Meine Klinikpatin, selbst begeisterte Teilnehmerin an verschiedenen Kunsttherapiegruppen, ermuntert mich während der nächsten Gesprächsgruppe nach meiner Schilderung des verpassten Termins, mit ihr zum "Offenen Atelier" am Nachmittag zu gehen, auch wenn das Vorgespräch mit dem Therapeuten noch nicht stattgefunden hat: "Wir sind nur zu fünft; es gibt noch jede Menge freie Arbeitsplätze!" Der Stationsarzt warnt mich: "Sind Sie bitte nicht enttäuscht, wenn es heute noch nicht klappt..."
Ich bin überpünktlich, betrete den Raum voller Vorfreude mit meinem Zeichenblock unter dem Arm und dem Mäppchen mit Stiften in einer Hand. Der Therapeut mustert mich ernst und weist mich ab: "Nein, es muss erst ein Einzelgespräch stattfinden. Sie sind zum vereinbarten Termin vor einigen Tagen nicht erschienen. Meine Kollegin aus der Körpertherapie hat Sie ebenfalls vermisst."
Er ignoriert meine Erwiderung, dass mein Stationsarzt den Wechsel besprochen habe, und dass die mir genannte Raumnummer ein Patientenzimmer gewesen sei. "Am nächsten Montag um 15 Uhr in Raum 161." Mit diesen Worten schließt er die Tür des Arbeitsraumes vor mir.
In mir kocht Wut auf. Mein Wunsch nach Wechsel war doch vom Stationsarzt in der allgemeinen täglichen Therapeutenrunde weitergegeben worden! Und weshalb hat er meine Erklärung für das nicht Zustandekommen des Gespräches mit ihm ignoriert? Es war doch keine Nachlässigkeit meinerseits - durch die Angabe der falschen Raumnummer konnte ich ihn trotz meiner Suche im Haus nicht finden! Ich bin voller Protest über die ungerechte Behandlung.
Wieder in meinem Zimmer, wird mir bewusst, dass ich völlig hektisch und sinnlos bereits gespitzte Buntstifte anspitze. Ich bin sehr enttäuscht, obwohl mich der Stationsarzt vorgewarnt hatte. Ich will jetzt kreativ sein. JETZT!
Von einem meiner zahlreichen Einkäufe im auf kleinstem Raum bestsortierten örtlichen Schreibwarengeschäft hatte ich Modelliermasse mitgebracht, die ich jetzt hingebungsvoll zu einem faustgroßen Pantherköpfchen forme. Es überrascht mich, bereits nach einer Viertelstunde die fertige Form in den Händen zu halten. Sie ist noch feucht, wird erst in den nächsten Tagen völlig trocknen. Trotzdem lackiere ich sie noch an diesem Abend schwarz, die Augen Gold mit schwarzer Pupille.
Ich bin sehr zufrieden mit dem Ergebnis und fühle mich jetzt entspannt, hatte mich während der ganzen Zeit ausschließlich auf die Arbeit meiner Hände konzentrieren können und dabei das immerwährende und zermürbende Karussell meiner Gedanken vergessen.
Vor der Mittwochs-Gesprächstherapiegruppe warte ich vor der Tür des Wohnzimmers auf meinen Stationsarzt, spreche ihn an: "Ich stehe offensichtlich immer noch auf der Teilnehmerliste der Körper-therapiegruppe?"
Er überlegt, sagt zögernd: "Ja... Wollten wir nicht darüber sprechen?"
"Ja!"
Er entschuldigt das Versehen wegen Zeitmangels: "Leider untergegangen..."
Wir führen unser Gespräch zwischen Tür und Angel, er geht jetzt einen Schritt weiter ins Zimmer, sagt im Vorbeigehen: "Bitte teilen Sie der Therapeutin doch selbst die Gründe für Ihren Wechsel mit!"
"Es ist mir unangenehm, mit ihr zu sprechen. Kann ich auch einen erklärenden Brief schreiben?"
Seit langem bin ich dazu übergegangen, mich Diskussionen durch Briefe zu entziehen. Ich traue meinen Reaktionen während Unterhaltungen nicht mehr: Das leiseste Gefühl, nicht oder falsch verstanden, gar kritisiert zu werden, löst heftige Aggressionsausbrüche bei mir aus.
"Ja, Sie können ihr natürlich auch schreiben."
Ich schreibe ihr also und bitte sie, meinen Wechsel nicht persönlich zu nehmen. Ich bin mir bewusst, dass dies nicht die Wahrheit ist, dass mich ihr stoisches Gesicht, ihr mangelndes Interesse an mir, die von mir vermisste Ausstrahlung sofort eine tiefe Abneigung in mir hervorriefen. Dann gehe ich hinüber zu ihrem Büro, bin erleichtert, dass auf mein Klopfen niemand antwortet, und schiebe den Brief unter der Tür hindurch ins Zimmer.
Einige Stunden später begegnen wir uns zufällig auf dem Flur, bleiben beide stehen. Sie sieht mich lange mit blassem, ernstem Gesicht an, sagt dann: "Was, glauben Sie, fühle ich, wenn Sie nicht zu meiner Stunde kommen, sondern ich Sie zur gleichen Zeit durch die Halle laufen sehe?"
"Es tut mir sehr leid, dass Sie nicht informiert waren und sich gekränkt fühlten!"
Das Gespräch hinterlässt einen unbehaglichen Eindruck in mir. Habe ich mich tatsächlich rücksichtslos verhalten, oder war meine Hoffnung, der Stationsarzt würde mich schlicht und ohne weitere Umstände ummelden, zu hoch angesetzt? Aber ER wollte doch darüber sprechen und hat es vergessen? Das Unbehagen bleibt, flackert jedes Mal erneut auf, wenn die Therapeutin mir im Haus begegnet und mit unbewegtem Gesicht an mir vorbeisieht.




