Vor der Rückkehr zur Klinik fahre ich zu einem schmucken kleinen Hotel, in dem ich für Richard, der mich über die Feiertage besuchen möchte, ein Zimmer buche. Später überlege ich, wann die von Richard geplanten Fahrten zu den Sehenswürdigkeiten dieser Landschaft stattfinden könnten. Er will am zweiten Feiertag, einem Montag, anreisen, drei Tage bleiben und freitags wieder zurückfahren.
Ich möchte keinen der Kliniktermine versäumen, bin auch froh über den gleichmäßigen Tagesablauf mit ausreichenden Ruhezeiten. Aber ich möchte Richard nicht kränken, indem ich ihn bitte, jetzt noch nicht zu kommen...
Am Eingang zum Speisesaal liegt ein Stapel Zeitungen: das kostenlose Kreisblatt. Ich nehme eine Ausgabe mit und vertreibe mir später auf meinem Zimmer die Zeit bis zu Richards Anruf. Rubrik Kraftfahrzeugmarkt. Ein Wartburg wird verschenkt, ohne TÜV. Eine Anzeige springt mir in die Augen: Verschenke Trabant, sehr guter Zustand, 10 Monate TÜV. Ein Trabi zu verschenken! Weshalb nicht auf allen Gebieten zurückschrauben, sparsamer leben, Zeit für mich haben?
In Gedanken besitze ich den inserierten Trabi schon und überlege, wie er nach Hessen gebracht werden könnte. Richard nennt die wenigen Exemplare, die wir zu Hause sehen, scherzhaft Rennpappe.
Mein Anruf unter der angegebenen Telefonnummer klärt die Lage sofort: Die Zeitung ist von gestern, das Auto schon vergeben. Schade!
Trotzdem eine gute Erfahrung für mich: Wenn mich etwas interessiert, bin in trotz meiner Abgeschlagenheit fähig zur Begeisterung und aktivem Handeln! Die absolute Trägheit und Entschlusslosigkeit der zurückliegenden Monate betraf ungeliebte Pflichten, deren Zahl ständig wuchs und mich immer stärker überforderte.
Das Telefon klingelt, und ich sprudele heraus. "Richard! Beinahe wären wir jetzt Besitzer eines Trabis! Ich suche weiter! Hier gibt es diese Autos noch wie Sand am Meer!"
Richard bremst: "Regine, lass uns abwarten, was wird, wenn du wieder zu Hause bist... Ich muss auch erst klären, ob er bei uns zugelassen wird..."
"Weshalb sollte er nicht zugelassen werden, es fahren doch auch andere bei uns in Hessen herum?"
"Ich erkundige mich erst einmal..."
"Aber dir gefallen diese Autos doch auch...!?"
"Ja, aber jetzt ist nicht der richtige Zeitpunkt. Lass uns nach deiner Rückkehr darüber sprechen."
"Aber ich bin jetzt hier und könnte ein geeignetes Fahrzeug suchen!"
"Warte doch noch damit..."
Ich erkenne ein gewohntes Bild: Sein Abwiegeln, wenn ich Pläne äußere, für die er sich selbst nicht sofort begeistern kann, und meist mein Nachgeben in Form von Verdrängung meiner Wünsche, mein innerer Groll darüber. Irgendwann zum ungeeignetsten Zeitpunkt dann unweigerlich der berühmte Tropfen, der das Fass bei mir zum Überlaufen bringt und meiner Frustration in wütenden Worten oder nicht abgesprochenen Spontanentscheidungen Bahn bricht, von Richard mit völligem Unverständnis quittiert. Ich will mehr Rücksicht auf meine Wünsche nehmen...
"Richard, ich möchte selbst entscheiden, welches Auto ich fahre. Ich stelle das Ganze jetzt erst einmal zurück; es steht ja ein Wagen vor der Klinik. Ich werde später alles selbst organisieren!"
Das weitere Gespräch verläuft knapp; ich bin trotz meines neugefassten Vorsatzes, Richard mehr Zeit zum Überdenken meiner Vorschläge zu geben, gekränkt, will jetzt auch ihm eine Abfuhr erteilen: "Ich fühle mich nicht wohl bei dem Gedanken, dass du zwischen den Jahren hierherkommen willst. Ich habe jeden Tag Therapietermine und hätte wenig Zeit für dich. Ich würde mich unter Druck fühlen. Überlege dir bitte noch einmal, ob du unter diesen Umständen kommst!"
Ein verschlüsselter Hinweis. Ich will Richard nicht vor den Kopf stoßen und ihm sagen, dass er zuhause bleiben soll - und er umgeht eine direkte Antwort und will Besuch oder Nichtbesuch davon abhängig machen, ob unser Hund ein Quartier in der Tierpension findet.
"Gute Nacht!"
"Gute Nacht!"
Erst jetzt packe ich Ellens Tüte aus, die sie mir am Mittagstisch mit den Worten "ganz vorsichtig tragen!" überreichte. Ellen! Sie weiß, wie man eine Seele streichelt. Es ist ein liebevoll dekorierter Weihnachsteller mit einem Nest aus Goldlametta, Baststernen, und vier roten Schleifen als Symbole für den vierten Advent. Außerdem drei kleine Schokoladennikoläuse... Sie werden den Abend wohl nicht überstehen.
Der Teller schafft im nüchternen Durcheinander von PC, Drucker, Papierstapeln, Zeichenutensilien und Büchern den Beginn behaglicher Atmosphäre.
Immer noch aufgebracht über den für mich unbefriedigenden Inhalt des vorausgegangenen Telefonates gehen mir Überlegungen zur Kündigung meines Arbeitsverhältnisses durch den Kopf, weichen allmählich optimistischen Überlegungen zur Verwirklichung meines Zukunftstraumes...
Was aber, wenn sich der Erfolg meines ersten Buches nicht realisiert, Richards Gehalt möglicherweise nicht ausreicht, um alle Lebenskosten zu decken und einen gewissen Lebensstandard zu ermöglichen? Egal! Es muss ausreichen! Unsere Lebensverhältnisse müssen den Einnahmen angepasst werden, nicht umgekehrt, wie in den früheren Jahren, in denen unsere Ansprüche immer weiter stiegen und trotz unserer guten Einkommen ein ständiger Seiltanz mit Kontoüberziehungen stattfand. Ich fühle genau: Ich bin auf dem richtigen Weg! Vor mir liegen keine trostlosen Jahre mehr, der Zeitraum bis zu einer Veränderung ist überschaubar begrenzt.
In dieser Nacht schlafe ich ruhig, wache am nächsten Morgen bereits um sechs Uhr ausgeschlafen auf, genieße die bis zum Aufstehen verbleibende Zeit behaglich unter die warme Bettdecke geschmiegt. Ich träume von meiner Zukunft - und empfinde wieder eine wohltuende innere Befriedigung, das sichere Gefühl, die richtige Entscheidung getroffen zu haben. Heute ist der erste Tag meines neuen Lebens!
Am Frühstückstisch erzähle ich den anderen von meinem Entschluss. Vinzenz sagt, er habe ebenfalls eines Tages einen Schlussstrich unter einen unbefriedigenden Beruf gezogen und dies nie bereut.




