Der Senior am Tisch hat die Empfehlung der Klinik, über die Feiertage zu bleiben, abgelehnt. Er möchte nach Hause; Abreisetag ist morgen. Bereits während der vergangenen Tage rang er mühsam um Beherrschung, wenn eine der zahlreichen Patientinnen, die sich sehr liebevoll um ihn kümmerten, von Abschied sprach.
Ellen bietet ihm an, die Organisation seiner Abschiedsfeier zu übernehmen, geht völlig in dieser Aufgabe auf, obwohl er mehrmals betont, sie möge sich keine Mühe machen, und selbst ebenfalls Geschirr, Kaffee und Kuchen organisiert, die dann abends zu Ellens großer Enttäuschung in doppelter Menge im Clubraum vorhanden sind.
Er hat bereits seinen Transport zum Bahnhof mit einem in der Klinik arbeitenden Zivildienstleistenden abgesprochen. Eine Teilnehmerin seiner Gesprächsgruppe besteht darauf, dass er diese Fahrt absagt und sich von ihr zum Bahnhof bringen lässt. Er geht nur sehr widerstrebend darauf ein, gibt erst nach, als sie ihn eindringlich bittet, es ihr zu erlauben.
Der alte Herr wird an diesem Tag mit Abschiedsgeschenken von Patientinnen überhäuft. Am Abend findet er beim Verlassen seines Zimmers eine Rose auf dem Boden vor seiner Tür, wie er mit einem halb geschmeichelten, halb wehmütigen Lächeln am nächsten Morgen beim Frühstück erzählt. Im Stillen frage ich mich, wie er den Wechsel zwischen der Schutzburg der Klinik mit allen ihm gewidmeten Aufmerksamkeiten zur leeren Wohnung verkraften wird. Ich frage ihn danach: "Jetzt geht es also wieder hinaus ins feindliche Leben..."
Sofort zieht ein Schatten über sein Gesicht, und ich bereue meine düstere Bemerkung. Wir alle am Tisch geben ihm Zettel mit unseren Adressen und Telefonnummern, erhalten seine dafür.
Der Abschied schmerzt mich: Durch die allseits offene Art, aufeinander einzugehen und sich zuzuhören, entsteht in sehr kurzer Zeit eine sehr starke Gefühlsbeziehung zwischen Patienten. Ich glaube, manche von ihnen bereits besser zu kennen, als einige mir seit vielen Jahren vertraute Personen.
Der alte Herr muss Ellen versprechen, anzurufen, sobald er wohlbehalten zu Hause angekommen ist. Sein Anruf bleibt aus. Mein Gegenüber aus Aurich versucht mehrmals, ihn telefonisch zu erreichen. Vergeblich: "Er scheint nicht in seiner Wohnung zu sein."
Sofort Ellens bange Worte: "Hoffentlich hat er sich nichts angetan..."




