Ellen will jetzt sofort gehen, sagt leise, dass sie es nicht aushält, weiter der Diskussion zuzuhören. Ich folge ihr, trage ihr die versehentlich zurückgelassene Tasche und die Teekanne nach. Wir verabreden, uns in einigen Minuten an einem der Ausgänge zu treffen.
Während des gemeinsamen Spazierganges redet Ellen in abgehackten Sätzen, schluchzt krampfhaft. Von ihren drei wohlgeratenen Töchtern weiß ich bereits aus Gesprächen während der gemeinsamen Mahlzeiten. Jetzt bricht aus ihr heraus, dass sie sich ihr ganzes Leben lang von ihrer Mutter abgelehnt fühlte. "Sie hat mich nie geliebt! Auch nicht, als ich noch ungeboren in ihr war, ihre Liebe bereits gebraucht hätte, um ein selbstbewusster Mensch zu werden!"
Sie macht ihre Mutter für das Unglück ihres Lebens verantwortlich: "Ich musste einen Mann heiraten, der mich nicht geliebt hat, mir immer untreu war, und der mich trotz der drei Kinder verlassen hat. Mein über alles geliebter Vater ist im Krieg gefallen. Meiner Mutter war ich eine Last. Sie hat mich das immer spüren lassen und meine beiden jüngeren Schwestern vorgezogen. Ich war immer nur für die Dreckarbeit gut..."
Die Mutter hat ihr bereits mehrmals in die Klinik geschrieben, sie aufgefordert, umgehend wieder nach Hause zu kommen. Ich frage Ellen: "Bist du deiner Mutter behilflich? Wird sie von dir versorgt?"
"Ja, natürlich, sie wohnt doch ganz in meiner Nähe, und meine Schwestern haben angeblich keine Zeit... Meine Mutter beschuldigt mich, mir hier einen schönen Lenz zu machen und sie im Stich zu lassen. Sie hat nicht die geringste Ahnung, wie anstrengend Psychotherapie ist! Sie hat eine unglaubliche Macht über mich - ich muss hier lernen, mich zu wehren, mich nicht mehr ausnutzen zu lassen. Ich kann nicht mehr und bin bereits Frühinvalidin - aber ich möchte so gerne wieder in meinem Beruf als Krankenpflegerin arbeiten!"
Dann erzählt sie von einer bereits 17 Jahre bestehenden Partnerschaft mit einem Landwirt: "Ich liebe ihn nicht, deshalb habe ich in all den Jahren meine eigene Wohnung behalten. Er braucht mich, und ich will ihn nicht im Stich lassen. Ich führe ihm den Haushalt und kümmere mich seit Jahren auch um seinen schwer alkoholkranken Sohn, der mit ihm in der Wohnung lebt. Aber ich erhalte keinen Dank - alles ist selbstverständlich. Ellen macht das schon! Aber ich werde mir reiflich überlegen, ob ich in diese Verhältnisse zurückkehre, an denen ich unweigerlich zugrunde gehen würde!"
Wir gehen Runde um Runde um den Klinikkomplex, sie spricht und spricht, wird langsam ruhiger. Zurück in der Klinik verabschieden wir uns herzlich. Sie fällt mir um den Hals, drückt mich an sich. Wir tauschen unsere Klinik-Telefonnummern aus.
"Ellen, du kannst mich jederzeit anrufen, wenn du ein Gespräch brauchst - auch nachts!"
"Ich danke dir sehr für deine Fürsorge - ich fühle mich wirklich sehr schlecht... Mein Herz brennt wie Feuer!"




