Während des anschließenden Mittagessens erzählt Vinzenz begeistert von einem Bild, das er in der Kreativ-Gruppe "Offenes Atelier" am Vormittag aquarelliert hat: "Ich wusste gar nicht, dass ich malen kann - ich habe es rein aus der Erinnerung auf das Papier gebracht!"
"Das könnte ich nicht... Zur Zeit habe ich so gut wie kein Erinnerungsvermögen. Mir scheint, es wird sogar jeden Tag schlechter..."
Vinzenz sagt: „Wenn ich früher in der Schule Gedichte zu lernen hatte, habe ich mir die betreffende Seite eingeprägt und konnte in meinen Gedanken später daraus ablesen wie aus einem richtigen Buch."
„Im Moment könnte ich ein Buch mehrmals lesen und wäre jedesmal aufs Neue vom Inhalt überrascht..."
Vinzenz sieht mich erstaunt an: "Es fällt mir schwer, mir das vorzustellen... Das ist sicher manchmal sehr unbefriedigend für dich?"
"Es verunsichert mich auch sehr - jetzt biege ich mit dem Wagen links ab, wenn ich vorher den Blinker rechts gesetzt habe. Mein kürzlicher Auffahrunfall rückwärts vor einer grünen Ampel entsetzt mich immer noch!"
"Wahrscheinlich war dein Kopf überlastet und braucht jetzt einfach Ruhe. Mach dir keine Sorgen, es wird schon wieder!"
„Hoffentlich... Zeigst du mir dein Bild?"
"Ich bringe es zum Abendessen mit herüber. Dann können es auch die anderen sehen! Heute Nachmittag male ich die Lüneburger Heide! Ich glaube, ich habe ein schlafendes Talent in mir entdeckt!"
Abends zeigen wir anderen unsere Anerkennung und sprechen ausführlich über das Aquarell. Es zeigt einen starken Gegensatz - der große, unbewegliche Felsen im Vordergrund, und ganz im Hintergrund im blauen Wasser kleine Segelboote, mit leichter Hand wie spielerisch gemalt.
"Bist du vielleicht dieser Felsen? Und die kleinen Segelboote in weiter Ferne - sind sie deine Freiheit und deine Bewegung?"
Vinzenz sieht konzentriert auf das Bild: "Vielleicht hast du recht - Es könnte sein, dass ich unbewusst gerade dieses Motiv aus einem ganz bestimmten Grund gewählt habe..."
Diese Unterhaltung ist eine neue Erfahrung für uns: Anhand eines Bildes und später auch Ereignissen, die wie zufällig erscheinen, äußere Parallelen zu Verhaltensweisen und Gefühlen zu sprechen. Vinzenz weist uns besonders auf sein Signet hin, ein kleines Hufeisen am rechten unteren Bildrand, auf diesem Blatt ergänzt mit einer 1: "Ich werde künftig alle gelungenen Bilder signieren und nummerieren. Dieses Bild lasse ich hier im Ort rahmen und nehme es mit nach Hause als Weihnachtsgeschenk für meine Frau! Regine - weshalb kommst du nicht auch in den Kurs?"
"Ich habe eben die ganze Zeit daran gedacht. Ich habe früher sehr gerne gezeichnet und modelliert - vielleicht kommt etwas davon wieder zum Vorschein. Die Körpertherapeutin sagt mir ohnehin nicht zu. Sie hat keine Ausstrahlung auf mich. Mir scheint fast, sie hat selbst irgendwelche Probleme, die sie bedrücken. Ich möchte auch nicht in Körperkontakt mit Wildfremden treten; es stresst mich. Vielleicht kann ich ohne größere Schwierigkeiten wechseln."
Bei nächster Gelegenheit erzähle ich meinem Stationsarzt von meiner Abneigung gegen die Körpertherapie und die Therapeutin. "Haben Sie Probleme mit Körperkontakt?"
"Eigentlich nicht - ich habe keine Scheu, wenn ich Menschen kenne und mag. Die Gruppenmitglieder sind mir aber fremd. Ich will keine Intimität mit Fremden!"
"Ich werde mit dem Kunsttherapeuten sprechen und Ihnen morgen einen Gesprächstermin weitergeben."
Ein freier Nachmittag. Ich fahre wieder einmal mit dem Wagen nach Dresden. An den bekannten historischen Gebäuden vorbei. Entlang den Elbe-Auen, über die Brücke Blaues Wunder zum Schloss Pilnitz. Ich liebe diese Stadt seit meinem ersten Besuch, nehme die Eindrücke bewusst wie Atemzüge in mich auf. Übersetzen mit der Schlossfähre, der Weg zurück in die Klinik. Stets begleitet von meinem Gedankenkarussell, und gegen Ende der Fahrt auch von meinen Tränen. Ich überdenke noch einmal das Gespräch mit dem Oberarzt, seine mehrfachen erstaunten Fragen, ob ich kein Schuldbewusstsein über die Entwicklung meines Sohnes verspüre. Aber weshalb verliere ich jetzt wieder die Fassung? Jetzt, nachdem ich bereits der überzeugten Meinung war, die familiären Probleme der Vergangenheit bereits bewältigt zu haben?
Ich fahre an den Straßenrand, überlasse mich meinen Gefühlen, bis die Tränen versiegen und ich mich trotz meines verweinten Gesichtes erleichtert fühle Um mich abzulenken, kaufe ich unterwegs eine Zeitschrift, finde darin Fotografien von Großkatzen in ihrer natürlichen Umgebung. Eines davon nehme ich in meinem Zimmer als Zeichenvorlage, pause ab, und verändere die Farben. So entsteht aus einem Puma der Panther, den ich vor einigen Tagen so ungeübt ausdrücken wollte: in der Dunkelheit auf einen Ast geduckt, mit aufmerksamen Augen, gespanntem Körper, bereit zu Angriff oder Rückzug.
Ich male anfängerhaft, beherrsche keine Technik, trotzdem bin ich mit dem Ergebnis sehr zufrieden und hefte das Bild an die Pinnwand meines Zimmers. Ich sehe immer wieder hinüber. Es drückt auf eigenartig fesselnde Weise meine Stimmung aus.
Vinzenz kommt sehr blass zum Abendessen, hat müde Augen. Er ist mit seinem zweiten Bild nicht zufrieden. Ellen hat für jeden das richtige Wort, tröstet auch Vinzenz: "Kreativität macht müde. Du hast dich etwas verausgabt - überanstrenge dich nicht!"
Später auf meinem Zimmer fällt mein Blick häufig auf das Pantherbild, seinen geduckten Kopf, die gelben Augen mit weit geöffneten schwarzen Pupillen. Die im Bild ausgedrückte Spannung und Aggression bereitet mir jetzt leichtes Unbehagen, und ich nehme es von der Pinnwand, lege es zurück in den Zeichenblock.




