zurückhaltung "unbekannte Wesen": "Diese Leute haben einen großen Bekanntheitsgrad erreicht, weil sie ihre Gedanken nicht für sich behielten. Vielleicht ermuntert Sie dieses Buch, mit Ihren Gedichten auch an die Öffentlichkeit zu treten!"

   Er freut sich sichtlich bei der Übergabe, auf sehr schüchterne Weise, löst behutsam die Schleife der Verpackung, betrachtet Karte und Buch aufmerksam, blättert langsam die Seiten um.

   Vinzenz macht derweil einen sehr ungeduldigen Eindruck. Er hat sein Bild vom Rügener Kreidefelsen im Ort rahmen lassen und wird es bei seinem von seiner Stationsärztin abgelehnten und dann in einem auf seinen Wunsch erfolgten Dreiergespräch mit dem Oberarzt dann doch genehmigten Weihnachtsurlaub mitnehmen. Jetzt steht es eingehüllt in Packpapier auf dem freien Stuhl am schmalen Ende des Tisches.

   Er wartet nicht ab, bis die Geschenkübergabe an den Ostfriesen völlig ausgekostet ist, sondern wickelt das Bild aus und lässt es von uns bewundern.

   Ich wende mich noch einmal an den Ostfriesen, der meine Worte auf der Abschiedskarte gelesen, aber nicht kommentiert hat: "Die großen Dichter und Denker sind nur berühmt geworden, weil sie ihre Werke nicht geheim hielten!"

Er lacht spontan, bedankt sich noch einmal, bewundert mit uns anderen zusammen das von Vinzenz hingehaltene Bild, verabschiedet sich schnell wie nach jedem Essen.

   Auch Vinzenz wünscht einen schönen Abend, verlässt den Tisch.

   Ellen und ich sind wie stets die Letzten aus der Runde, unterhalten uns noch angeregt, als der Ostfriese zu unserer Überraschung noch einmal zurück in den Saal und an unseren Tisch kommt.

   "Sie haben mich jetzt doch ermuntert, Ihnen meine Gedichte zu zeigen!" Er übergibt uns schüchtern ein Poesie-Album. Ellen schlägt es auf. Die einzelnen Seiten sind mit einer sehr ausgeprägten, auf den ersten Blick schwer zu entziffernden Handschrift gefüllt. Ellen fragt: "Dürfen wir es in Ruhe lesen? Wir geben es später bei Ihnen ab?" "Ja, natürlich. Aber es ist wirklich nichts Besonderes..."

   Ellen liest vor, nachdem er unseren Tisch wieder verlassen hat. Ein schwerer Inhalt, für mich nicht sofort verständlich. Ellen sagt, dass ihr die Aussage völlig klar sei, interpretiert die Zeilen für mich. Anschließend gehen wir zum Zimmer unseres Tischgenossen und geben das Buch zurück. Ellen findet wie immer die richtigen Worte: "Ihre Gedichte sind sehr bemerkenswert und von ganz besonderer Qualität. Vielen Dank für das uns entgegengebrachte Vertrauen!"

   Noch beim Abschied am nächsten Morgen hängen meine Gedanken den Gedichten nach, die ich nicht völlig verstanden habe, und von denen Ellen sagt, sie erkenne genau, dass das Leben und die Hoffnungen des Verfassers geschildert wurden.

 

 

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Frühere Veröffentlichung:

Goodbye, Robin

ENGLISCHE ÜBERSETZUNG
als KAPITEL-SERIE



Referenzen und Lesungen siehe Autorenhomepage www.ilse-koempel.de


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