An den Flurwänden neben den Zimmertüren sind nummerierte Plexiglasschilder befestigt. Unter vielen dieser Scheiben wurden von jetzigen oder früheren Patienten Motivkarten befestigt: Abendstimmungen, wilde See, oder auch zarte Blumenaquarelle, je nach Stimmung der jeweiligen Bewohner. Ich schiebe eine vor einigen Tagen gekaufte Karte darunter: Drei gezeichnete Mäuse blicken konzentriert auf ein buchstabenbesetztes Herz ähnlich des Fernsehratespiels "Glücksrad": H_RZLICH_N GLÜCKW_NSCH Z_M. G_B_RTSTAG! Eines der drei Mäuschen sieht konzentriert auf die Tafel und sagt per Sprechblase: "Ich kaufe ein Ypsilon!"
Anlass zum Kauf der Karte war meine Erinnerung an einen Kandidatentest im Frankfurter Holiday Inn Hotel, an dem ich vor einigen Monaten auf meine Bewerbung hin teilgenommen hatte, eine kurzfristige Flucht in eine andere Welt außerhalb meiner Probleme. Würde ich jetzt etwas erraten müssen, ginge es mir wohl wie dem Mäuschen.
Während der Befestigung der Karte unter dem Plexiglas kommen zwei Mitpatientinnen neugierig näher und studieren aufmerksam das Bildchen. Eine lacht: die Rheinländerin Maria, die vor einigen Tagen bei der Erwähnung von Übergewicht um Rücksicht auf meine Gefühle bat. Sie amüsiert sich: "Da fraacht doch de Jecke nach et Ypsilon statt et E oder et U!"
Die andere reagiert nicht. Es ist die traurige Patientin, die den Weihnachtsabend mit ihrem Sohn verbringen möchte. Wieder spüre ich, dass ich innerlich sehr angerührt bin von ihrer Teilnahmslosigkeit, ahne, dass ich während des Bootsurlaubes vor wenigen Monaten an der Schwelle ihres Zustandes war und glücklicherweise nicht tiefer abgerutscht bin.
Für einen Augenblick schäme ich mich vor ihr wegen der Scherzkarte und meiner augenblicklichen fröhlichen Stimmung, spiele mit dem Gedanken, die Karte wieder zu entfernen, um die Traurige nicht durch Heiterkeit zu kränken. Dann gebe ich mir einen energischen Ruck. Ich darf mich auf keinen Fall von ihrer Situation noch weiter deprimieren lassen, will unter allen Umständen eine positive Denkweise einschlagen, und, wichtiger noch, die mich so häufig überfallenden Zweifel, wie etwas bei anderen "ankommt", ablegen.




