Vinzenz kommt verspätet zum Mittagessen, sagt, er sei von der Stationsschwester gefragt worden, ob er eine Patientin zum Bahnhof fahren könne, zuhause sei etwas mit ihrem Kind. "Ich hätte sie selbstverständlich gefahren, wenn ich meinen Wagen hierhätte. Hast du nachher schon etwas vor, Regine? Würdest du die Frau nach dem Essen zum Bahnhof bringen?"
Ich sage spontan zu. Vinzenz telefoniert mit der Stationsschwester, gibt mir als Abfahrtszeit 13 Uhr weiter. Es erwartet mich dann eine Frau Mitte Dreißig mit kleinem Gepäck. Die restlichen Sachen sollen am morgigen Montag von einem Zivildienstleistenden auf der Bahn aufgegeben werden. Sie steigt ein, bedankt sich leise, weint. Sie will nicht zum örtlichen Bahnhof, sondern nach Dresden-Neustadt. Ich bin erst etwas unangenehm berührt wegen der vorher nicht erwähnten wesentlich längeren Fahrtstrecke, sehe der jungen Frau aber die Anspannung an und akzeptiere das Missverständnis.
Vorsichtig frage ich: "Ist etwas Schlimmes passiert? Ein Unfall? Möchten Sie darüber sprechen?"
Sie erzählt schluchzend, dass ihr neunjähriger Sohn am Morgen zu Hause in eine minutenlange, tiefe Ohnmacht gefallen und vom Vater ins Krankenhaus gebracht worden sei.
"Wir besuchen seit einem Jahr eine Eheberatung. Das Kind leidet unter den Spannungen. Er war bereits ein halbes Jahr wegen ungeklärter Bauchschmerzen in der Kinderpsychiatrie. Mein Mann weiß nicht, dass ich unterwegs nach Hause bin - aber ich muss unbedingt zu meinem Kind, ich kann nicht anders! Er hat schon früher mit körperlichen Symptomen auf familiäre Unruhe reagiert, gewürgt und erbrochen. Ich bin jetzt schon seit Wochen von zu Hause weg... Mein Mann hat gestern Abend eine Fete besucht. Jetzt hat sich der Junge bestimmt von uns beiden verlassen gefühlt... Unsere etwas ältere Tochter scheint besser zurechtzukommen."
„Wenn Sie jetzt so schnell bei ihm erscheinen, wird er lernen, dass er sofort Zuwendung bekommt, wenn er krank ist."
"Ich weiß, aber ich kann einfach nicht anders. Ich muß bei ihm sein und ihn trösten!"
Sie fragt bei der Ankunft am Bahnhof, wie sie mir für mein Entgegenkommen danken kann, und bietet an, mir die Benzinkosten zu bezahlen. Ich wehre ab und beteure, ihr gern geholfen zu haben. Wir verabschieden uns und wünschen uns gegenseitig die Kraft, unsere Hoffnungen umzusetzen. Unser Gespräch klingt in mir nach. Ich erinnere mich an meine Kindheit, an anhaltendes, ungeklärtes Nasenbluten nach der Scheidung meiner Eltern, den Krankenhausaufenthalt... Die abwechselnden Besuche meiner Eltern und ihre Mitbringsel: Obst, Süßigkeiten - Ersatz für Gespräche, die nicht stattfanden.
Meine Mutter leistete mir während ihrer Mittagspause Gesellschaft, las eine Illustrierte. Mein Vater verabschiedete sich nach aufmunternden Worten sehr schnell. Danach Schmerzen im Ellenbogengelenk meines rechten Armes, behandelt mit einer starkriechenden schwarzen Salbe und einem für jeden sichtbaren weißen Verband, der mich wochenlang vom Schreiben während des Schulunterrichts und von schriftlichen Hausaufgaben befreite... Anhaltende Heiserkeiten, die mich vor mündlicher Mitarbeit bewahrten... Würgereize während der Schulstunden, die häufiges Verlassen der Klasse erforderlich machten, um mich auf der Toilette übergeben zu können... Und einfache Erkältungen, denen ich mich behaglich so lange als möglich hingab, belohnt durch den Wegfall von Hausarbeiten, fürsorgliche Zuwendung der Mutter, und das Mitbringen von Lesestoff, Obst und Süßigkeiten...
Und mein eigenes Verhalten als Mutter? Das Heimschleppen prallgefüllter Lebensmitteltüten, die Freude meines Sohnes über seine Lieblingsspeisen? Geschenke? Geld? Ich habe ihn beschwichtigt... ihn, der sehr viel früher als ich die Spannungen nicht nur zwischen Richard und mir, sondern auch im Verhältnis zur weiteren Familie spürte, der sich zuerst darüber beklagte und später abwertend über unsere merkwürdigen Beziehungen untereinander sprach. Ich werde Robin schreiben, dass er recht hatte, dass ich nicht sehen konnte, was ich nicht sehen wollte. Dass ich das Verhalten meiner eigenen Eltern unbewusst nachahmte. Ich werde ihn bitten, mir zu verzeihen. Vielleicht ist es noch nicht zu spät für ihn, dieses grausame Muster zu unterbrechen, das Menschen zu seelischen Zombies macht. Auch jetzt wieder Tränen.




