Gespräch um 9 Uhr mit dem Oberarzt der Station, der sich ein Bild von mir machen und die anschließende Behandlung mit dem Stationsarzt besprechen wird. Mein Stationsarzt und ich gehen pünktlich hinüber in den Verwaltungstrakt; er klopft an die Tür, öffnet sie, führt einen leisen Wortwechsel, schließt sie wieder. Nach einiger Zeit tritt der Oberarzt aus seinem Zimmer und fragt meinen Stationsarzt, wann er den nächsten Termin habe.
"In einer Stunde. Ich muss aber vorher noch ein Telefonat führen und einige Unterlagen zusammenstellen."
"Unser Termin verschiebt sich um eine halbe Stunde." Mit diesen Worten geht der Oberarzt wieder zurück in sein Zimmer und schließt die Tür. Bis jetzt hat er mich weder angesehen geschweige denn begrüßt oder sich nach meinem eigenen nächsten Termin erkundigt.
Mein Stationsarzt entschuldigt sich bei mir und beginnt, Fotokopien auf dem in einer Nische des Flures stehenden Gerät zu fertigen. In mir steigt Wut auf. Wut, die ich in letzter Zeit sofort empfand, wenn mein eigener Vorgesetzter einen vereinbarten Termin nicht einhielt, damit meinen Zeitplan umstieß und mir zusätzliche Belastungen durch das dadurch erforderliche Umdisponieren aufhalste.
Mein Stationsarzt kommt zurück und nimmt neben mir auf der Ledercouch im Flur Platz. Ich erzähle ihm von der in mir aufsteigenden Aggression. Er hakt nach, möchte mehr über meinen Arbeitsplatz wissen, fragt dann: "Empfinden Sie mir gegenüber ebenfalls Aggressionen?" "Nein, das Verhältnis zu Ihnen empfinde ich eher als Teamarbeit."
Er sagt distanziert: "Sie können sich nur selbst helfen. Anderenfalls würden Sie sich
therapeutenabhängig machen!"
"Aber SIE haben doch die Ausbildung...?"
"Sie dürfen sich nicht therapeutenabhängig machen!"
Wieder öffnet sich die Tür, Oberarzt und Chefarzt treten heraus, noch minutenlang in leises Gespräch vertieft. Dann geht der Chefarzt in sein eigenes Zimmer, der Oberarzt begrüßt mich mit Handschlag und fordert uns auf, einzutreten. "Bitte nehmen Sie Platz! Wie geht es Ihnen?"
Ich beginne mit der schlechtesten aller Einleitungen, einem Vorwurf: "Ich fühle mich sehr angespannt und in äußerst unangenehmer Weise an eine verhasste berufliche Situation erinnert: Das Warten im Vorzimmer meines Chefs, wenn er wieder einmal seinen Terminplan nicht einhält und damit meinen gesamten übrigen Tagesplan über den Haufen wirft!"
Ich bin ärgerlich, und seine offensichtlich nicht vorhandene Bereitschaft, ein Wort der Entschuldigung über die Verspätung zu äußern, treibt mich, eine Spitze zu setzen, ihn ebenfalls als Untergebenen zu demonstrieren: "Offensichtlich war es aber nicht ihre Schuld. Ich habe ja gesehen, dass Sie vom Chefarzt mit Beschlag belegt wurden und muss deshalb wohl Verständnis für die Verschiebung haben..."
Er stellt in kühlen Worten klar, wer in dieser Runde das Sagen hat: "Ich behalte mir Terminänderungen auch ohne Erklärung vor!"
Mein Stationsarzt informiert den Oberarzt über seine bisherigen Eindrücke von mir; ich höre, dass diverse mir unbekannte "Schienen" mehr oder weniger stark besetzt seien. "Sie fühlt sich im Beruf sehr stark für andere verantwortlich..."
Er erzählt in kurzen Worten von meinem Klinikwechsel. "Sie fühlte sich dort auch für die anderen Patienten verantwortlich."
Dann erwähnt er mein Angebot an die Traurige, sie zu ihrer Familie zu fahren: "Sie wollte sogar am Heiligabend eine Mitpatientin eine erhebliche Strecke mit dem Wagen fahren."
Mein Stationsarzt berichtet auch über die Drogenabhängigkeit meines Sohnes. Frage des Oberarztes an mich: "Sicher haben Sie große Schuldgefühle deswegen?"
"Nein, nicht mehr. Ich habe als Ventil für meine Gefühle die Geschichte unserer Familie aufgeschrieben. Während des Schreibens wurden mir meine Fehler bewusst, aber ich habe es damals nicht besser machen können. Es gab so viele Belastungen in meinem Leben, und ich hatte keine Zeit und keine Energie, Probleme zu lösen.
Heute weiß ich, dass mein Sohn mehr Zuwendung und vor allem familiäre Harmonie gebraucht hätte, aber damals schien er mir so robust, dass ich auch ihn jahrelang überfordert habe. Ich war so erschüttert darüber, dass ich glaube, dies hat mir den Rest zu meiner schlechten Verfassung gegeben.
Aber nachdem ich es aufgeschrieben und erkannt hatte, wie viele Einflüsse insgesamt gewirkt haben, waren die Ereignisse nur noch von der Art Bedeutung für mich, dass ich die gleichen Fehler nicht wiederholen werde. Ich habe meine Vergangenheit abgelegt und möchte an einer schöneren Zukunft arbeiten!"
"Das ist wirklich erstaunlich! Sie haben wirklich keine Schuldgefühle?"
"Ich akzeptiere, was geschehen ist. Ich will mich nicht selbst zerfleischen. Wem soll das nützen?"
"Wie ist das Verhältnis zu Ihrem Mann, seitdem Ihr Sohn nicht mehr zu Hause lebt?"
"Ich bin sicher, er fühlt sich jetzt besser. Meine lokale Ärztin sagte, die beiden seien eifersüchtig aufeinander gewesen. Mein Mann war noch sehr jung, als wir uns kennenlernten, erst 22 - so alt wie mein Sohn heute und vermutlich überhaupt noch nicht in der Lage, eine Vaterrolle zu übernehmen, so wie ich es mir erhofft hatte. Und ich bin meinem Sohn irgendwie dankbar. Durch seine Abreise und die damit von mir genommene Verantwortung konnte ich erst einen klareren Blick für meine übrigen Probleme bekommen. Mein Mann und ich konnten eine neue Beziehung aufbauen - und meine berufliche Überlastung werde ich als Nächstes lösen."
Die angesetzten 20 Minuten sind um. Er erhebt sich, verabschiedet mich mit Händedruck, bittet meinen Stationsarzt, noch zu bleiben. Ich gehe hinaus, bin verwirrt, so ausgefragt und dann ohne Erklärung des weiteren Therapieverlaufes entlassen worden zu sein. Noch 20 Minuten bis zum Beginn der vom Stationsarzt geleiteten Gesprächsgruppe. Ich verlasse die Klinik, gehe einen der Feldwege entlang, rauche mehrere Zigaretten hintereinander, fühle mich sehr unruhig. Zeit, in den Gruppenraum zu gehen.




