Gesprächsgruppe am nächsten Morgen. Gruppen A und B gemeinsam mit meinem Stationsarzt, der Stationsärztin der B-Gruppe und den Schwestern. Einige Worte der Ärzte über die Organisation der bevorstehenden Weihnachtsfeiertage, dann die Frage meines Stationsarztes nach aktuellen Anliegen.
Die beiden Frauen, die bereits um Zustimmung zu Fahrten nach Hause und dortiger Übernachtung gebeten hatten, wiederholen zaghaft ihre Bitte. Der Arzt bietet wieder Aufenthalt in der Klinik als Alternative an, erwähnt, dass er ebenfalls anwesend sei, seine Familie deshalb auf ihn verzichten müsse, und er aufgrund des hohen Alters seiner Eltern nicht sicher sei, ob er das Fest im nächsten Jahr noch mit ihnen gemeinsam feiern könne.
Die Mundwinkel meiner Klinikpatin beginnen zu zittern, als sie bemerkt, dass auch jetzt keine Zusage erteilt werden wird. Die Traurige bittet noch einmal mit unbewegtem Gesicht und leiser Stimme um klare Genehmigung oder Absage. Wieder vertröstet sie der Stationsarzt mit Hinweis auf erforderliche Gespräche und Oberarztgenehmigung.
Vinzenz folgt dem Gespräch sehr aufmerksam, schüttelt mehrmals den Kopf. Dann schaltet er sich ein, beschuldigt den Stationsarzt heftig, die Patientin wie eine Marionette herzlos zappeln zu lassen: "Quälen Sie doch die Frau nicht so! Wenn sie nach Hause möchte, dann fährt sie eben! Ich selbst fahre auch über die Feiertage heim!"
Der Arzt wechselt geschickt das Thema: "Haben Sie Ihre Abwesenheit bereits mit Ihrer Ärztin besprochen?"
"Nein, das werde ich noch rechtzeitig tun. Aber auch wenn sie nicht zustimmt: Ich fahre! Meine Familie hält noch auf Tradition!"
Tina, knapp 20 und jetzt sichtlich wütend, adressiert Vinzenz: "Weshalb mischen Sie sich dauernd ein, reden entweder über sich selbst oder für andere, statt diese selbst reden zu lassen? Sie gehen mir so auf die Nerven - ich würde Ihnen am liebsten ins Gesicht schlagen!"
Vinzenz kontert gelassen: "Jeder soll seine Meinung äußern - weshalb soll ausgerechnet ich nicht sagen dürfen, was ich denke?"
Dies wird ihm vom Stationsarzt freundlich als richtig bestätigt.
Maria bringt das Gespräch zum Ursprung zurück, der Bitte der Patientin, den Weihnachtsabend zu Hause verbringen zu dürfen: "Ich habe lange für die Rechnungsstelle der Krankenkasse gearbeitet. Urlaub ist überhaupt kein Problem, wird von der Klinik nur gemeldet und dementsprechend nicht abgerechnet. Wenn die Klinik das Geld jedoch braucht, gibt sie einfach die Abwesenheitsmeldung nicht weiter."
Antwort des Arztes: "Das wäre Betrug. Es geht nicht um die Frage, ob Urlaub gewährt wird oder nicht."
Ich spüre brennendes Mitleid mit der Traurigen.
Rat eines anderen Patienten: "Fahren Sie doch heim und lassen Sie sich abends von der Familie wieder herfahren!"
Ich überlege, ob ich ihr anbieten soll, sie abends abzuholen. Würde ich die Adresse in mir fremder Umgebung finden? Ich möchte ihr helfen: "Ich könnte Sie tagsüber zum Kaffeetrinken zu Ihrer Familie fahren, mir für zwei Stunden die Stadt ansehen, und sie dann wieder zurück in die Klinik bringen...?" Sie lehnt ab. Es muss am Heiligen Abend sein.
"Jetzt ist schon über eine Stunde vergangen, ohne dass in dieser einfachen Frage eine Entscheidung getroffen wurde!" - Vorwurf von Maria.
Die Traurige entschuldigt sich, sagt, dass ihr die Aufmerksamkeit der Gruppe sehr unangenehm sei, sie nicht die kostbare Zeit allein für ihr Problem vertan haben will, lediglich ein klares Ja oder Nein hören möchte. Freundliche Frage des Arztes: "Weshalb haben Sie die Frage dann nicht während eines Einzelgespräches, sondern vor der Gruppe gestellt?"
Dann wird ihr die Spannung zu groß. Es bricht aus ihr heraus: Ihre Mutter und Großmutter seien in den vergangenen Jahren kurz vor oder direkt an Weihnachten gestorben, deren Plätze an der Weihnachtstafel jetzt leer. Sie selbst wolle sich noch nicht aufgeben, sondern am Weihnachtsabend am Tisch sitzen.
Langes Schweigen. Der Arzt spricht behutsam von Verlusten, die von jedem Menschen zu irgendeinem Zeitpunkt ihres Lebens zu bewältigen sind, dass der Wunsch zum Heimfahren nur die Oberfläche war, die Patientin nach wochenlangem Schweigen über ihren Kummer jetzt offen über den Grund sprechen kann: ihren Schmerz über den Verlust von geliebten Menschen.
Der Schwabe sieht den Arzt beschämt an, macht einen sehr betroffenen Eindruck: "Ich möchte mich bei Ihnen entschuldigen. Jetzt verstehe ich erst..."




