Der Speiseraum ist bereits nahezu leer, als ich kurz vor Ende der Frühstückszeit eintrete, meine Tischgenossen ebenfalls schon gegangen. Die noch im Saal Verbliebenen unterhalten sich nicht oder unhörbar leise - es liegt eine ungewohnte Stille über dem Raum.
Nach dem Frühstück Massage, dabei ein Plausch mit der erfrischend natürlichen Masseurin, eine Fango-Paraffin-Packung, warm eingehüllt in wohltuender Ruhe. Schwimmen. Zeit zum Mittagessen. Im Speisesaal ist es wieder beklemmend still.
Die Stimmung meiner Tischnachbarn scheint niedergeschlagen. Mein Gegenüber beginnt ein Gespräch: "Mir ist heute etwas sehr Merkwürdiges passiert - ich habe wie einer Eingebung folgend ein Gedicht geschrieben, ohne nachzudenken. Es floss mir regelrecht aus der Hand, handelt von Frieden und Verstehen auf der Welt, auch in den Familien. Gerade als ich die letzte Zeile beendet hatte, erfuhr ich vom Selbstmord einer Patientin aus meiner Therapiegruppe gestern am späten Abend. Ich bin sehr erschüttert I"
Ich kannte die Frau, von der die Rede ist, und bin bestürzt - gestern Abend... Zur gleichen Zeit, als ich entspannt zeichnete und später meinen Zukunftsträumen nachhing, ereignete sich in unmittelbarer Nähe eine Tragödie...
Er wiederholt: "Ich bin so erschüttert! Gerade in dem Moment, als ich den friedvollen Ausgang des Gedichtes schreibe, höre ich, dass diese Frau sich umgebracht hat..."
Er wendet sich an den Senior zu seiner Rechten, fragt, ob dieser Näheres weiß. Dem alten Herrn schießen Tränen in die Augen; er antwortet leise: "Nein, ich kann es noch nicht fassen! Dieser Tod eines Menschen, den ich durch wochenlange Gruppenarbeit sehr gut kannte, hat mir den Tod meiner Frau wieder entsetzlich frisch in Erinnerung gerufen. Ich kann jetzt nicht weiter darüber sprechen..." Er blickt auf seinen Teller, äußert kein weiteres Wort, wischt sich verstohlen die nassen Wangen.
Mein Gegenüber stochert in seinem Essen, steht auf, verabschiedet sich bis zum Abend. Ich sehe, dass er vom leeren Stuhl neben sich einen Schreibblock aufnimmt und vermute, dass er sein Gedicht gerne vorgelesen hätte, dies aber aus Rücksicht auf den alten Herrn jetzt unterlässt.
Vinzenz trifft ein, macht eine kurze muntere Bemerkung. Ich möchte ihm ersparen, unbeabsichtigt die Gefühle des alten Herrn zu verletzen, und sage vorsichtig, dass dieser sehr deprimiert sei. Vinzenz nickt sofort, mit jetzt ernstem Gesicht: "Ich habe mich heute deswegen mit meiner Stationsärztin verkracht." Er erklärt, dass ein Sondertreffen seiner Gruppe einberufen wurde, um den Tod des Patienten bekanntzugeben und den Mitpatienten die Situation zu erklären.
"Die Stationsärztin wollte mir unbedingt Trauer einreden. Ich bin selbstverständlich ebenfalls berührt, aber ich kannte doch dir Frau kaum - weshalb sollte ich Trauer verspüren?"
Er habe dann die Gruppe aus Empörung vorzeitig verlassen, in seinem Zimmer einen zweiseitigen Brief an die Stationsärztin geschrieben und seinem Herzen Luft gemacht, kritisiert, dass es überhaupt zu einem Selbstmord kommen konnte, es anscheinend an der erforderlichen Sensibilität der Betreuer gemangelt habe. Seit Tagen schon hätte der Patient einen sehr verstörten Eindruck gemacht.
Ein entsprechendes Gerücht höre ich auch am Nachmittag während eines Spazierganges mit meiner Tischnachbarin Ellen, mit der ich sehr schnell zum vertrauten Du fand, und einer weiteren Patientin, die sie mir als Klinikbekanntschaft und mittlerweile gute Freundin vorstellt. "Sie hat sich schon vorher in der Nähe der Bahngleise aufgehalten und ihren Stationsarzt mehrfach um ein Sondergespräch gebeten, ist aber aus Zeitmangel abgewiesen worden. Jetzt haben alle Zeit: Chefarzt, Oberarzt, Stationsarzt; der Staatsanwalt ist mit der Polizei im Haus, und alle Therapeuten und Ärzte, die heute eigentlich frei hätten, sind ebenfalls gerufen worden, um die Patienten zu betreuen!"
Wir kehren auf dem Rückweg in einem Café im Ort ein und beschließen, erfreulichere Themen zu suchen. Ellen kommt aber immer wieder auf den Selbstmord zu sprechen und erzählt die ihr bekannte Geschichte der Toten: Sie wurde als Kind von seinem Vater missbraucht, hatte die Tat aus ihrem Gedächtnis verdrängt. Später traten unerklärliche Kopfschmerzen auf, deren Ursache erst während ihres Klinikaufenthaltes durch Psychoanalyse herausgefunden wurde.
Ellen kann sich nicht beruhigen: "Diese Triebtäter sind Verbrecher, ein Schaden der Gesellschaft! Sie sind es nicht wert, zu leben!" Auf dem Heimweg durch die menschenleeren Straßen schreit sie unvermittelt mit höchster Lautstärke: "Scheiße! Ich hätte merken müssen, dass sie in schlechter Verfassung war! In der Maltherapie gestern Morgen haben wir rote Herzen auf eine Leinwand gemalt, und sie hat sie mit schwarzer Farbe überstrichen... Und wir waren alle ärgerlich auf sie! Scheiße!"
Das Abendessen verläuft schweigsam. Ellens Lippen sind verzerrt, die wenigen von ihr geäußerten Worte kommen undeutlich aus ihrem Mund. Ich biete ihr einen gemeinsamen Spaziergang an. "Ja, sehr gerne! Aber ich möchte vorher noch den heutigen Vortrag des Chefarztes hören: Licht und Schatten, Leben und Tod. Kommst du mit?" Ich begleite sie, höre ebenfalls zu.
Wieder seine wiederholte Aufmunterung zum Näherkommen, Stühlerücken. Sehr leise heute. Er spricht zuerst über seine Überlegungen, seinen Vortrag aufgrund des Todesfalles auf einen anderen Tag zu verlegen, dass er sich dann aber gerade deswegen entschlossen habe, Leben und Sterben anhand von Beispielen aus der Natur als natürlich zu erklären.
Nach seinem Vortrag bittet er wieder um Gefühlsäußerungen aus der Zuhörerschaft. Eine Patientin spricht von der Verstorbenen, ihren traurigen Augen während der letzten Tage, ihr eigenes Bedauern darüber, dass sie nicht helfen konnte. Sie fragt, weshalb die Patientin nicht intensiver vom Klinikpersonal betreut wurde, obwohl sie doch so offensichtlich unglücklich war.
Der Chefarzt umgeht eine direkte Antwort: "Statistisch gesehen ist jeder zweite unserer Patienten selbstmordgefährdet. Wir müssten die ganze Klinik abschließen, Ausgang verbieten, und könnten doch nicht in allen Fällen vorbeugen!"




