Am Nachmittag dann erste Teilnahme an der Mittwoch-Veranstaltung der "Suchtgruppe". Die Tür der Bibliothek ist noch verschlossen. Eine Anzahl Patienten wartet bereits in der Nähe, teils auf Sofas und Sesseln der Sitzgruppe im Treppenhaus, teils auf Treppenstufen sitzend oder stehend. Man kennt sich bereits aus anderen Therapieveranstaltungen oder zumindest vom Sehen. Erstaunter Ausruf eines jungen Mannes aus meiner Gruppe: "Sie nehmen auch teil?"
Zwei Therapeuten treffen ein und öffnen die Tür. Ich muss kurz über einen in der Klinik kursierenden Witz lächeln: Der Unterschied zwischen Patienten und manchen Therapeuten bestehe darin, daß die Therapeuten im Besitz von Schlüsseln seien.
Viel Zeit vergeht mit Stühlerücken. Es wird ein Kreis gebildet, der ständig für Nachzügler vergrößert wird; Niemand soll außerhalb sitzen. Die "Neuen" sollen sich kurz vorstellen.
Zwei Patienten möchten sich das Rauchen abgewöhnen, eine Patientin "das Glas Wein am Abend". Eine weitere Patientin fühlt sich zu aufgewühlt, offen zu sprechen, deutet Suchtprobleme ihres Ehemannes an, unter denen sie sehr leidet. Ich stelle mich ebenfalls vor: Name, Alter, Heimatort und Bundesland. "Ich habe mir zu viele Sorgen gemacht, zu viel gearbeitet, zu viel gegessen, geraucht und getrunken, zu wenig geschlafen, und fühle mich sehr gestresst und erschöpft." Der Kreis der Teilnehmer blickt mich aufmerksam und verständnisvoll an.
Eine der Therapeutinnen fragt in die Runde, ob jemand über sein Befinden sprechen möchte. Eine Frau mittleren Alters mit sehr rauher Stimme berichtet, dass sie ohne eigene Anstrengung ohne die mindestens vierzig Zigaretten pro Tag ausgekommen sei und die anfängliche Entzugsheiserkeit schon fast überstanden habe.
Eine andere, überschlanke Frau spricht: "Ich bin die Vera. Ich habe während der ganzen letzten Woche regelmäßig gegessen und mich danach nicht erbrochen. Ich habe gut auf Alkohol verzichten können. Mein Therapeut hat mir erklärt, dass mein Verhalten eine Trotzreaktion gegen die Überfürsorge meines Vaters war. Er hat mir alle Entscheidungen abgenommen und alle Dinge für mich geregelt, und ich habe mich auf diese Weise dagegen gewehrt." Ihr magerer, kindlicher Körper steht in krassem Gegensatz zu ihrem vom Leben gezeichneten, stark geschminkten Gesicht und ihren stark gebleichten Haaren.
"Ich habe mich während der letzten Woche ebenfalls besser gefühlt, habe wieder Hoffnung geschöpft, ich könnte es doch noch schaffen, mich nicht für den Selbstmord meiner Schwester verantwortlich zu fühlen..." Leise Worte einer blassen, sehr ernsten Patientin um die Dreißig, deren stark zerkratzte Handrücken mir bereits beim ersten Hinsehen auffielen. Während sie spricht, zieht sie die Schultern hoch und verbirgt ihren Hals bis übers Kinn in ihrem Pulloverrollkragen.
Bei ihren Worten schluchzt Tina auf, die junge Frau aus der B-Gruppe meiner Station, und sagt mit kläglicher Stimme: "Aber ich habe es wieder getan. Ich konnte nicht anders. Jemand hat etwas zu mir gesagt, das mich verletzt hat. Ich bin dann in mein Zimmer gegangen und habe mich so fest ich konnte gekniffen und gekratzt. Ich wollte diesen Schmerz in mir noch verstärken, damit er herauskann..."
Mir wird jetzt langsam klar, wovon die beiden sprechen. Sie fügen sich selbst Wunden und Schmerzen zu. Gestern sah ich Tina, wie sie den Flur unserer Station entlanglief, in ihr Zimmer ging und die Tür hinter sich zuwarf. Kurz darauf hörte ich sie mehrmals gequält aufstöhnen. Kurze Zeit später sah ich sie in lebhaftem, fröhlichem Gespräch mit anderen Jugendlichen in der Halle.
Wieder bin ich schockiert durch das unvorbereitete Einstürzen einer schweren Problematik auf mich, frage mich, wie ich unter solchen Umständen dazu finden soll, selbst klare Gedanken zu fassen.
Eine längere Pause entsteht. Dann fragt eine Therapeutin die attraktive, junge Frau mit dem schwingenden Gang aus der Körpertherapiegruppe, ob sie etwas sagen möchte.
"Nein!" Pause.
"Nein, ich möchte nichts sagen!" Pause.
"Doch, Sie haben Recht! Ich möchte etwas sagen! Ich kann meinen Kaufzwang immer noch nicht beherrschen - das Geld, das ich eigentlich in den nächsten Tagen als Eigenbeitrag an die Klinik zahlen sollte, habe ich bereits für alles Mögliche ausgegeben, für Dinge, die ich hier wirklich nicht brauche!"
Ein Gruppenteilnehmer fragt sie nach dem möglichen Grund ihres Kaufzwanges. Sie lächelt, sagt, dass es ihr in Wahrheit zum Heulen ist, sie sich sehr allein fühle und nach Zuwendung und Gesellschaft sehnt. "Ich verwöhne mich mit diesen Käufen, gebe mir damit, was ich von anderen nicht erhalte!"
Ich bin sehr überrascht. Sie machte auf mich einen regelrecht umschwärmten Eindruck, während des Essens stets in lebhafter Unterhaltung mit ihren Tischkollegen, häufig strahlend lächelnd. Sie spricht weiter: "Ich fühle mich oft so allein in meinem Zimmer und traue mich nicht, jemanden anzusprechen. Ich habe große Angst, bei einer Zurückweisung als die Doofe dazustehen..."
Ellen möchte am Abend ein Konzert im Haus besuchen. Vinzenz freut sich bereits auf ein Kabarett in der benachbarten Reha-Klinik. Beide fragen mich, ob ich mitkommen möchte. "Nein, vielen Dank - aber ich bin sehr erschöpft von den starken Eindrücken des Tages. Ich möchte lieber allein sein." In meinem Zimmer vertreibe ich mir die Zeit bis zum allabendlichen Anruf meines Mannes mit Lesen, lege aber das Buch immer wieder zur Seite, um meinen Gedanken nachzuhängen, das tagsüber Gehörte irgendwie einzuordnen. In dieser Nacht schlafe ich wieder nur während kurzer Phasen, die mit lebhaften Träumen erfüllt sind, liege dazwischen lange Zeiten wach, auf den nächsten Morgen wartend, der nicht kommen will. Es war mein achter Tag in dieser Klinik.




