Sonntagmorgen. Das Haus scheint nach dem Frühstück menschenleer; niemand ist auf den Gängen zu sehen, kein Laut zu hören. Ich beantworte in meinem Zimmer den umfangreichen Anamnesefragebogen der Klinik: Anlass des Kommens, vordringliche Beschwerden; wann fühlten Sie sich zuletzt körperlich und seelisch wohl? Was hat sich seitdem verändert? Beziehung zu Eltern und Geschwistern? Zeitpunkt und Art der ersten sexuellen Erfahrung? Wer sind die wichtigsten Personen in Ihrem Leben?
Insgesamt sind sieben Seiten auszufüllen. Das Nachdenken über lang zurückliegende Dinge strengt mich an, rührt viele Empfindungen in mir auf, die mich erschöpfen. Mein erster Befindlichkeitsbericht, den ich anschließend schreibe, fällt dann sehr mager aus:
Haus und Umgebung okay, tief schockiert über andere Schicksale.
Regelmäßiges Leben mit drei Mahlzeiten, frühes Zubettgehen.
Bedürfnis nach Essen im Zimmer gemildert, hält jedoch weiter an; Vorrat im Blumenkasten.
Schlusssatz auf die Frage nach dem persönlichen Ziel der Therapie: "Ich wünsche mir von meinem Aufenthalt hier, dass ich wieder Willenskraft und Zielstrebigkeit finde. Ich brauche ein Ziel, das mich erfüllt!"
In diesem Moment wird mir deutlich bewusst, dass ich bereits ein neues Ziel anvisiere: Ich will Schriftstellerin werden! Ich bin bereit, bis zum Einsetzen des Erfolges auch Einschränkungen auf mich zu nehmen. Ich will nicht mehr weiter zweifeln, sondern mich mit allen Kräften für den Erfolg einsetzen. Ich werde beim nächsten Telefonat mit Richard darüber sprechen. Irgendwie werde ich es schaffen! Der längst fällige Entschluss zur Änderung meiner Lebensumstände ist gefasst!




