Burnouts - Die Mackenburg

... doch Vorsicht - dieser Roman kann das Bewußtsein verändern !

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20. Kapitel VINZENZ

   Es ist Mittwoch und damit Tag der "Großen Gruppe", Teilnehmer üblicherweise die je 8 Patienten der Stationsgruppen A und B, die beiden Stationsärzte und gleichzeitig Gesprächstherapeuten, der Oberarzt sowie die diensthabenden Tagesschwestern. Heute ist nur die Ärztin der B-Station anwesend und begrüßt die Teilnehmerrunde Dann macht sie eine lange Gesprächspause, sieht freundlich und betont gleichmütig in den Raum, fragt die Standardeinleitung aller Therapiegespräche: "Wie geht es Ihnen heute?"

   Eine sehr lange Pause entsteht, meinem Empfinden nach mehrere Minuten lang. Ich blicke verstohlen hoch, sehe die niedergeschlagenen Augen der anderen Patienten. Mein gerade angekommener Tischnachbar aus Schwaben, von mir mittlerweile beim Vornamen Vinzenz genannt, bewegt sich sehr unruhig in seinem Sessel, wirft den Kopf in den Nacken, verdreht mehrmals seine Augen zur Zimmerdecke hin, um seine Genervtheit auszudrücken. Dann stößt er laut hörbar Luft aus, stöhnt mehrmals leise, murmelt: "Lasset uns niederknien und beten..." Eine Weile später äußert er forsch: "Schalten wir doch das Radio ein!" Die Ärztin blickt in die Runde, lächelt, schweigt.

   Dann die gequälte Feststellung von Maria, dass ihr das lange Schweigen unangenehm sei. Sie kenne solche Momente von zu Hause und habe dann stets das Gefühl, die Unterhaltung wieder in Gang bringen zu müssen, wie auch jetzt.

   Bestätigung durch eine Zweite: "Ich habe dann ebenfalls immer das Gefühl, die Situation retten und reden zu müssen..."

   Vinzenz adressiert die Ärztin vorwurfsvoll: "Es ist Ihre Aufgabe, etwas einzubringen, die Unterhaltung in geeignete Wege zu leiten. Ich bin hier Gast, indirekt zahlender Gast, und ich erwarte etwas für mein Geld!"

   Die ältere Patientin, die bei Ausfall des autogenen Trainings bereits sehr unmutig reagierte, pflichtet ihm sofort auf sehr resolute Weise bei: „Diese langen Schweigeminuten sind mir zu dumm!"

   Die Ärztin erklärt, dass einige Menschen etwas länger brauchen, um Gedanken zu ordnen und den Mut aufzubringen, sich frei vor anderen zu äußern. Mit dieser langen Gesprächspause zu Beginn sollen auch die Schüchternen ermuntert werden, über ihre Probleme zu sprechen.

   Wieder tritt Schweigen ein. Für mich ist die Aussage der Ärztin nachdenkenswert. Weshalb? Welchen Bezug haben ihre Worte für mich? Gehöre ich zu den Schüchternen, die erst die Meinungen aller anderen hören, Ähnlichkeiten suchen, um nicht "allein dazustehen", gar wegen einer abweichenden Ansicht verspottet oder kritisiert zu werden? Nein, eigentlich nicht, ich kann mich äußern, vor Menschen sprechen, fühle mich sicher dabei.

   Ich nehme mir vor, künftig in Unterhaltungen mit Richard mehr auf die leisen Töne zu hören, ihm mehr Zeit zu geben, über meine oft aus Gefühlswallungen heraus sehr spontan entstehenden Pläne länger nachzudenken. Seine geäußerten Bedenken nicht als Bremsklotz, sondern als Gedankenanstoß für gründlichere Überlegungen zu werten.

   Vinzenz verliert die Geduld, organisiert auf humorvolle Weise selbst den Gesprächsbeginn: "Also, meine verehrten schüchternen Damen oder Herren, hier ist Ihre Gelegenheit. Alle warten darauf, dass Sie den Anfang machen!" Ein erlöstes Gelächter folgt seinen Worten.

   Meine Klinikpatin richtet das Wort an ihn: "Wie kommen Sie mit Ihrem Leben als Frührentner zurecht? Ich erhalte ebenfalls Berufsunfähigkeitsrente und fühle mich so überaus nutzlos deswegen. Ich würde so gerne arbeiten und meinen Lebensunterhalt selbst verdienen..."

   Vinzenz erklärt ohne Zögern, sich gut zu fühlen, erklärt, dass seine Frau arbeite, er die Hausarbeit übernommen habe und im Rahmen seiner gesundheitlichen Möglichkeiten eine Teilzeitarbeit ausübe. Er verweist mit selbstbewußten Worten auf das Rentenversicherungsprinzip Einzahlen für Notzeiten: "Ich habe nicht die geringsten Probleme und denke ohne Wehmut an meinen früheren Beruf. Ich war vor meiner Operation auf die Möglichkeit meines Todes gefasst und genieße jetzt mein Leben sehr bewusst!"

   "Aber weshalb sind Sie auf Anraten Ihres Arztes in diese Klinik gekommen?"

   "Ich will hier lernen, wieder zuzuhören..."

 

Abhängigkeiten  Aggressionsstörung  Arbeitslosigkeit  Depression  depressive Verstimmung  Erschöpfung  Gedankenkarussell geistige Prostitution  Helfersyndrom  Leistungsdruck  Konzentrationsstörung  psychosomatische Erkrankung  Essstörung  Rückzug  Schlafstörungen  Selbstmord  Angst  Selbstmordgefährdung  Selbstverletzung  sexueller Mißbrauch  Suchtgefährdung  Trauer  Überforderung  Überlastung  Verhaltensstörung  Verlust  Zwänge

Frühere Veröffentlichung:

Goodbye, Robin

ENGLISCHE ÜBERSETZUNG
als KAPITEL-SERIE



Referenzen und Lesungen siehe Autorenhomepage www.ilse-koempel.de


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